1849 bis 1945 – Österreich und der Luftkrieg

Dieser Artikel wurde am 17. Juli 2020 überarbeitet.

Schon 1935 wurden in Österreich Überlegungen angestellt, wie die Zivilbevölkerung in zu erwartenden Luftkriegen am besten geschützt werden könnte. Am 24. April dieses Jahres wurde zu diesem Zwecke der Österreichische Luftschutzbund (ÖLB) gegründet. Acht Jahre danach machte sich die Vermittlung theoretischen Wissens praktisch bezahlt. Ab Sommer 1943 verlor Österreich seinen inoffiziellen Status als „Luftschutzkeller des Reichs“, als auch hierzulande strategische Bombardements stattfanden, nachdem die US-Luftflotte vom italienischen Foggia aus die damaligen Donau- und Alpen-Reichsgaue erreichen konnte. Doch die eigentliche Geschichte des Luftkrieges begann bereits 1849.


1849 – Österreich gegen Venedig


Ab März 1848 befand sich Österreich im Krieg mit dem Königreich Sardinien. Dieses strebte mit dem Königreich beider Sizilien, dem Vatikan und dem Großherzogtum Toskana im Zuge des Ersten Unabhängigkeitskrieges die Einigung Italiens an. Dafür war es notwendig, die österreichische Herrschaft über Norditalien zu beenden. Im Zuge dieser Auseinandersetzung kam es zwischen Mai und August 1849 zur Belagerung Venedigs durch österreichische Truppen unter dem Oberkommandierenden Josef Graf Radetzky.

Als die Belagerung nicht zum gewünschten Erfolg, der Kapitulation, führte, richtete Graf Radetzky ein Schreiben nach Wien:

„Hauptquartier Verona den 2. Juni 1849. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der Herr Generalmajor von Hauslab eine Erfindung gemacht hat, Luftballons mit Bomben zu schleudern [!], womit vor seiner Majestät dem Kaiser vollkommen befriedigende Versuche angestellt worden seyn sollen. Da diese Erfindung bei der im Zuge befindlichen Belagerung Venedigs, von dessen uns nächsten Ufer wir noch immer 5.000 Schritte entfernt sind, und wohin Projectile daher nicht reichen, Nutzen gewähren könnten, so stelle ich an ein hohes Kriegsministerium das ergebenste Ansuchen, mir mit möglichster Beschleunigung alle Mittel an die Hand zu geben, um diese Erfindung, wenn sie sich wirklich bewährte, vor Venedig in Wirksamkeit bringen zu können. Radetzky.“[1]

Tatsächlich geht diese Erfindung allerdings nicht auf Franz von Hauslab zurück, sondern auf dessen militärischen Untergebenen Franz Uchatius. Seine Waffe bestand aus einem unbemannten Heißluftballon von sechs Metern Durchmesser. An diesem war eine Bombe befestigt, die mit Schwarzpulver befüllt war. Der Abwurf der Bombe verlief nach einem komplizierten System: Eine langsam abbrennende Zündschnur brachte nach einer gewissen Zeit einen kleinen Sprengsatz zur Explosion, der das Seil durchtrennte, an dem die Bombe aufgehängt war. Je nachdem, wo sich der Ballon zu diesem Zeitpunkt befand, fiel die Bombe ins Zielgebiet oder auch nicht. Beim Einschlag explodierte sie. Vor dem Aufstieg des Ballons musste also genau die Windrichtung, seine Stärke und natürlich die Entfernung zum Ziel berechnet werden, um den Ballon von der richtigen Seite und der den Verhältnissen entsprechenden Länge der Zündschnur anfliegen zu lassen.

Am 15. Juli 1849 gelang mittels dieser Ballonbomben der erste Luftangriff der Welt. Vom Schaufelraddampfer „Vulkan“ aus ließ Uchatius einen seiner Ballone aufsteigen, der in Richtung Venedig trieb und nach einiger Zeit die Bombe warf. Quellen zufolge fielen die meisten ins Wasser, nur eine Erwähnung zeugt von einem Einschlag am Lido di Venezia. Am 24. August ergab sich die Stadt den Österreichern, weil durch die Belagerung Hungersnöte ausgebrochen waren und grassierende Epidemien nicht behandelt werden konnten. Die Ballonbomben entfalteten höchstens einen psychologischen Effekt auf die Moral der Belagerten.[2]


Der Luftkrieg zwischen 1914 und 1918


Im Ersten Weltkrieg entwickelte sich eine neue Form der Kriegsführung. Städte und Fabriken wurden aus der Luft, anfangs von Zeppelinen aus, bombardiert. 1914 flog Deutschland Angriffe gegen England, Frankreich und Belgien  – Deutschland wiederum wurde von englischen und französischen Flugzeugen unter Feuer genommen. Ziele waren zum größten Teil Industrieanlagen kriegswichtiger Produktion, wie chemische Fabriken und Sprengstoffwerke sowie Eisen- und Stahlwerke, um den Nachschub an neuem Kriegsmaterial des jeweiligen Gegners zu bremsen oder zu stoppen. Zudem erhoffte man sich durch die ständige Gefährdung der Arbeiter in den Fabriken moralische Auswirkungen auf die Bevölkerung. In der Folge informierten die deutschen Behörden mittels Plakaten und Presseaussendungen schon 1916 über die Bedrohung aus der Luft und wiesen die Menschen an, sich entsprechend vorsichtig zu verhalten. 1917 wurden Verdunkelungsmaßnahmen angeordnet und der aktive Luftschutz in Form von Fliegerabwehrkanonen ausgebaut.

Österreich wurde damals noch nicht vom Krieg aus der Luft erreicht. In Deutschland jedoch starben bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bei Luftangriffen durch England und Frankreich etwa 700 Personen, während in England etwa die doppelte Zahl an getöteten Menschen durch deutsche Bombardements zu beklagen war.[3]


Luftschutzbünde, Durango und Guernica


In der Folge formierten sich in den politisch instabilen und teils durch aggressive Rhetorik bestimmten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg Luftschutzvereine, deren Mitglieder und Betreiber sicher waren, dass ein neuer Krieg zweifellos mit intensiver Luftkriegsgefahr verbunden sein würde: 1927 wurde der „Verein Deutscher Luftschutz“ ins Leben gerufen und 1931 die „Deutsche Luftschutzliga“. Unter Hermann Göring schließlich wurde 1933 der Reichsluftschutzbund gegründet, der die beiden vorgenannten Vereine in sich zusammenführte und als Ziel die Vorbereitung der Bevölkerung auf einen Luftkrieg verfolgte. Anleitungen zum Ausbau von Luftschutzräumen und für effektive Selbstschutzmaßnahmen wurden ausformuliert und in einem reichsweiten, groß angelegten Ausbildungsprogramm in den Alltag der Menschen eingeflochten.

Auch in Österreich entstanden Vereine, die sich dem Thema Luftschutz widmeten. Beispielhaft sei hier etwa der 1931 gegründete Verein „Tiroler Luftschutz“ erwähnt, der im Mai 1933 während der Innsbrucker Flugwoche die erste Luftschutzausstellung in Tirol organisierte.

„Neben einer größeren Anzahl von Schaubildern und Tafeln, Bombenattrappen, Fliegerbildern waren Gaskampfstoffe und Riechproben durch das Chemische Institut der Universität, Gasmasken durch das österreichische Heeresmuseum, Proben von feuerfestem Anstrich (Cellon), sowie eine reichhaltige Literatur ausgestellt. Ein Keller war als Musterluftschutzraum eingerichtet worden und die österreichischen Vertretungen der Weltfirmen Auergesellschaft und Drägerwerk zeigten moderne Gasschutzgeräte. Ferner beteiligten sich noch die österreichischen Siemens-Schuckert-Werke, Electro-Lux, Minimax A.G. und andere.“[4]

1935 schließlich wurde der „Österreichische Luftschutzbund“ gegründet. Im damals herrschenden Klima aggressiver Innen- und Außenpolitik wollte man für den Fall eines Fliegerangriffs gewappnet sein, auch wenn weder Österreich noch Deutschland zu diesem Zeitpunkt über aktuelle Erfahrungswerte im Luftkrieg verfügten. Um diese Erfahrungen eines modernen Luftkriegs zu sammeln, bot sich kurz darauf die für die Bevölkerung des Baskenlandes leidvolle Gelegenheit. Im Spanischen Bürgerkrieg unterstützten sowohl Deutschland unter Adolf Hitler als auch Italien unter Benito Mussolini die Truppen von General Francisco Franco, der sich mit Teilen der Armee gegen die demokratisch gewählte Regierung gestellt hatte und das Land in einen dreijährigen Bürgerkrieg führte.

1937 griffen deutsche und italienische Flieger Städte im Baskenland an, um den Luftkrieg zu proben. Im März wurde die Stadt Durango bombardiert, wobei hunderte Menschen den Tod fanden.[5] In die Geschichte ist aber vor allem der Angriff auf Guernica im April 1937 eingegangen. Nach diesen beiden Bombardements wurden erstmals die Auswirkungen eines geplanten, großen Luftschlags sichtbar. Hunderte tote Zivilisten lagen in den Trümmern: 336 in Durango, 200–300 in Guernica – fast so viele wie die Anzahl der Luftkriegstoten in Deutschland während des ganzen Ersten Weltkriegs.


Luftschutz im Zweiten Weltkrieg


Nachdem im September 1939 der Zweite Weltkrieg seinen Anfang genommen hatte, landeten schließlich Ende August 1940 erstmals Bomben in Berlin: Die Royal Air Force bombardierte die Stadt als Reaktion auf den am 24. August durchgeführten Luftangriff deutscher Flieger auf London – die ersten Bombentoten Londons wurden mit den ersten Bombentoten Berlins gesühnt. Als direkte Konsequenz ordnete Hitler im Oktober 1940 das sogenannte „Führer-Sofortprogramm“ an. Im Zuge dieses Programms wurden bis Kriegsende tausende Luftschutzanlagen in den Städten des Dritten Reichs errichtet. Hauptsächlich entstanden dabei Hoch- und Tiefbunker sowie Luftschutzdeckungsgräben. Gebäudekeller wurden gemäß den Luftschutzverordnungen adaptiert.[6]

Neben den Baumaßnahmen im Zuge des Führer-Sofortprogramms wurden Bunkerwerke, Stollenanlagen, Höhlen und Bergwerke im ganzen Reichsgebiet für Luftschutz- beziehungsweise Industrieverlagerungszwecke umgestaltet oder neu geschaffen. Vor allem zwischen 1943 und 1945 erreichten die Baumaßnahmen im Dienste des Luftschutzes ihr Maximum.

Österreich galt bis August 1943 als sogenannter „Reichsluftschutzkeller“, weil das Land beziehungsweise die Gaue, die das einstige Österreich umfassten, außerhalb des Wirkungsbereichs der alliierten Fliegerverbände lagen. Es gab nur eine größere Ausnahme: Am 6. und 7. April 1941 griffen jugoslawische Flieger süd- und ostösterreichische Ziele an, nachdem die Wehrmacht in Jugoslawien einmarschiert war. Am 13. August 1943 begann jedoch die Phase der westalliierten strategischen Luftangriffe. An jenem Tage wurden die Wiener Neustädter Flugzeugwerke von US-amerikanischen Bombern angegriffen. Hunderte weitere Bombardements folgten, bis am 1. Mai 1945 über Salzburg der letzte strategische Luftangriff auf heutiges österreichisches Gebiet durchgeführt wurde.


Der typische Luftschutzkeller


Zahlreiche Hauskeller wurden zu Luftschutzzwecken ausgebaut. Meist befand sich in den tiefsten Etagen ein größerer Raum, der als Aufenthaltsraum eingerichtet wurde. Dieser war ausgestattet mit Wasserspritzen, sandgefüllten Kübeln, Feuerpatschen, Haken und Schaufeln, die das typische Inventar jedes Luftschutzraumes darstellten und der Brandbekämpfung dienten. Zusätzlich befand sich hier meist die Luftschutzapotheke, inhaltlich vergleichbar mit einem heutigen Notfallkoffer. Was zu guter Letzt nicht fehlen durfte, waren die Verhaltensregeln und durchzuführenden Maßnahmen im Falle eines Luftangriffs. Diese Maßnahmen wurden in einem Merkblatt im Keller zum Aushang gebracht.

Luftschutzmerkblatt und Kreidebeschriftung an einer Kellertür
Ein seltener Anblick – in einem Keller sind das Luftschutzmerkblatt und eine Kreidebeschriftung erhalten geblieben.

Im Laufe der Zeit wurden diese Relikte des zivilen Luftschutzes abgenommen, übermalt oder im Zuge von Renovierungen entfernt. Deshalb ist der Fund dieser Kombination aus dem mit Kreide aufgetragenen Hinweis auf den Notausstieg und dem angeschlagenen Luftschutzmerkblatt etwas sehr Rares, das nur noch selten zu finden ist.


Transkription des Merkblatts:


„(Im Luftschutzraum an gut sichtbarer Stelle anbringen.)

Merkblatt für das Verhalten der Luftschutzgemeinschaft bei Fliegeralarm.

Was hat der Luftschutzwart oder sein Stellvertreter zu tun?

Falls der Luftschutzwart bei Fliegeralarm nicht anwesend ist, hat diese Tätigkeit stellvertretend zu übernehmen:

  1. [Name des ersten Stellvertreters] … oder
  2. [Name des zweiten Stellvertreters] … oder
  3. [Name des dritten Stellvertreters] … oder
  4. [Name des vierten Stellvertreters] …

Sollte keine der unter 1. bis 4. bezeichneten Personen anwesend sein, so ist die erste im Luftschutzraum eingetroffene luftschutzdienstpflichtige Person verpflichtet, die Tätigkeiten des Luftschutzwartes auszuüben. Diese Person ist auch für die zeitgerechte und genaue Durchführung aller nachstehend angeführten Maßnahmen verantwortlich.

  1. Der Gashaupthahn ist beim Schießen der Flak oder bei Bombenabwurf zu schließen. Die im Luftschutzraum befindlichen Personen abfragen, ob sie die in ihrer Wohnung befindlichen Gasgeräte und Gasmesserhähne geschlossen haben.
  2. Einsatzbereitschaft der Selbstschutzgeräte überprüfen! Handfeuerspritze, Luftschutzhausapotheke, Wassereimer, Einreißhaken, Feuerpatsche und Befreiungswerkzeug beim Mauerdurchbruch, Taschenlampe, Notlicht, persönliche Ausrüstung: LS.-Helm, Gasmaske (Staubbrille und Mundschutz als Ersatz) usw.
  3. Ist im Luftschutzraum Wasser zum Nässen der Decken vorhanden, um mit diesen bei Flächenbränden den Luftschutzraum verlassen zu können?
    Wasserbestand im Luftschutzraum ergänzen!
  4. Feststellen, ob jede Person ihr Luftschutzraumgepäck im Luftschutzraum hat.
  5. Die im Luftschutzraum anwesenden Personen für die einzelnen Selbstschutzdienste einteilen, soweit noch nicht geschehen.
    Diese sind:
    a) Hausfeuerwehr, bestehend aus: Schlauchführer, Spritzenträger, Kübelträger, Wasser- und Sandzubringer mit Feuerpatschen und Einreißhaken.
    b) Laienhelferinnen.
    c) Melder.
  6. Einteilung von Erkundungsstreifen in Stärke von je 2 Personen zur Beobachtung der Stockwerke, Wohnungen und Dachböden. Entsendung in kurzen Zeitabständen, vor allem in den Angriffspausen. Die Erkundungsstreifen gehen vom Luftschutzraum aus und kehren nach Durchführung ihres Auftrages in den Luftschutzraum zurück.
  7. Die Bekämpfung eingetretener Schäden muß spätestens bei der Vorentwarnung voll in Angriff genommen werden.

Führer des Selbstschutzbereiches: [Name]

Standort des Selbstschutztrupps: [Ortsangabe]“


Fußnoten:


[1] Zitiert nach: Frederik C. Gerhardt, London 1916. Die vergessene Luftschlacht (Paderborn 2019), S. 22, online unter:
https://books.google.at/books?id=iN62DwAAQBAJ&pg=PA22#v=onepage&q&f=false (17. Juli 2020)

[2] Gerhardt, London 1916, S. 22–24.

[3] Ralf Blank, Strategischer Luftkrieg gegen Deutschland 1914-1918, online unter:
https://www.erster-weltkrieg.clio-online.de/_Rainbow/documents/einzelne/Luftkrieg14_181.pdf (17. Juli 2020)

[4] Artikel „Luftschutz in Österreich. Tiroler Luftschutzausstellung“. In: Deutscher Luftschutz Verband e.V. (Hg.), Luftschutz-Rundschau H. 7, Berlin, 15. Juli 1933, S. 12, online unter:
http://gsb.download.bva.bund.de/BBK/LR/Luftschutz-Rundschau_1933_7.pdf (17. Juli 2020)

[5] Artikel „Die vergessene Bombardierung“ der Plattform Baskultur.info, online unter:
http://baskultur.info/geschichte/krieg36/395-durango1 (17. Juli 2019)

[6] Weiterführende Informationen zu Fragen des Luftschutzes, siehe:
Marcello La Speranza, Der zivile Luftschutz in Österreich 1919–1945. In: Republik Österreich, Bundesminister für Landesverteidigung (Hg.), Kuckucksruf und Luftschutzgemeinschaft. Der Luftschutz der Zwischenkriegszeit – Avantgarde der modernen ABC-Abwehr und des zivilen Luftschutzes (Schriftenreihe ABC-Abwehrzentrum 8, Korneuburg 2019)


Interne Links:

Mehr zum Luftschutz:
https://www.worteimdunkel.at/?p=3679
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=490#luftschutz

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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