Die Faszination und ich

Foto Thomas Keplinger

Vor etwa zehn Jahren wurde ich mir der starken Faszination bewusst, die unterirdische Gefilde auf mich ausübten. Beinahe täglich erkundete ich damals Keller in Wien oder Höhlen in Niederösterreich. Um mich mit anderen auszutauschen, meldete ich mich im „Unterirdisch-Forum“ an, wo ich viele weitere Orte beschrieben fand, die mir höchst spannend erschienen.
Parallel zu meiner Erwerbstätigkeit und der neuen Leidenschaft der Erforschung des Untergrunds, hatte mich dieses Thema derart in Flammen gesetzt, dass ich beschloss, Geschichte zu studieren.


Kurz darauf hörte ich den Ruf des Bezirksmuseums Landstraße. Der damalige Direktor Karl Hauer suchte nach Forschern, die den Untergrund des dritten Bezirks in Wien (Landstraße) genauer unter die Lupe nehmen sollten. So fand sich eine Gruppe von etwa sieben Personen, die verschiedenste alte Keller und Gewölbe – unter anderem auch die Sankt Marxer Brauereihallen unter der Stadtwildnis – besuchten und erkundeten.
Eine spannende Entdeckung gelang mir, als ich die Genehmigung bekam, den Keller des einstigen Beatrixbades zu untersuchen. Die Forschergruppe des Bezirksmuseums durchstöberte und dokumentierte die alten Gemäuer und förderte so manchen historischen Fund zutage.
Beispielsweise fand ich im Sickerschacht einer unter fünf Metern Sand und Ziegelresten verschütteten Duplex-Kolbenpumpe, die einst das Heizhaus der Badeanstalt mit Wasser versorgte, Schrotflinten und Revolver eines verbohrten Nationalsozialisten. Dieser hatte erst angesichts der einmarschierenden Sowjettruppen beschlossen, lieber doch keinen Widerstand zu leisten und die Waffen im Keller verschwinden zu lassen. Das war ein relativ Leichtes, denn das Bad war seit dem Tod des letzten Heizers 1937 – er starb just an jenem Tage als die Rotunde abbrannte, indem er vom Apfelbaum fiel – außer Betrieb gewesen.

2013 und 2014 gestaltete ich im Bezirksmuseum die Ausstellungen, die die Forschungstätigkeiten veranschaulichen sollten: „Die unterirdische Landstraße“ und „Das Beatrixbad“ zogen viele Besucher in ihren Bann.
Ungefähr im gleichen Zeitraum ging aus dem losen Zusammenschluss der „Verborgenen Räume“, dem viele bekannte Wiener Untergrundforscher angehörten, die Vereinigung „VEDEVO“ hervor, die „Vereinigung zur Dokumentation und Erforschung Vergessener Orte“, deren Mitglied ich bis Anfang 2015 war und für die ich den Begrüßungstext auf der Homepage und mehrere Blogbeiträge verfasste.

Ebenfalls in diese Phase meines Tuns datiert die Überarbeitung und Weiterführung der Website „Geheimprojekte.at“ . Der ursprüngliche Betreiber hatte das Interesse verloren und suchte nach jemandem, der sie weiterführt. Anderenfalls wollte er sie ersatzlos vom Netz nehmen.
Nach kurzem Überlegen erklärte ich mich dazu bereit, die Seite zu übernehmen, gestaltete sie neu, entfernte Spekulatives und fügte einige neue Beiträge ein. Josef B. aus dem Unterirdisch-Forum steuerte viele Korrekturen und wertvolle Zusammenstellungen bei. Eine erneute Überarbeitung der Seite, um mittlerweile veraltete Wissensstände zu berichtigen, zieht sich aufgrund meiner anderen Vorhaben jedoch in scheinbar unendliche Weite.


In zunehmendem Maße setzte sich mein Interesse für die Zeitgeschichte durch, das sich bis heute um den Zeitraum der Ersten Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs festigte. So erweiterte ich mein Forschungsspektrum auf Bunker, Luftschutzanlagen und Untertageverlagerungen der Deutschen Rüstungsindustrie, weiters auf oberirdische Ruinen und Reste jener Epoche. Meine Wege führten mich nun aus Österreich heraus nach Deutschland, Tschechien, Kreta und Italien, wo es ebenfalls noch heute unterirdische Ruinen des Zweiten Weltkriegs gibt, die sich in dem Zustand befinden, wie sie nach Abzug der Wehrmacht oder der Besatzungstruppen hinterlassen worden waren.


Während all jener Erkundungs- und Forschungsexkursionen gab es immer ein Thema, das mich mehr als schnöde Technik, militärischen Nutzen oder defensive Stärke der jeweiligen Anlage interessierte: Beschriftungen.
Egal, ob ich in einer Luftschutzanlage behördliche Verhaltensregeln entdeckte oder in einem Bunker die Zeichnungen der einst hier schutzsuchenden Bevölkerung, in einem betonierten Stollen die Namen und Heimatorte von Zwangsarbeitern oder in einer Untertageverlagerung die Ordnungsaufschriften der aufgestellten Maschinen und Werkbänke: Diese schriftlichen Hinterlassenschaften waren für mich immer der wahre „Schatz“ in derartigen Anlagen, in denen andere nach selbstgeschneiderten Hinweisen auf absurde Atombomben- und/oder Reichsflugscheibenfertigung, das Bernsteinzimmer oder das Reichsbankgold suchten.


Mit zunehmender Vor-Ort-Forschung an den Plätzen des Geschehens gewann ein weiterer Faktor für mich an Bedeutung: die Archivforschung.
In der Literatur einen Hinweis auf Orte oder Zugänge zu unterirdischen Anlagen zu finden, ist fast immer höchst spannend. In einem Archiv einen solchen Hinweis zu finden, der noch nie publiziert wurde, ist jedoch ungleich spannender.
Ein weiterer Grund, warum ich Archivinformationen jenen vorziehe, die in Büchern nachzulesen sind, ist die Unmittelbarkeit der Information. Ein Hinweis, der in einem Akt gegeben wird, unterliegt keiner anderen Interpretation als meiner. Ein Hinweis jedoch, der in einem Buch zu lesen ist, unterlag zum Zeitpunkt der Niederschrift der Interpretation des jeweiligen Autors, dessen Beweggründe für mich als Leser nicht unbedingt nachvollziehbar sein müssen.
Und so ergab es sich, dass ich meine Urlaube nicht (nur) im sonnigen Süden verbrachte, sondern in Archiven und Mikrofilmbeständen in Berlin, Freiburg im Breisgau, Leipzig, München, Wien und Sankt Pölten, um Informationen zusammenzutragen, die in den nächsten Jahren in Buchform erscheinen werden.


Mittlerweile wurde ich zum Administrator im Unterirdisch-Forum ernannt und auch das Studium ist vorerst abgeschlossen – meine Reise durch die unterirdischen Gefilde Wiens und ganz Österreichs aber noch lange nicht. Es ist eine mächtige Faszination, der ich hier erlegen bin und die mich hoffentlich noch lange an Orte führen wird, wo die Spuren der Zeitgeschichte zu erkennen sind. Diese Spuren dokumentiere ich fotografisch und versuche die handschriftlichen zu entschlüsseln. Hier auf dieser Seite zeige ich in möglichst regelmäßigen Abständen von einer Woche eine Auswahl dieser schriftlichen Hinterlassenschaften.


Thomas Keplinger, 7. September 2019