1934/1938 – Im Zeichen des Terrors

Im Mai 1918 wurde der Grundstein der ersten nationalsozialistischen Partei in Österreich gelegt. Damals wurde die 1904 im heute tschechischen Ústí nad Labem (damals Aussig, cisleithanische Reichshälfte Österreich-Ungarns) gegründete Deutsche Arbeiterpartei (DAP) umbenannt – ihr neuer Name lautete Deutsche nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP). Diese Partei hatte nichts mit der deutschen NSDAP unter Adolf Hitler zu tun, die erst im Februar 1920 ebenfalls durch Umbenennung der deutschen DAP ins Leben gerufen wurde.

Der politische Einfluss der DNSAP war gering. Als die Österreicherinnen und Österreicher 1919 im Zuge der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung zu den Wahlurnen strömten, setzten nur etwa 0,8 Prozent der Wähler ihr Kreuz an entsprechender Stelle, was 23.334 Personen entsprach.

Nachdem das Parlament der Konstituierenden Nationalversammlung die Grundlagen der Ersten Republik Österreich geschaffen hatte, folgte 1920 die erste Nationalratswahl. Auch hier dominierten die Christlich-Sozialen und die Sozialdemokraten. Der deutschnationale Block, der aus der Großdeutschen Volkspartei, der Deutschösterreichischen Bauernpartei, dem Kärntner Bauernbund und der DNSAP bestand, kam gemeinsam auf 17,3 Prozent, was 514.127 Wählern entsprach.

Ab 1920 hielten die DNSAP und die NSDAP relativ engen Kontakt, obwohl Hitler sich immer weiter von demokratischen Grundsätzen entfernte und politischen Kompromissen kein Gewicht beimaß. So wurden, um der nationalsozialistischen Bewegung eine einheitliche Linie zu verleihen, Beschlüsse in länderübergreifenden Versammlungen gefällt. Als 1923 die Parteileitung über die Kandidatur der DNSAP bei den kommenden österreichischen Nationalratswahlen abstimmte, setzte Hitler sich mit seiner radikalen antiparlamentarischen Perspektive durch, was zur Wahlenthaltung führte.

1923 und 1924 splitterte die DNSAP wegen interner Unstimmigkeiten bezüglich der politschen Grundausrichtung auf. Erst 1926 entstand eine neue politsche Gruppe, die unter dem Namen „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Österreichs – Hitlerbewegung“ zu den Nationalratswahlen 1927 antrat und dort auf 779 Stimmen kam, was sich prozentuell auf 0,0 % runden ließ.

Als 1930 die letzten Wahlen vor dem „Anschluss“ stattfanden, erreichte die Hitlerbewegung drei Prozent, was 111.627 Personen entsprach.


Das Hakenkreuz

Der Anblick der Ruine Hochkraig bis 2019
Der Anblick der Ruine Hochkraig bis 2019

Schon ab Mai 1919 diskutierte die Starnberger Ortsgruppe der NSDAP im Zuge ihrer Gründung, welches Symbol sie verwenden wollte. Zur Wahl standen das linksgerichtete Hakenkreuz, das gemäß der buddhistischen Lehre Glück und Heil symbolisierte und das rechtsgerichtete, das für Untergang und Unheil stand. Obwohl sich fast alle Funktionäre, die bei der Entscheidungsfindung zugegen waren, für das linksgerichtete aussprachen, setzte sich Hitler als damaliger Werbeobmann der Partei mit seinem Willen durch, das rechtsgerichtete Hakenkreuz zu verwenden.

Nachdem besagte Ortsgruppe im Mai 1920 offiziell gegründet worden war, kopierte Hitler die dafür eigens angefertigte Fahne mit dem Hakenkreuz, um auf dessen Grundlage weiter an seinen Entwürfen zu arbeiten. Am 7. August 1920 wurde während einer „zwischenstaatlichen“ Tagung nationalsozialistischer Parteien Deutschlands, Österreichs, Polens und der Tschechoslowakei in Salzburg das Hakenkreuz als offizielles Parteisymbol verkündet.
Etwa gleichzeitig mit den obigen Diskussionen und Beschlüssen bestimmte Walter Riehl, der Vorsitzende der DNSAP das Hakenkreuz gemeinam mit Hammer und Eichenlaub als Parteisymbol.


Der Terror der Nationalsozialisten

Blick durch die Wälder zur Ruine
Blick durch die Wälder zur Ruine

Mit der Ausrichtung der österreichischen Hitlerbewegung auf den politischen „Stil“ der deutschen NSDAP unter Hitler vergrößerte sich die Distanz zur Demokratie und zum Parlamentarismus. Aggression und Radikalität nahmen zu und erreichten ab 1932 und vor allem 1933, als Hitler in Deutschland zum Reichkanzler ernannt wurde, in Form von Schlägereien, Schießereien und Sprengstoffanschlägen ihren Höhepunkt.


Beispiele:

Während des Wiener Gemeinderatswahlkampfes drangen uniformierte und bewaffnete SA-Leute im April 1932 in Gemeindebauten ein und begannen Schlägereien mit den Bewohnern und Angehörigen des Republikanischen Schutzbundes.
Im gleichen Monat erstach ein SS-Mann einen Schutzbündler, als die Nationalsozialisten eine Kundgebung in Liesing veranstalteten.

Am 30. Juni überfielen 30 SA-Männer das Wiener Edelrestaurant Country Club und verprügelten mit Stöcken, Stuhlbeinen und Totschlägern die anwesenden Gäste.

Kommunisten und Sozialdemokraten waren die erklärten Feinde der Nationalsozialisten. Am 4. Juli überfielen in Ansfelden bei Linz zwei Nationalsozialisten zwei Kommunisten – einer wurde schwer verletzt, einer starb.

Am 25. September fanden im Tiroler Ort Hötting Gemeinderatswahlen statt. Im Mai war der Gemeinderat nach einer Saalschlacht mit 60 Verletzten und einem Todesopfer aufgelöst worden. Am Wahltag terrorisierten 100 SA-Männer aus München die Bevölkerung in einer Weise, die zur vorzeitigen Schließung von Wahllokalen und dem Wahlverzeicht eingeschüchterter Bewohnerinnen und Bewohner führte.

Von 29. September bis 2. Oktober 1932 fand in Wien Hernals ein „Gautag“ statt, zu dem unter anderen Hermann Göring als Redner erwartet wurde. Rund um diesen Gautag kam es in ganz Wien zu Ausschreitungen, die teilweise von der nationalsozialistisch unterwanderten Wiener Sicherheitswache unterstützt wurden. Schon im Vorfeld kam es am 18. September bei einer Massenveranstaltung, bei der Joseph Goebbels sprach, zu Straßenschlägereien.

Mitte Oktober waren bei Ausschreitungen rund um den „Simmeringer Bezirkstag“ der NSDAP drei Tote zu beklagen.

Am 18. Dezember 1932 verübten Angehörige der Wiener SS einen Tränengasanschlag auf das Kaufhaus Gerngroß an der Mariahilferstraße. Infolge dessen entstand unter den zahlreichen Menschen im Kaufhaus eine Massenpanik, die nur durch Glück keine Verletzten forderte.

Bei einer Betriebsratsversammlung der Lederfabrik Vogl in Mattighofen am 4. März 1933 kam es zu Ausschreitungen, die von den Nationalsozialisten entfacht wurden, woraufhin sie aus dem Gebäude geprügelt wurden. Am Bahnhof gerieten die NS-Anhänger erneut mit Sozialdemokraten in Streit, was unter Letzteren ein Todesopfer forderte.

In Altheim stürmten am 1. Mai 1933 Nationalsozialisten das Haus eines Kommunisten – Resultat: vier Schwerverletzte und ein toter SA-Mann.

Am 12. Juni wurde in Wien der jüdische Juwelier Norbert Futterweit durch einen nationalsozialistischen Sprengstoffanschlag in seinem Geschäft in der Meidlinger Hauptstraße getötet. Kurz darauf starb auch ein Passant, der durch die Explosion verletzt worden war. Weitere vier Personen wurden teils schwer verletzt.
Im Zusammenhang mit diesem Anschlag taucht der Name Odilo Globocnik auf, der später als Kurzzeitgauleiter von Wien und Höherer SS- und Polizeiführer zweifelhafte Karriere machte. Möglicherweise war er an diesem Anschlag beteiligt, eventuell war er derjenige, der den Sprengsatz warf.[1]

In der Nacht desselben Tages explodierte eine Bombe in einem jüdischen Warenhaus in der Wiener Favoristenstraße.

In der Nacht des 13. Juni schossen Nationalsozialisten auf Angehörige der Heimwehrverbände – einer von ihnen starb durch einen Schuss in den Rücken.

Am 19. Juni 1933 verübten NS-Anhänger einen Handgranatenanschlag auf eine Formation der christlich-sozialen Turner. Das Resultat waren 30 Verletzte und ein Toter.

Am selben Tag wurde die Hitlerbewegung in der 240. Verordnung der Bundesregierung verboten. Ab diesem Datum galten Anhänger der NSDAP, die sich auch von einem Verbot nicht abschrecken ließen, als „Illegale“. Der Terror fand damit allerdings kein Ende, wie das Beispiel des Günter Mark von Traisenthal oder der Juliputsch zeigen.


Das Hakenkreuz der Burg Hochkraig

Die Sicht auf die Ruine vom südlichen Steilabfall

Darf man der ehemaligen Propagandazeitung „Kärntner Grenzruf“ glauben, so seilten sich kurz vor dem Juliputsch 1934 illegale Nationalsozialisten am Bergfried der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Burgruine Hochkraig nördlich von St. Veit an der Glan ab, um drei Stunden lang mittels weißer Kalkfarbe ein Hakenkreuz auf die Südseite des Turmes zu malen. Unterhalb des Zeichens schrieben sie „Heil Hitler“ an die Wand.

Peter Goëss, der Eigentümer der Ruine, geht davon aus, dass das Hakenkreuz nach dem „Anschluss“ im März 1938 erneuert und vergrößert wurde. Spätestens seit damals prangte das Zeichen des Terrors in einer Größe von sechs mal sechs Metern weithin sichtbar über den Wäldern der Umgebung.[2]

In einem Artikel des Bundesdenkmalamts ist die Information nachzulesen, das ursprüngliche Hakenkreuz sei erst anlässlich des gescheiterten Juli-Putsches aufgetragen worden. Nach dem „Anschluss“ gab die SA den Auftrag, das in einer Nacht-und-Nebel-Aktion hingemalte Hakenkreuz zu dem riesenhaften Symbol zu vergrößern, das bis Mitte 2019 zu sehen war.[3]

Im Juni 2019 wurde das Hakenkreuz übermalt und zu einem Fensterkreuz erweitert, sodass dieses Symbol des Terrors erst 85 Jahre nach seiner Entstehung und 74 Jahre nach Niederringung des NS-Regimes nun nicht länger vom Bergfried leuchtet.

Bergfried mit dem Hakenkreuz, das bis 2019 zu sehen war.
Bergfried mit dem Hakenkreuz, das bis Mitte 2019 weithin zu sehen war.

Ein Bild vom Bergfried 1938 ist hier auf Seite 48 zu finden:
Nadja Danglmaier, Werner Koroschitz, Nationalsozialimus in Kärnten. Opfer, Täter, Gegner (Innsbruck 2015), online unter:
https://books.google.at/books?id=B_p3DwAAQBAJ&lpg=PP1&hl=de&pg=PA48#v=onepage&q&f=false (9. Juni 2020)

Bilder vom neu gestalteten Fensterkreuz sind im Artikel des Bundesdenkmalamts zu sehen:
Bundesdenkmalamt, Artikel „Burgruine Hochkraig (Kärnten) – das Hakenkreuz wurde unkenntlich gemacht“, online unter:
https://bda.gv.at/aktuelles/artikel/2019/06/burgruine-hochkraig-kaernten-das-hakenkreuz-wurde-unkenntlich-gemacht/ (9. Juni 2020)


Fußnoten:


[1] Joseph Poprzeczny, Odilo Globocnik, Hitler’s Man in the East (Jefferson, North Carolina 2004) S. 33, online unter:
https://books.google.de/books?id=2arPruq8lhIC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_atb#v=onepage&q&f=false (9. Juni 2020)

[2] Eva Reisinger, Artikel „Österreich: Nach über 80 Jahren wird dieses Hakenkreuz endlich entfernt“, online unter: ze.tt,
https://ze.tt/oesterreich-nach-ueber-80-jahren-wird-dieses-hakenkreuz-endlich-entfernt/ (9. Juni 2020)

[3] Bundesdenkmalamt, Artikel „Burgruine Hochkraig (Kärnten) – das Hakenkreuz wurde unkenntlich gemacht“, online unter:
https://bda.gv.at/aktuelles/artikel/2019/06/burgruine-hochkraig-kaernten-das-hakenkreuz-wurde-unkenntlich-gemacht/ (9. Juni 2020)


Links und Literatur:


Kurt Bauer, „… jüdisch aussehende Passanten“. Nationalsozialistische Gewalt und sozialdemokratische Gegengewalt in Wien 1932/33. In: Das Jüdische Echo. (Europäisches Forum für Kultur und Politik 54, Oktober 2005), S. 125–139., online unter:
http://www.kurt-bauer-geschichte.at/PDF_Texte%20&%20Themen/Juedisch_aussehende_Passanten.pdf (9. Juni 2020)

Peter Diem, Die Entwicklung des Hakenkreuzes zum todbringenden Symbol des Nationalsozialismus, online unter:
https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Symbole/Hakenkreuz (9. Juni 2020)

Barry McLoughlin, „Das intensive Gefühl, sich das nicht gefallen lassen zu dürfen“: Arbeiterschaft und die Gewaltpraxis der NSDAP 1932–1933. In: Rudolf G. Ardelt, Hans Hautmann (Hg.), Arbeiterschaft und Nationalsozialismus in Österreich (Wien 1990) S. 49–72, online unter:
https://www.mcloughlin.at/wp-content/uploads/2018/05/Arbeiterschaft-und-Gewaltpraxis-der-NSDAP-in-Oesterreich-1932-1933.pdf (9. Juni 2020)

Winfried Speitkamp (Hg.), Gewaltgemeinchaften. Von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert (Göttingen 2013), online unter:
https://books.google.at/books?id=TxiJHMfT1LoC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_atb#v=onepage&q&f=false (9. Juni 2020)

Austria-Forum, Norbert Futterweit, online unter:
https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Norbert_Futterweit (9. Juni 2020)

Wehrbauten in Österreich, Burgruine Hochkraig (Kraiger Schlösser), online unter:
http://www.wehrbauten.at/ktn/kaernten.html?/ktn/hochkraig/hochkraig.html (9. Juni 2020)

Wien Geschichte Wiki, Anschlag auf das Kaufhaus Gerngroß, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Anschlag_auf_das_Kaufhaus_Gerngro%C3%9F (9. Juni 2020)


Interne Links:

Mehr zu den Jahren von 1918 bis zum „Anschluss“:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=457

Mehr zu den Wahlergebnissen der Ersten Republik:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=490

Mehr zu den Wehrverbänden der Ersten Republik:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=490#wehrverbaende

Mehr zum Terror der Nationalsozialisten:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=457#terror
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=457#terrorII

Mehr zum Juliputsch:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=457#putschversuch

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