1938 nach dem „Anschluss“

Österreich wird zu Deutschland.
Vom „Anschluss“ bis zum Novemberpogrom


Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde das Land sukzessive in die Verwaltungsstruktur Deutschlands überführt. Eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen wurde beschlossen, weshalb ich den Zeitraum von März bis Ende 1938 etwas genauer veranschauliche. Den fürchterlichen und schwer kriminellen Schlusspunkt des Jahres bildeten die Novemberpogrome, die sich gegen die jüdische Bevölkerung richteten.

Auch diese Auflistung von Ereignissen und Verwaltungsänderungen ist nicht vollständig, sondern bietet nur eine exemplarische Übersicht über den Zeitraum von März bis November 1938.


Inhalt

[Die Quellen der Zitate in den grünen Kästen sind unten im Literaturverzeichnis angeführt.]



Die ersten Tage nach dem „Anschluss“


Bereits in den ersten Tagen und Wochen nach dem „Anschluss“ wurden zehntausende Menschen in Österreich verhaftet. Dabei handelte es sich zu einem großen Teil um Angehörige der jüdischen Bevölkerung. Sie wurden in Vollstreckung der Nürnberger Gesetze verfolgt und verhaftet.
Wie in so vielen Texten des nationalsozialistischen Regimes finden sich auch in diesen Gesetzen absurde Denkweisen, die darauf ausgerichtet waren, das deutsche Volk als vermeintlich schützenswerte „Herrenrasse“ darzustellen.

Schon in der Präambel wurde der Eindruck vermittelt, es gäbe eine geschlossene deutsche Volksmasse, die sich noch nie mit Menschen anderer Länder, Religionen oder Hautfarben durchmischt hätte, was damals wie heute nicht zutrifft:

Durchdrungen von der Erkenntnis, daß die Reinheit des deutschen Blutes die Voraussetzung für den Fortbestand des Deutschen Volkes ist, und beseelt von dem unbeugsamen Willen, die Deutsche Nation für alle Zukunft zu sichern, hat der Reichstag einstimmig das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird

Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre, 15. September 1935



Das Bundesheer


Die Eingliederung des österreichischen Bundesheeres in die deutsche Wehrmacht wurde mit 14. März 1938 durchgeführt. An diesem Tag wurden die Soldaten vereidigt. Im Gegensatz zu dem Eid, den sie davor dem Staate Österreich, seiner Verfassung und seiner Bevölkerung geleistet hatten, galt der neue Eid der Person Adolf Hitler. Mit dieser Eingliederung wuchs die Wehrmacht um über 60.000 Männer.
Soldaten, egal welchen Ranges, die als jüdisch gemäß der Nürnberger Gesetze eingestuft wurden, als politisch unzuverlässig galten oder den Eid auf den „Führer“ nicht schworen, wurden entlassen.

Hier zeigte sich, dass sich das Dritte Reich nicht nur an den üppigen Gold- und Devisenvorräten Österreichs bedienen wollte – Lebensmittelvorräte einiger österreichischer Kasernen wurden ins „Altreich“ abtransportiert.

Eine neue Heeresstruktur wurde nun eingerichtet: Zuständig für Personal und Material des ehemaligen Bundesheeres war das Heeresgruppenkommando 5 mit Sitz in Wien. Ebenfalls hier beheimatet war das Wehrkreiskommando des Wehrkreises XVII. Dieser umfasste Wien, Ober- und Niederdonau. Der Sitz des Wehrkreiskommandos XVIII, zuständig für die Reichsgaue Tirol, Salzburg, Kärnten und Steiermark, wurde in der Stadt Salzburg eingerichtet.

Seitens der Wehrmachtführung wurde in den Verbänden eine Durchmischung mit deutschen Soldaten angestrebt, rein österreichische Einheiten sollten vermieden werden – solche mit höherem Anteil österreichischer Soldaten gab es allerdings schon. Im Laufe des Krieges wurden etwa 30 Heeresgroßverbände auf österreichischem Boden aufgestellt.
Bis Kriegsende wurden etwa 1,2 Millionen Österreicher in die Wehrmacht eingezogen, von denen etwa 250.000 den Krieg nicht überlebten.



Der Staatsschatz


Am 17. März 1938 ging die Leitung der Österreichischen Nationalbank auf die Deutsche Reichsbank über. Auf diese Weise gelangte das Dritte Reich in Besitz eines Staatsschatzes, der ihm weitere massive Aufrüstung ermöglichte. Insgesamt flossen etwa 1,22 Milliarden Schilling in die deutsche Wirtschaft, von denen ein Anteil von etwa 470 Millionen Schilling aus den Gold- und Devisendepots der Österreichischen Nationalbank stammte. Durch den damaligen Wechselkurs von 1,5 Schilling = 1 Reichsmark, ergab sich eine effektiv zur Verfügung stehende Summe von 813 Millionen Reichsmark.
Insgesamt wurden 1938 etwa 1,6 bis 2 Milliarden Reichsmark aus österreichischem Vermögen in deutsche Kassen gespült.

Hitlers „Wirtschaftswunder“, siehe http://www.worteimdunkel.at/?page_id=490#wirtschaft

Drei Tage danach trat im Land Österreich die Verordnung zur Einführung des Vierjahresplans in Kraft, der bereits seit 1936 die Wirtschaft Deutschlands bestimmte. Er diente der Ausrichtung der Rüstungsproduktion auf einen bevorstehenden Krieg.

Der Reichswirtschaftsminister wird ermächtigt, innerhalb seines Geschäftsbereichs auf dem Gebiete der Rohstoff- und Devisenwirtschaft alle Maßnahmen zu treffen, die zur Vorbereitung des Vierjahresplanes im Lande Österreich erforderlich sind.

Hermann Göring, 19. März 1938



Die Kirche


Das Verhältnis der Kirche zum Staat war im Nationalsozialismus von rascher Abkühlung geprägt, obwohl Kardinal Theodor Innitzer am 18. März 1938 die „Feierliche Erklärung der Bischöfe“ unterzeichnete, die eine wohlmeinende Fürsprache für die neuen Machthaber darstellte und sich direkt an das Volk richtete. Sie war allerdings weitestgehend von Gauleiter Bürckel diktiert worden. Innitzer unterfertigte das Papier mit „und Heil Hitler!“, um so sein Einverständnis mit den neuen Umständen in Österreich zu demonstrieren.

Dennoch entwickelte sich die Koexistenz zwischen Klerus und Nationalsozialismus binnen eines halben Jahres hin zur völligen Ablehnung der Kirche durch die Partei. Stifte und Klöster wurden aufgelassen, christliche Schulen, Heime und Bildungseinrichtungen geschlossen oder durch nationalpolitische Erziehungsanstalten ersetzt. Die Macht der Kirche, die noch 1934 Eingang in die Verfassung des Ständestaats gefunden hatte, war völlig erloschen.

Zur Veranschaulichung des Stellenwerts der Kirche im nationalsozialistischen Weltbild gebe ich ein Beispiel aus dem Jahr 1941: Nachdem Alfred Rosenberg, der führende Ideologe des Nationalsozialismus, im November 1940 den Dom von Braunschweig nach Renovierungen wieder eröffnet hatte, erklärte er ihn zum „Staatsdom“, was offensichtlich die Fantasie so mancher Funktionäre beflügelte:

Vor ein paar Tagen bat mich Greiser [Arthur, Gauleiter des Reichsgaus Wartheland], im April doch den Dom von Gnesen [heutiges Gniezno, Polen] zu besuchen u. zu entscheiden, ob er würdig sei, ebenfalls ein Symbol im Osten ohne Bindung an die Konfessionen zu werden. Zu gleicher Zeit hörte ich, dass Wien alle Unterlagen über die Unterstützungen zur Erhaltung des Stefansdomes sammelt. Es ist ja auch ein Unfug, dass wir ein Gebäude erhalten u. dabei einer Konfession übergeben, die sich im Prinzip feindlich der rettenden Idee der d.[eutschen] Nation gegenüberstellt.
Im allg.[emeinen] müssen wir aber mit derartigen Dom-Übernahmen vorsichtig sein. Ziel bleibt: eigene Fest- und Feierhallen. Dome als Ausnahme, wo sie wirklich symbolisch verwendet werden können.

Alfred Rosenberg, 2. Februar 1941



Das Schulsystem


Ebenso wurde das Schulsystem „reformiert“. Schulfächer wie Deutsch und Geschichte wurden in einer Weise beeinflusst, wie sie den Machthabern geeignet schien, pseudowissenschaftliches Gedankengut in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen zu verankern: Die Geschichte deutscher Helden, Arier und nordischer Rassen musste erfunden und erzählt werden – ein Problem, das in Gestalt ehemaliger Schüler, die junge Menschen beeinflussen, bis heute besteht.

Weitere Änderungen des Lehrplans betrafen beispielsweise die Fächer Biologie und Leibesübungen. Rassenkunde und Vererbungslehre standen am Stundenplan, genauso wie eine überdurchschnittliche Anzahl von Sportstunden, die dem nationalsozialistischen Idealbild vom gesunden, gestählten Körper geschuldet war.

Zusätzlich zu den bereits bestehenden Schulen wurden auch in Österreich „Nationalpolitische Erziehungsanstalten“ (NPEA), auch NAPOLA genannt, ins Leben gerufen. In folgenden Orten wurden sie eingerichtet:

Für Knaben:

  • Wien, Theresianum
  • Wien, Breitenseer Kaserne
  • Traiskirchen
  • Göttweig
  • Seckau
  • Vorau
  • Sankt Paul im Lavanttal

Für Mädchen:

  • Wien, Boerhaavegasse
  • Türnitz (1. bis 4. Klasse)
  • Hubertendorf bei Blindenmarkt (5. bis 8. Klasse)

War in den bestehenden Schulen noch ein gewisses Maß an „normalem“ Unterricht möglich, so dienten NPEAs ausschließlich der Heranformung nationalsozialistisch einwandfreien „Menschenmaterials“. Hier sollten die kommenden Wirtschaftsführer und Generäle herangezogen werden.

Hitlers Bild von der perfekten Erziehung, das er in einer Rede in Reichenberg im Dezember 1938 dargelegt hat, zeugt von seiner Verachtung gegenüber kritischen, frei denkenden Menschen:

Dann kommt eine neue deutsche Jugend, und die dressieren wir schon von ganz klein an für diesen neuen Staat. Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes, als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn nun dieser Knabe und dieses Mädchen [genuschelt] mit ihren 10 Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort oft zum ersten Male überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger [verhaltene Heiterkeit, Beifall], sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter.
Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs und sieben Monate geschliffen, alles mit einem Symbol, dem deutschen Spaten
[Beifall].
Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewusstsein oder Standesdünkel da oder da noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung
[tosender Beifall] auf zwei Jahre, und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS usw., und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben [zögernder Beifall].
Und sie sind glücklich dabei, langsam verschwinden aus ihrem Gesichtsfeld alle diese lächerlichen Vorurteile, unter denen vielleicht ihre Väter noch leiden mögen. Sie sehen sich ganz anders an. Sie haben allmählich den Menschen kennengelernt
[Beifall]. Und wenn mir einer sagt, ja, da werden aber doch immer noch welche überbleiben: Der Nationalsozialismus steht nicht am Ende seiner Tage, sondern erst am Anfang. [Langanhaltender Beifall]

Adolf Hitler, 2. Dezember 1938

Wie verrückt Hitlers Weltbild war, zeigt sich in einer weiteren Wunschvorstellung des „Führers“:

Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. […] Schmerzen muß sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muß erst wieder aus ihren Augen blicken. Stark und schön will ich meine Jugend. Das ist das erste und wichtigste. So merze ich tausende von Jahren der menschlichen Domestikation aus. So habe ich das reine, edle Material der Natur vor mir. So kann ich das neue schaffen.

Adolf Hitler



Der Prominententransport


Die ersten Funktionäre des Ständestaats, Sozialdemokraten und Kommunisten, viele von ihnen Juden, die unmittelbar nach dem „Anschluss“ verhaftet worden waren, wurden bereits am 1. April 1938 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Dieser erste Transport ist auch als „Prominententransport“ bekannt geworden und bestand aus 150 Personen. Unter den Deportierten befanden sich unter anderen Leopold Figl und Alfons Gorbach.

Rudolf Kalmar, ein Freund und Mithäftling Figls, beschreibt den Transport nach Dachau:

Wir standen von dem Augenblick unserer Übernahme durch die SS unter gar keiner Regel mehr. Man trat mit genagelten Stiefeln nach uns, stieß uns die Gewehrkolben in die Rippen, schlug uns mit geballten Fäusten mitten ins Gesicht. Der Herrenmensch tobte sich aus.

Rudolf Kalmar, 1946



Österreichs Einteilung in Reichsgaue


Mit 31. Mai 1938 erfolgte die Neueinteilung Österreichs in Reichsgaue:

  • Tirol
  • Salzburg
  • Oberdonau
  • Niederdonau
  • Wien
  • Steiermark
  • Kärnten.

Diese waren jedoch nicht ganz deckungsgleich mit den österreichischen Bundesländern aus denen sie hervorgegangen sind:

  • Osttirol kam zu Kärnten,
  • Vorarlberg wurde mit Tirol zum Reichsgau Tirol verschmolzen,
  • Wien wurde deutlich vergrößert und reichte im Süden bis Gumpoldskirchen, Guntramsdorf, Ebergassing und Fischamend. Im Norden wurde Wien bis Klosterneuburg erweitert.
  • Das Burgenland wurde als eigenständige Verwaltungseinheit aufgelöst:
    Die vier nördlichen Bezirke Neusiedl, Eisenstadt, Mattersburg und Oberpullendorf wurden Niederdonau angegliedert,
    die drei südlichen Bezirke Oberwart, Güssing und Jennersdorf kamen zur Steiermark.

Weitere kleinere Bezirksverschiebungen fanden mit Ausnahme von Salzburg in allen Reichsgauen des Landes Österreich statt.

Geleitet wurden diese sieben Reichsgaue von Reichsstatthaltern, die meist in Personalunion die Funktion des Gauleiters der NSDAP ausübten.



Aussiedlungen aus Döllersheim


Am 20. Juni 1938 erhielt Erich Otto Knitterscheid – zu diesem Zeitpunkt Chef der Wehrkreisverwaltung XVII – die Ermächtigung, Land für einen neuen Truppenübungsplatz anzukaufen. Dieser sollte im Waldviertel entstehen, im sogenannten Döllersheimer Ländchen mit dem Hauptort Döllersheim. Er beauftragte die Deutsche Ansiedlungsgesellschaft (DAG), die Grundstücke zu beschaffen. Seitens des Oberkommandos des Heeres wurde auf rascheste Durchführung gepocht, denn die ersten Übungen sollten bereits Mitte August stattfinden.

In der Folge begann die größte jemals durchgeführte Aussiedlungaktion Österreichs, die zum größten Teil bis 31. März 1941 abgeschlossen wurde. 42 Ortschaften, 1.389 Häuser und Höfe, 6.000 bis 7.000 Menschen verloren ihre Heimat. Dabei wurden Familien entwurzelt, die teils eine jahrhundertelange Geschichte mit dieser Region verband.

Zu Beginn der Aussiedlungen wurden die betroffenen Menschen noch gut betreut. Entweder die DAG unterstützte sie beim Erwerb freier Höfe außerhalb des Übungsgebietes oder sie bot eigens errichtete Umsiedlungsgehöfte an. Diese entstanden in Lexnitz, Pfaffenschlag bei Raabs, Schellingshof, Schwarzenau und Unterthumeritz.

Im späteren Verlauf wurden die Ablösezahlungen jedoch immer geringer und stellten keinen vollwertigen Ausgleich für den verlassenen Hof mehr dar. Andere Aussiedler wiederum wurden in arisierten Höfen neu angesiedelt, die sie nach Kriegsende wieder zurückgeben mussten. Später ausgesiedelte Personen wurden nicht mehr ausbezahlt, sondern die Ablöse auf ein Sperrkonto gelegt, das mit Ende der nationalsozialistischen Herrschaft seinen Wert verlor.
Die Schaffung des Truppenübungsplatzes war also nicht nur mit dem Verlust der Heimat für tausende Menschen verbunden, sondern teilweise auch mit dem Verlust allen Vermögens.

Leopold Topf, der die Aussiedlung als Kind miterlebte, erzählt:

Ganz arg erging es meiner Mutter, als der Zeitpunkt des Auswanderns in spürbare Nähe kam. Ich sehe noch, wie Mutter oft heimlich weinte. Vater war da etwas härter. Er mußte wohl den Wohnort wechseln, hat aber nicht seine Heimat im Mottingeramt verloren. Trotzdem das Siedlungshaus noch nicht fertig war, der Fußboden und vieles andere fehlte, mußten wir im Mai 1942 auswandern. Mit 17 LKW-Fuhren samt Anhänger übersiedelte uns ein Frächter in die neue Heimat. Zwei Säcke Heimaterde haben wir mitgenommen. Es war eine feine, schwarze Erde. In der neuen Heimat war die Erde lehmig.

Leopold Topf, Kindheitserinnerungen an die alte Heimat



Die Justiz


Ebenfalls am 20. Juni 1938 kam das „Land Österreich“ unter die Zuständigkeit des Volksgerichtshofes in Berlin. Die Justiz wurde nun folgendermaßen strukturiert:

  • Volksgerichtshof (Berlin)
  • Oberlandesgericht (Wien, zuständig für Österreich, ab Oktober 1944 auch in Graz)
  • Landgericht (entspricht den heutigen Landesgerichten)
  • Amtsgericht (entspricht den heutigen Bezirksgerichten)
  • Militärgerichte
  • SS- und Polizeigerichte
  • Standgerichte

Ermittlungen gegen politische Gegner der NSDAP fielen in die Zuständigkeit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft. Die Ergebnisse wurden an den Volksgerichtshof Berlin weitergeleitet. Wurden die Urteile dort gefällt, so bedeutete das in etwa 40 Prozent der Fälle den Tod für den Angeklagten. Delegierte jedoch der Berliner Volksgerichtshof die Verhandlung an das Oberlandesgericht Wien, so sank diese Zahl auf 1 Prozent.

Der Volksgerichtshof behandelte Fälle, die Hoch- und Landesverrat, Beihilfe daran und Wehrmittelbeschädigung betrafen, beziehungsweise die unterlassene Meldung solcher Fälle. Ab 1943 erweiterte sich die Zuständigkeit auf Spionage, öffentliche Zersetzung der Wehrkraft und vorsätzliche Wehrdienstentziehung.
Die Fälle von 2.137 Österreichern wurden vor dem Volksgerichtshof verhandelt. Daraus resultierten 814 Todesurteile, von denen 681 auch vollstreckt wurden.

In Wien wurden zwischen 6. Dezember 1938 und 4. April 1945 etwa 1.200 Hinrichtungen durchgeführt. Die erste in Wien hingerichtete Person war Martha Marek, die mittels des „Gerät F“ geköpft wurde. Diese Fallbeilkonstruktion wurde 1936 erfunden und im November 1938 auch in Wien aufgebaut. Wollte man die Todesstrafe für die Verurteilten noch respektloser gestalten, so hängte man sie.

Eine zusätzliche Verschärfung der Urteilssprechung erfolgte ab 5. September 1939, als die „Verordung gegen Volksschädlinge“ erlassen wurde. Todesstrafen konnten nun sogar gegen Handtaschenräuber, Feldpostdiebe oder Personen, die sogenannte „Feindsender“ hörten, ausgesprochen werden. Die Zahl der Delikte, die potenziell mit der Todesstrafe zu ahnden waren, erhöhte sich von drei im Jahre 1933 auf 46 ab 1944.

Die Hinrichtungen liefen folgendermaßen ab: Nach der Verurteilung wurde der Häftling in eine Zelle im Erdgeschoß verlegt, wo sich auch der Hinrichtungsraum befand. Am Tage der Urteilsvollstreckung kam er in den Armesünderraum, wo er einen Abschiedsbrief schreiben konnte und geistlichen Beistand bekam. Die Hinrichtung selbst war ein Akt von Sekunden. Dem Verurteilten wurde mitgeteilt, dass keine Begnadigung erfolgt war. Die Augen wurden ihm von hinten zugehalten und er im Laufschritt in den Hinrichtungsraum gebracht, wo Sekunden später das Fallbeil ausgelöst wurde. Begnadigungen wurden in Wien nur in etwa 16 Prozent der Fälle gewährt.

Joseph Goebbels legte seine Sicht der Dinge so dar:

Der Richter müsse bei seinen Entscheidungen weniger vom Gesetz ausgehen als von dem Grundgedanken, daß der Rechtsbrecher aus der Volksgemeinschaft ausgeschieden werde. Im Kriege gehe es nicht so sehr darum, ob ein Urteil gerecht oder ungerecht sei, sondern nur um die Zweckmäßigkeit der Entscheidung. Der Staat müsse sich auf die wirksamste Weise seiner inneren Feinde erwehren und sie endgültig ausmerzen. Der Begriff der Überzeugungstäterschaft müsse heute völlig ausscheiden. Der Zweck der Rechtspflege sei nicht in erster Linie Vergeltung oder gar Besserung, sondern Erhaltung des Staates. Es sei nicht vom Gesetz auszugehen, sondern von dem Entschluß, der Mann müsse weg.

Joseph Goebbels, 22. Juli 1942



Luftschutz


Am 5. August 1938 wurde das deutsche Luftschutzgesetz auch im Land Österreich eingeführt. Schon kurz nach dem Anschluss hatte der Reichsluftschutzbund, der 1933 von Göring gegründet worden war, den Österreichischen Luftschutzbund übernommen und in seine Struktur eingegliedert.



Das Konzentrationslager Mauthausen und seine Außenlager


Im August 1938 wurde das Konzentrationslager (KZ) Mauthausen von der SS in Betrieb genommen. Es war das größte KZ auf österreichischem Boden und bestand bis zu seiner Befreiung im Mai 1945.

Am 8. August 1938 wurden die ersten 300 Häftlinge aus dem KZ Dachau nach Mauthausen überstellt, um das Lager aufzubauen. Handelte es sich zu diesem Zeitpunkt noch um Deutsche und Österreicher, so änderte sich die Zusammensetzung der KZ-Häftlinge im Verlaufe der folgenden Jahre. Mit jedem neuen Land, das vom Dritten Reich annektiert oder in einen Krieg verwickelt wurde, kamen neue Nationalitäten ins Lager.

Die Häftlinge selbst wurden in mehrere Kategorien eingeteilt. Nach dem Originaljargon waren das die folgenden:
„Politische“, „Berufsverbrecher“, „Emigranten“, „Bibelforscher“, „Homosexuelle“ und „Asoziale“. Innerhalb dieser Kategorien wurde weiter unterschieden. Als Jude, Angehöriger der Roma und Sinti oder Osteuropäer waren die Chancen auf ein Überleben der Torturen niedrig. Auch russische Kriegsgefangene kamen in die Konzentrationslager und gehörten mit den Vorgenannten zu jenen, die die Vernichtung durch Arbeit mit der geringsten Wahrscheinlichkeit überlebten.

Erwin Gostner, der bereits am 12. März 1938 verhaftet wurde und über das Konzentrationslager Dachau in die Lager Mauthausen und Gusen kam, hat seine furchtbaren Erlebnisse niedergeschrieben. Wie es beispielsweise den Bibelforschern – heute „Zeugen Jehovas“ – erging, die nach der militärischen Musterung im KZ Mauthausen ihre Unterschrift im Wehrpass verweigerten, beschreibt er so:

Nur für die Bibelforscher gibt es ein schreckliches Nachspiel. 35 von ihnen haben die Unterschrift im Wehrpaß verweigert. Ihr Glaube verbietet ihnen, Menschen zu töten; wenn sie nicht abtrünnig werden wollen, müssen sie den Wehrdienst verweigern. Sie tun es, indem sie keine Unterschrift leisten. Sie haben damit ihr Todesurteil ausgesprochen! Alle bekommen einen schweren Granitstein auf die Schultern und müssen den ganzen Vormittag um den Arrestbunker laufen. In der Mittagszeit stehen sie ohne Essen mit einem Schaufelstiel im Genick und gespreizten Armen, die Augen gegen die Sonne gerichtet, stundenlang! Am Nachmittag kreisen sie wieder ununterbrochen mit den schweren Steinen um den Bunker. Wer zusammenbricht, wird von dem wachhabenden Blockführer geschlagen und in die Arrestzelle geworfen, wo sie elendig umkommen.
Acht Tage lang wird diese Tortur fortgesetzt, dann ist der letzte der 35 Bibelforscher gemordet. Es ist ein neunzehnjähriger Bursche; er hat es am längsten ausgehalten. Sein blutverkrustetes Gesicht an den Stein gepreßt, wankt er um den Bau, wird immer langsamer, bleibt schließlich stehen, zittert am ganzen Körper und sinkt zu Boden.
„Vaterlandsverräter!“ Mit diesem Schimpfwort stößt ihn der Blockführer vollends um, dann schleift er ihn in die Zelle, den letzten von fünfunddreißig. –
Dieses Bild kann ich nie vergessen. Söhne des gleichen Volkes stehen sich in unauslöschbarem Haß gegenüber. Der eine martert den anderen um einer Idee willen, die jener nicht annehmen kann, zu Tode.

Erwin Gostner, 1945, S. 105f.
[Unterstrichenes ist im Original gesperrt geschrieben.]

Die Arbeit der Häftlinge war anfangs darauf ausgerichtet, in Steinbrüchen das Rohmaterial für den Bau der Lagergebäude, den Ausbau von Städten oder die Errichtung nationalsozialistischer Monumentalbauten zu gewinnen. Die SS gründete zu diesem Zweck die Deutsche Erd- und Steinwerke-GmbH, die als Wirtschaftsbetrieb der Zwangsarbeit den „legalen“ Anstrich gab.

Anfang 1941 wurde das Konzentrationslager Mauthausen von Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei und des SS-Sicherheitsdienstes, zu einem Lager der „Stufe III“ bestimmt. Es diente somit der SS dafür, Häftlinge deren „Rückkehr unerwünscht“ war oder die als „kaum noch erziehbar“ gebrandmarkt wurden, durch Arbeit oder bloße Willkür zu vernichten. Mauthausen war das einzige Lager dieser Kategorie auf deutschem Reichsgebiet.

Bis 1943 waren die Überlebenschancen deshalb für die Inhaftierten sehr gering. Erst ab diesem Jahr wurde seitens der Rüstungsindustrie auf KZ-Häftlinge zurückgegriffen. Sie mussten deutsche und „österreichische“ Rüstungsarbeiter, die zum Wehrdienst einberufen worden waren, ersetzen. Auf diese Weise vergrößerte sich für jene KZ-Häftlinge, die zur Arbeit in Rüstungsbetrieben geeignet waren, die Chance am Leben zu bleiben, was jedoch kein Ende der Misshandlungen bedeutete.
In etwa 40 bis 50 Außenlagern des KZ Mauthausen – verteilt über fast ganz Österreich – arbeiteten die Häftlinge zu verschiedenen Zwecken, unter anderem im Kraftwerksbau, in Betrieben der Kriegsproduktion, beim Bau unterirdischer Rüstungsanlagen oder zu Aufräumungsarbeiten nach Bombenangriffen.

Die Tötung der Gefangenen im KZ Mauthausen wurde anfangs durch Erschießungen neben dem Lager durchgeführt. 1941 wurde im Keller eine Genickschußanlage errichtet. Ab 1942 mordete die SS mittels Giftgas in einer Gaskammer. Zwischen 1942 und 1943 wurden Häftlinge auch in einem Gaswagen getötet, der zwischen den Lagern Gusen und Mauthausen verkehrte. Um die tausenden Leichen zu vernichten, die aus dem industrialisierten Massenmord entstanden, wurden Verbrennungsöfen in den Lagern Mauthausen, Gusen, Melk und Ebensee errichtet.

Insgesamt waren in Mauthausen und seinen Außenlagern etwa 200.000 Menschen inhaftiert, von denen etwa die Hälfte an der Arbeitsbelastung zugrunde ging oder gezielt von der SS ermordet wurde.

Erwin Gostner beschreibt die winterlichen Zustände im KZ Mauthausen:

Tag um Tag verschwindet der Schlitten im Krematorium, die Toten sind alle nackt, an den Zehen hängt ihnen ein schmutziger Papierzettel mit Namen, Nummer und Geburtsdatum. Nun kommt das Sterbedatum dazu, dann hat sich ihr Schicksal vollendet. Diese Leichen bekommt kein Arzt zu Gesicht, sie sind „normal“ verstorben, wie es in der Meldung des Blockführers an die Lagerleitung heißt. – Wenn beim Zählappell die Türen des Bunkers geöffnet werden, muß ich wegschauen. Ich höre den Fall der erfrorenen Häftlinge, die wie ein vertrocknetes Stück Holz in gekrümmter Haltung über den Boden rollen. Ein Fußtritt des kontrollierenden Blockführers befördert die Toten wieder in die engen Zellen zurück. Sie bleiben dort liegen, bis der Totenschlitten sie holt. In der Nacht gehen viele Zigeuner und Polen in den Draht. Wir haben jetzt täglich sechzig bis siebzig Tote.
Auf dem Gang ins Revier, wo ich mir die Frostsalbe abzuholen pflege, sehe ich durch den Spalt einer offenen Tür, die in den Waschraum neben dem Behandlungszimmer führt. Ich bin viel gewohnt, aber der Anblick, der sich mir hier bietet, läßt mich vor Ekel würgen. Der ganze Waschraum ist bis in Manneshöhe mit nackten Leichen angefüllt, alles Revierkranke, darunter zahlreiche Amputierte, denen man die erfrorenen Gliedmaßen abgeschnitten hat. Es ist ein einziger Haufen Gefrierfleisch, aus dem hier und da die blutigen Fetzen zerrissener Verbände hängen. Ich vergesse meine erfrorenen Füße, stürze hinaus und übergebe mich.

Erwin Gostner, 1945, S. 122

Als eines Tages Heinrich Himmler das Lager inspizierte, ließ die SS die Häftlinge an ihm vorüberparadieren. Die Arbeitskolonnen kehrten gerade zur Mittagszeit von ihren Arbeitsstellen ins Lager zurück.

An letzter Stelle marschierte die Strafkompanie:

Auch Himmler mag die Verachtung der Häftlinge spüren, er beißt sich auf die Lippen und will gerade ungeduldig dem Lagerkommandanten winken, da marschiert die Strafkompanie als letztes Kommando ins Lager. Die SS. hat ihr tatsächlich so etwas wie einen Parademarsch abverlangt. Die Köpfe der 2600 Mann starken Kolonne fliegen zur Tribüne hinüber. Aber die Wirkung ist anders als gewünscht. Es sind fast lauter Juden, die mit einem Transport aus Holland ins Lager kamen. Sie tragen jeder einen schweren Stein. Aus ihren Augen schießen Strahlen magnetischen Hasses. Himmlers Gestalt strafft sich, das zynische Lächeln um seinen Mund vergeht in einer starren, grausamen Maske. Mit schneidendem Ton wendet sich der Reichsführer SS. zum Lagerkommandanten: „Ziereis, warum leben noch so viele Juden vom Holland-Transport?“
Ziereis nimmt Haltung an und beeilt sich mit einer Entschuldigung: „Reichsführer! Auf meinen Befehl geht täglich eine Hundertschaft durch den Kamin. Ich glaube ausrechnen zu können, daß die Hollandjuden, Ihrem Befehl entsprechend, Reichsführer, in kürzester Frist erledigt sind!“
Himmler nickt gnädig und zufrieden. Bachmayer hat inzwischen eifrig mehrere Weingläser gefüllt. Himmler nimmt eines vom Tablett und trinkt. Die Mitglieder seines Stabes prosten sich zu. Es ist ein Prosit auf die Vernichtung von über tausend Juden! –
Himmlers Wunsch wurde nach seiner Abreise prompt erfüllt. Die gesamte Strafkompanie ging in wenigen Wochen im Steinbruch zugrunde.

Erwin Gostner, 1945, S. 147f.

Am 5. Mai 1945 wurde das Lager von Truppen der US Army inspiziert und befreit und am 7. Mai endgültig übernommen. Die Angehörigen der SS waren zu diesem Zeitpunkt schon geflüchtet oder gefangen genommen geworden.



Die Zwangsauswanderung der Juden


Josef Bürckel gründete am 10. August 1938 die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ im Wiener Palais Rothschild, die bis März 1943 bestand. Leiter der Zentralstelle war Adolf Eichmann, der bis Kriegsbeginn im September 1939 für die Auswanderung von etwa 120.000 Menschen der jüdischen Bevölkerung verantwortlich war. Da Eichmann sehr „effizient“ arbeitete, wurde er 1939 zum Leiter der gleichen Stelle in Prag ernannt. Sein Nachfolger in Wien wurde Alois Brunner.

Die Kosten der Zwangsausweisung mussten von den Opfern selbst getragen werden, was dazu führte, dass viele Juden ihr gesamtes Vermögen aufbringen mussten. Wohlhabende Juden mussten im Weiteren für ärmere Juden die anfallenden Kosten übernehmen. Konnten sie anfangs noch selbst ihr Ausreiseziel bestimmen, so änderte sich das mit dem Beginn der Deportationen.

Diese begannen im Februar 1941 größere Umfänge anzunehmen. Insgesamt wurden vom Westbahnhof, Aspangbahnhof und Nord- bzw. Nordwestbahnhof zwischen 1939 und Kriegsende 48.953 Menschen deportiert. Aus den vormaligen Zufluchtsländern wie beispielsweise Frankreich, Norwegen oder Dänemark kamen circa weitere 17.000 österreichische Juden dazu. Sie wurden in Konzentrations- oder Vernichtungslager im heutigen Polen, im Baltikum und in Weißrussland gebracht.
Nur etwa 1.734 von ihnen überlebten.



Das Münchner Abkommen


Am 29. September 1938 trat das Münchner Abkommen in Kraft. Es regelte die Abtrennung der sudetendeutschen Gebiete von der Tschechoslowakei und ihre Angliederung an das Deutsche Reich.

Zuvor strebten die Sudetendeutschen nach Autonomie im tschechoslowakischen Staat, was Hitler mit Fingerzeig auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker unterstützte. Er trieb die politische Situation zwischen der Sudetendeutschen Partei und der Tschechoslowakei auf die Spitze, um einen Krieg vom Zaun zu brechen, der ihm die Eroberung der gesamten Tschechoslowakei ermöglichen sollte.

Schlußendlich trafen sich jedoch der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain, der französische Ministerpräsident Edouard Daladier, Mussolini und Hitler in München und einigten sich auf die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich. Hitler bekam seinen Krieg noch nicht.

Die Tschechoslowakei hatte sich dem Beschluss zu fügen und tat dies im Bewusstsein, damit einen chancenlosen blutigen Aufstand gegen einen übermächtigen Gegner zu vermeiden. Hilfe seitens Großbritanniens oder Frankreichs war nicht zu erwarten, da Hitler versichert hatte, nach den sudetendeutschen Gebieten keine weiteren Anschlussgebiete fordern zu wollen. Schließlich waren damit alle deutschsprachigen Länder und Landstriche, die er irgendwie historisch begründen konnte, bereits im Deutschen Reich vereint.

Im Zuge der Umsetzung des Abkommens fielen die sudetendeutschen Teile der – hier in ihrer deutschen Schreibweise von damals wiedergegebenen – Bezirke Böhmisch-Budweis, Böhmisch-Krummau und Kaplitz an den Reichsgau Oberdonau – insgesamt 1.778 Quadratkilometer.
Teile der Bezirke Neuhaus, Wittingau, Datschitz, Mährisch-Budweis, Znaim, Mährisch-Krummau, Auspitz, Göding, Engerau und der gesamte Bezirk Nikolsburg wurden dem Reichsgau Niederdonau angegliedert – insgesamt 2.426 Quadratkilometer.

Das Abkommen, das über die Köpfe der Tschechoslowakei hinweg beschlossen wurde, besagt:

1. Die Räumung beginnt am 1. Oktober.
2. Das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien vereinbaren, daß die Räumung des Gebiets bis zum 10. Oktober vollzogen wird, und zwar ohne Zerstörung irgendwelcher bestehender Einrichtungen, und daß die Tschechoslowakische Regierung die Verantwortung dafür trägt, daß die Räumung ohne Beschädigung der bezeichneten Einrichtungen durchgeführt wird.

Münchner Abkommen, 29. September 1938



Der Reichsarbeitsdienst


Mit 1. Oktober 1938 wurde die Reichsarbeitsdienstpflicht für Männer in Österreich eingeführt. Der Reichsarbeitsdienst (RAD) trat an die Stelle des Freiwilligen Österreichischen Arbeitsdienstes und dauerte sechs Monate.

Sinn des RAD war es, junge Menschen zwischen dem 17. und 25. Lebensjahr im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen. Durch strenge Regeln, straffe Einteilung sowohl der Arbeits- als auch der Freizeit, und militärisches Exerzieren mit dem Spaten wurden sie auf den daran anschließenden Wehrdienst eingestimmt.

Der praktische Grund für die Einführung des RAD war der auf diese Weise mögliche Einsatz billiger Arbeitskräfte in der Land- und Forstwirtschaft, beim Güterweg- und Forststraßenbau oder ähnlichen Gebieten.
Die Unterbringung der RAD-Leistenden erfolgte in Barackenlagern, die in der Nähe der jeweiligen Arbeitsstätte errichtet wurden. War die Arbeit fertiggestellt, wurde das Lager abgebaut und am nächsten Einsatzort wieder neu aufgestellt.

Die Dienstpflicht galt vorerst nur für Männer. In Österreich wurde aber von Anfang an auch das RAD-System für die weibliche Jugend aufgebaut, die bis Ausbruch des Krieges die Wahl hatte, sich freiwillig dafür zu melden oder nicht. Erst am 4. September 1939 wurde die Arbeitsdienstpflicht auch für die weibliche Jugend verordnet.

Der Einführung der RAD-Pflicht ging monatelange Arbeit zum Aufbau der dazugehörigen Strukturen voraus. Mit 1. Juli 1938 wurden vier Arbeitsgaue für den RADmJ, den RAD für die männliche Jugend, gebildet:

Für den RADwJ, den RAD für die weibliche Jugend, wurde ab März 1938 eine andere Struktur errichtet:

  • Bezirk XX Alpenland
  • Bezirk XXI Donauland
  • Bezirk XXII Südmark

Die Bezirke des RADwJ waren mit den Arbeitsgauen des RADmJ deckungsgleich mit Ausnahme des Bezirks Donauland. Dieser umfasste Ober- und Niederdonau mit Wien.
Der Aufbau der Bezirke des RADwJ war bis März 1939 abgeschlossen.



Groß-Wien entsteht


Am 15. Oktober 1938 erfuhr die Stadt Wien eine massive Vergrößerung. Das Stadtgebiet wurde im „Gesetz über Gebietsveränderungen im Lande Österreich“ von 278,4 auf 1215,4 Quadratkilometer erweitert. Aus bisher 21 Bezirken wurden nun 26. Neu hinzugekommen waren vor allem Bezirke des vormaligen Niederösterreichs, die südlich von Wien lagen: Liesing, Mödling und Schwechat. Im Osten kam Großenzersdorf dazu und im Norden Klosterneuburg. In Summe wurden 97 niederösterreichische Gemeinden neu in Wien eingegliedert. Die Anzahl der Bewohner stieg damit auf über zwei Millionen Menschen an.



Das Novemberpogrom


Nachdem Herschel Grynszpan am 7. November 1938 den an der deutschen Botschaft in Paris tätigen Diplomaten Ernst Eduard vom Rath angeschossen hatte, verstarb dieser zwei Tage später an seinen schweren Verletzungen. Grynszpan war jüdischen Glaubens und demonstrierte mit dieser Tat gegen die Abschiebungen deutscher Juden – auch seine Eltern waren dabei – nach Polen, wo diese unter ärmlichsten Verhältnissen leben mussten.

Für die Nationalsozialisten war dieser Mord jedoch die willkommene Gelegenheit, Juden noch mehr als bisher zu verfolgen, sie aus dem Wirtschaftsleben zu entfernen und ihre Synagogen zu zerstören.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es deshalb im gesamten deutschen Reichsgebiet zu den sogenannten Novemberpogromen. Jüdische Synagogen, Bethäuser, Geschäfte und Wohnungen wurden anfangs durch Funktionäre der NSDAP und SA verwüstet, geplündert, zerstört oder in Brand gesteckt, bis sich auch die Zivilbevölkerung an den Pogromen beteiligte. Hunderte Juden wurden verletzt oder ermordet, tausende wurden gefangen genommen und zu einem großen Teil in das KZ Dachau deportiert.

In ihrem Tagebuch beschreibt die Jüdin Ruth Maier die Zustände in Wien, die veranschaulichen, wie sich Teile der ganz normalen österreichischen Bevölkerung in diesen Tagen in menschenverachtende Schläger und Kriminelle verwandelten:

Freitag, 11. November, 1938
Sie haben uns geschlagen! Gestern war der schrecklichste Tag, den ich je erlebt habe. Ich weiß jetzt, was Pogrome sind, weiß, was Menschen tun können, Menschen, die Ebenbilder Gottes.
In der Schule sagte uns der Direktor: „Ja, also, sie zünden Tempel an, verhaften, schlagen … vor der Tür steht ein Lastauto … Drei Professoren haben sie verhaftet“ … Dann werden wir nach der Reihe zum Telefon gerufen … wie in einem Schlachthaus, wir trauten uns nicht auf die Straße, lachten … machten Witze, waren nervös … Mit dem Taxi fuhren Dita und ich nach Hause, es sind 100 Schritte. Wir rasten durch die Straße, es war wie im Krieg … Leute starrten, kalte Luft, Gestalten und vorn ein Lastauto mit Juden, ganz aufrecht, wie Schlachtvieh! Diesen Anblick werd‘ und darf ich nie vergessen. Juden, wie Schlachtvieh im Lastauto … Leute starren.
Wir schlüpften wie gehetztes Wild ins Haus, keuchten die Stiegen hinauf. Dann begann es; Sie schlugen, sie verhafteten, zerdroschen Wohnungseinrichtungen etc. Wir saßen alle so bleich zuhaus und von der Straße kamen Juden zu uns, wie Leichen.
Ich fragte: „Wie ist es draußen?“ – „Mies!“
Grete L. haben sie 46 Reichsmark weggenommen, haben geschrieen, eine 75-jährige Frau haben sie geschlagen, und sie schrie, sie haben ihr die Wohnung mit einem Hammer zerschlagen etc.
Heute ging ich durch die Gassen. Es ist wie am Friedhof. Alles zerschlagen, mit Lust und Freude, die jüdischen Geschäfte versiegelt, nichts als Rollbalken. Dann ein Zettel: „Das Inventar dieses Cafés ist arisch. Daher: Nicht beschädigen!“
In dem Volksruf steht: „Wo bleibt der gelbe Fleck
Und wenn wir alle einen gelben Fleck tragen müssen: Sittlich, im Inneren, unsere Welt, die wir mit uns tragen, die können sie uns nicht nehmen. Und drum lassen sie ihre Wut an Fensterscheiben aus, schlagen und schrein: „Juda verrecke!“
Unten sagt ein Arier: „Dem Juden hab‘ ich an Steißen gebn, dass er glei in Winkel taumelt ist.“
Menschen, Ebenbilder der Götter! Und dann: „Selig sind, die Verfolgung leiden, um der Gerechtigkeit willen.“

Ruth Maier, 11. November 1938
[Unterstrichenes ist im Original kursiv geschrieben.]







Literatur


Druckwerke

Rudolf Kalmar, Zeit ohne Gnade (Wien 1946)

Marcello La Speranza, Der zivile Luftschutz in Österreich 1919–1945. In: Republik Österreich, Bundesminister für Landesverteidigung (Hg.), Kuckucksruf und Luftschutzgemeinschaft. Der Luftschutz der Zwischenkriegszeit – Avantgarde der modernen ABC-Abwehr und des zivilen Luftschutzes (Schriftenreihe ABC-Abwehrzentrum 8, Korneuburg 2019)

Jürgen Matthäus, Frank Bajohr (Hg.), Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944 (Frankfurt am Main 2018)

Alois Niederstätter, Geschichte Österreichs (Stuttgart 2007)

Ernst-Werner Techow, Die alte Heimat. Beschreibung des Waldviertels um Döllersheim (Berlin 1942)

Sieglinde Trybek, Der Reichsarbeitsdienst in Österreich 1938–1945, Dissertation (Wien 1992)

Karl Vocelka, Geschichte Österreichs. Kultur – Gesellschaft – Politik (München 2009)


Internet

Peter Barthou, 1938: Nicht alle schworen den Treueid. Die Übernahme von Soldaten der Ersten Republik in die Wehrmacht, online unter:
http://www.bundesheer.at/truppendienst/ausgaben/artikel.php?id=741 (25. September 2019)

Seev Goshen, Eichmann und die Nisko-Aktion im Oktober 1939. Eine Fallstudie zur NS-Judenpolitik in der letzten Etappe vor der „Endlösung“, In: Institut für Zeitgeschichte München (Hg.), Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 1981, H. 1 (Stuttgart 1981), PDF online unter:
https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1981_1.pdf (14. Oktober 2019)

Norbert Klatt, Zum Verhältnis des österreichischen und deutschen Strafrechts in der Zeit des Nationalsozialismus (Göttingen 2009), online unter:
http://www.klatt-verlag.de/wp-content/uploads/2014/06/NSRecht.pdf (25. September 2019)

Oliver Rathkolb, Theodor Venus, Reichsbankanstalten 1938–1945 am Beispiel der Reichsbankhauptstelle Wien. Studie im Auftrag der Oesterreichischen Nationalbank (Wien 2013), PDF online unter:
https://www.oenb.at/dam/jcr:725bdc94-617f-4184-894c-f3e673e3716c/Rathkolb%20Studie.pdf (6. Oktober 2019)

Austria-Forum, Österreich 1938–1945, online unter:
https://austria-forum.org/af/AEIOU/%C3%96sterreich_1938-1945 (23. September 2019)

Austria-Forum, KZ Mauthausen, online unter:
https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/KZ_Mauthausen (29. September 2019)

Austria-Forum, Nationalpolitische Erziehungsanstalten, online unter:
https://austria-forum.org/af/AEIOU/Nationalpolitische_Erziehungsanstalten (11. Oktober 2019)

Austria-Forum, Weltkrieg, Zweiter, 1939–1945, online unter:
https://austria-forum.org/af/AEIOU/Weltkrieg%2C_Zweiter (14. Oktober 2019)

Deutsches Historisches Museum – LeMO, Claudia Prinz, Das Münchner Abkommen 1938, online unter:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/aussenpolitik/muenchner-abkommen-1938.html (6. Oktober 2019)

Deutsches Historisches Museum – LeMO, Alexander Mühle, Arnulf Scriba, Biografie von Ernst vom Rath 1909–1938, online unter:
https://www.dhm.de/lemo/biografie/ernst-rath (4. Oktober 2019)

Deutsches Historisches Museum – LeMO, Bernhard Struck, Schule im „Dritten Reich“, online unter:
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/alltagsleben/schule.html (10. Oktober 2019)

Deutsches Historisches Museum – LeMO, Manfred Wichmann, Herschel Grynszpan 1921 –, online unter:
https://www.dhm.de/lemo/biografie/herschel-grynszpan (11. Oktober 2019)

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Der erste Dachau-Transport aus Wien, 1. April 1938, online unter:
http://www.doew.at/erinnern/fotos-und-dokumente/1938-1945/der-erste-dachau-transport-aus-wien-1-april-1938 (25. September 2019)

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Manfried Rauchensteiner: Die Eingliederung des österreichischen Bundesheeres, online unter:
http://www.doew.at/erkennen/ausstellung/1938/die-eingliederung-des-oesterreichischen-bundesheeres/vereidigung-auf-adolf-hitler (4. Oktober 2019)

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Erika Weinzierl: Kirche und Nationalsozialismus, online unter:
http://www.doew.at/erkennen/ausstellung/1938/kirche-und-nationalsozialismus (4. Oktober 2019)

Erinnern.at, Die Novemberpogrome 1938 in Österreich, online unter:
http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/gedenktage/9.-10.-november/osterreich-1938 (4. Oktober 2019)

Findbuch für Opfer des Nationalsozialismus, Die Gliederung der Ostmarkgaue vom 31. Mai 1938, online unter:
https://www.findbuch.at/files/content/adressbuecher/1939_dr_om_ksk/10__Die_Gliederung_der_Ostmarkgaue.pdf (25. September 2019)

Forum Politische Bildung (Hg.), Wendepunkte und Kontinuitäten. Zäsuren der demokratischen Entwicklung in der österreichischen Geschichte (Innsbruck, Wien 1998), Kapitel „1938: Der ,Anschluss'“ online unter:
http://www.politischebildung.com/pdfs/sb_5.pdf (25. September 2019)

Gedächtnis des Landes, Truppenübungsplatz Döllersheim – Allentsteig, online unter:
https://www.gedaechtnisdeslandes.at/orte/action/show/controller/Ort/ort/doellersheim.html?tx_gdl_gdl%5Bbesonderheit%5D=102&cHash=b6d2ec6a8ad5ba4e11198626f17669dd (6. Oktober 2019)

Haus der Geschichte Österreich, Gebietsveränderungen nach dem „Anschluss“ 1938 – „Ostmark“, „Alpen- und Donau-Reichsgaue“, online unter:
https://www.hdgoe.at/gebietsveraenderung-ostmark (6. Oktober 2019)

KZ-Gedenkstätte Mauthausen/Mauthausen Memorial, Das Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945, online unter:
https://www.mauthausen-memorial.org/de/Wissen/Das-Konzentrationslager-Mauthausen-1938-1945 (29. September 2019)

Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung, WIFO-Monatsberichte 12 (9–10), Der ostmärkische Gebietszuwachs, PDF online unter:
https://www.wifo.ac.at/jart/prj3/wifo/resources/person_dokument/person_dokument.jart?publikationsid=3376&mime_type=application/pdf (6. Oktober 2019)

Wien Geschichte Wiki, Groß-Wien, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Gro%C3%9F-Wien (30. Oktober 2019)

Wien Geschichte Wiki, Groß-Wien im Krieg, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Gro%C3%9F-Wien_im_Krieg (30. Oktober 2019)

Wien Geschichte Wiki, Novemberpogrom, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Novemberpogrom (4. Oktober 2019)


Gesetzestexte

„Kundmachung des Reichsstatthalters in Österreich, wodurch die Verordnung zur Einführung des Vierjahresplanes im Lande Österreich vom 19. März 1938 bekanntgemacht wird“, in Kraft getreten am 20. März 1938, online unter:
http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=glo&datum=1938&page=136 (26. September 2019)

„Gesetz über den Aufbau der Verwaltung in der Ostmark (Ostmarkgesetz)“, in Kraft getreten am 1. Mai 1939, online unter:
http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?apm=0&aid=dra&datum=19390004&seite=00000777&zoom=2 (25. September 2019)

„Verordnung über die Durchführung der Reichsarbeitsdienstpflicht für die weibliche Jugend (betrifft nicht Danzig)“. Vom 4. September 1939, online unter:
http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=dra&datum=1939&size=45&page=1924 (11. Oktober 2019)

„Verordnung gegen Volksschädlinge. Vom 5. September 1939“, online unter:
http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=dra&datum=1939&page=1910 (9. Oktober 2019)

„Abkommen zwischen Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Italien, getroffen in München, am 29. September 1938“ (Münchner Abkommen), online unter:
http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=drb&datum=1938&page=867 (28. Oktober 2019)

„Gesetz über Gebietsveränderungen im Land Österreich“, in Kraft getreten am 15. Oktober 1938, online unter:
http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?apm=0&aid=dra&datum=19380004&seite=00001333&zoom=2 (25. September 2019)


Zitate