1936 bis 1945 – Gebt auf eure Kinder acht, wir brauchen sie noch!

In einem Wiener Luftschutzbunker blieben zahlreiche Beschriftungen erhalten. Eine dieser Aufschriften habe ich für den heutigen Beitrag ausgewählt, um sie in weitergehender Deutung zu besprechen. Damals diente der Hinweis „Mütter, gebt auf eure Kinder acht“ dem Zweck, Mütter zur Vorsicht zu mahnen, die mit ihren Kindern den Bunker aufsuchten. Im Gedränge konnte es leicht passieren, dass die Kinder von ihren Müttern getrennt wurden, was die Panik und Angst aller Betroffenen natürlich verstärkte.

Doch in welcher Gegenwart lebten diese Kinder und welche Zukunft erwartete sie? Seit Dezember 1936 war die Mitgliedschaft in der seit 1926 bestehenden Hitlerjugend (HJ) nach einem Gesetz Adolf Hitlers verpflichtend:

„Von der Jugend hängt die Zukunft des Deutschen Volkes ab. Die gesamte deutsche Jugend muß deshalb auf ihre künftigen Pflichten vorbereitet werden.
Die Reichsregierung hat daher das folgende Gesetz beschlossen, das hiermit verkündet wird.

§1 Die gesamte deutsche Jugend innerhalb des Reichsgebietes ist in der Hitlerjugend zusammengefasst.

§2 Die gesamte deutsche Jugend ist außer in Elternhaus und Schule in der Hitlerjugend körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und zur Volksgemeinschaft zu erziehen.[…]“[1]

10- bis 14-jährige Jungen, für die sich die Bezeichnung „Pimpfe“ einbürgerte, traten in das sogenannte Deutsche Jungvolk ein, während die gleichaltrigen Mädchen Mitglieder der Jungmädel waren.
Zwischen dem vierzehnten und dem achtzehnten Lebensalter gehörten die männlichen Jugendlichen der Hitlerjugend an, die weiblichen dem Bund Deutscher Mädel.

Verantwortlich für die Organisation der HJ war der Reichsjugendführer der NSDAP. Diese Funktion bekleidete bis April 1940 Baldur von Schirach, der spätere Wiener Reichsstatthalter und Gauleiter, danach Arthur Axmann.

In diesen Vereinigungen wurden die Kinder und Jugendlichen mit verschiedenen Tätigkeiten im Sinne nationalsozialistischer Werte erzogen und für die Zukunft indoktriniert. Die HJ bildete auch eigene Ordnerdienste, der einerseits darauf achteten, die Disziplin ihrer Mitglieder im täglichen Leben zu überwachen und andererseits die Aktivitäten anderer Jugendverbände, die bis 1936 noch nicht verboten waren. Zweimal pro Woche fanden sich die Mitglieder der HJ ein, um mittwochs ideologische Schulungen zu bekommen und samstags Sport zu treiben oder zu musizieren.

Sie fuhren übers Wochenende aufs Land zum Zeltlager, bildeten eine Gemeinschaft und sangen Lieder. Wegen dieses Zusammengehörigkeitsgefühls nahmen viele Kinder und Jugendliche tatsächlich gern und mit Eifer an den Aktivitäten der HJ teil. Sie ahnten nicht, dass die Schaffung des Gemeinschaftsgefühls, die Abgrenzung zu Andersdenkenden, zu Angehörigen „fremder“ Länder und Religionen, die Vermittlung der nationalsozialistischen Werte, das Körpertraining und die geistige Programmierung auf ein altbackenes Heimat- und Identitätsgefühl nur dem Sinn diente, als ideologisch einwandfreie Führungs- und Soldatenriege der nächsten Generation herangeformt zu werden.

Aufschrift „Mütter, gebt auf eure Kinder acht“ in einem Luftschutzbunker
Aufschrift „Mütter, gebt auf eure Kinder acht“ in einem Luftschutzbunker

Mit fortschreitender Kriegsdauer änderten sich jedoch die Aufgaben und Tätigkeiten der HJ. Gegen Kriegsende wurden Kinder, die noch keine 15 Jahre alt waren, zum Dienst bei der Fliegerabwehr eingezogen und in den letzten Kriegstagen zum Volkssturm. Da sie in ihrer Erziehung immer mit den absurden NS-Werten des ehrvollen Kampfes für das Vaterland, der Pflichterfüllung und des Gehorsams bis in den Tod verzogen wurden, starben viele von ihnen sinnlos in militärisch belanglosen Gefechten.

Der enge Gang im Bunker
Der enge Gang im Bunker

Die Kindererziehung unter ideologischen Gesichtspunkten geschah aber nicht erst ab dem zehnten Lebensjahr. Eines der beliebtesten Bücher, das der „deutschen Mutter“ die richtige Behandlung ihres Kindes nahelegte, stammte von Johanna Haarer und erschien 1934. In dem Ratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ rät sie jungen Müttern zu all den Verhaltensweisen, die aus Kindern gefühlsarme, leicht zu beeinflussende Erwachsene werden ließen, die man über die Stationen Pimpf, HJ und Reichsarbeitsdienst zu kalten Soldaten formen könnte. Deshalb wurde das Buch seitens des NS-Regimes gefördert und als pädagogische Grundlage in Kindergärten, Heimen und für die Reichsmütterschulungen herangezogen. Im Rahmen letztgenannter Veranstaltungen wurden Haarers völlig falsche Grundsätze an weit über drei Millionen Mütter weitergegeben und als die optimale Erziehungsmethode propagiert.

Die Mütter, so in Haarers Ratgeber, sollten ihre Kinder nicht trösten, wenn sie weinten, nur wenig Körperkontakt zu ihnen halten und sie nicht „verwöhnen“. Schrie das Kind in der Nacht auf und schlief nicht mehr ein, so war es lt. Haarer völlig falsches mütterliches Verhalten, es aus der Wiege oder dem Bett zu nehmen, es zu wiegen, zu tragen, zu beruhigen oder zu stillen. So würde man nur einen kleinen Tyrannen heranziehen, der schreit, sobald er Zuwendung möchte. Die Lösung erkannte sie im Ignorieren des schreienden Kindes.

Zu viel Beschäftigung mit dem Kind lässt es verweichlichen, man solle mit ihm in normaler deutscher Sprache sprechen und nicht in kindgerechten Worten. Die Forschung hat sich die Frage gestellt, welche Gesellschaft überhaupt für solche menschenverachtenden Erziehungsmethoden empfänglich ist und fand vor allem zwei Zielgruppen, die sich von Haarers Ratgeber angesprochen fühlten: Das waren einerseits Mütter, die selbst infolge des Ersten Weltkrieges zerrütteten Familienverhältnissen entstammten und nicht wussten, wie sich Harmonie und Liebe anfühlten und andererseits überzeugte Nationalsozialisten.

Das Buch Haarers ging bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges fast 700.000 mal über den Ladentisch und wurde bis 1987 aufgelegt, wodurch es sich bis dahin 1,2 Millionen mal verkaufte.[2]


Fußnoten:


[1] Gesetz über die Hitlerjugend vom 1. Dezember 1936, online unter:
http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=dra&datum=19360004&seite=00000993 (12. Oktober 2020)

[2] Anne Kratzer, Warum Hitler bis heute die Erziehung von Kindern beeinflusst, online unter:
https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2018-07/ns-geschichte-mutter-kind-beziehung-kindererziehung-nazizeit-adolf-hitler/komplettansicht (12. Oktober 2020)


Links und Literatur:


Sibylle Hübner-Funk, Die „Hitlerjugend Generation“: Umstrittenes Objekt und streitbares Subjekt der deutschen Zeitgeschichte. In: PROKLA Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft, 20 (80), S. 84–98, online unter:
https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1193/1133 (12. Oktober 2020)

Florian Stark, So wurden aus Kindern glühende Nazis, online unter:
https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article159852231/So-wurden-aus-Kindern-gluehende-Nazis.html (12. Oktober 2020)

Wien Geschichte Wiki, Hitlerjugend, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Hitlerjugend (12. Oktober 2020)


Interne Links:

Mehr zu den Jahren von 1918 bis zum „Anschluss“:
1918 bis zum „Anschluss“

Mehr zum Jahr 1938 nach dem „Anschluss“:
1938 nach dem „Anschluss“

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
1939 bis Kriegsende

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