1945 – Die letzten Tage des NS-Regimes in Wien

Die letzten Tage der NS-Herrschaft in Wien verliefen chaotisch, brutal und zahlreich an Opfern. Von 6. bis 13. April 1945 dauerte der Kampf um Wien, bis in Moskau zur Feier der Einnahme der Stadt 324 Kanonen jeweils 24 Salutschüsse abfeuerten.
Die heutige Beschriftung stammt aus diesen Apriltagen, als die sowjetischen Soldaten Häuserblock für Häuserblock auf Sprengfallen und Minen kontrollierten sowie deutsche Widerstandsnester bekämpften. Erst wenn ein Gebäude frei von Feind und Gefahr war, wurde diese Markierung mittels einer Schablone in kyrillischen Buchstaben an der Hausecke aufgetragen, sodass die gesicherte Zone für nachrückende Einheiten auf den ersten Blick erkennbar war.

Der Text dieser Markierungen lautete „КВАРТАЛ ПРОВЕРЕН“ (Kvartal proveren) und bedeutet wörtlich „Viertel überprüft“. Gemeint war „Häuserblock überprüft“. In den Ecken dieser Markierungen finden sich meist Angaben wie 1/18, 2/18 oder 3/18. Eventuell handelte es sich dabei um die militärischen Einheiten der Roten Armee, die die Kontrolle vornahmen. Möglicherweise stand die Zahl 18 für das XVIII. Garde-Schützenkorps der 46. Armee.

Markierung der Roten Armee – Kvartal proveren
Markierung der Roten Armee – „Kvartal proveren“

Während dieses Kampfes waren die sowjetischen Truppen, deren Befehl lautete, die Stadt in möglichst kurzer Zeit einzunehmen, einer völlig neuen Situation ausgesetzt. Der zu erwartende Häuserkampf unterschied sich durch den Kampf am Feld durch „unsichtbare“ Gegner, die wie aus dem Nichts aus Fenstern schießen konnten. Hinter jeder Hausecke lauerte womöglich der Feind. Jeder Blick in eine neue Straße konnte den Tod bringen.

1969 brachte Theo Rossiwall das Buch „Die letzten Tage“ heraus, in dem er minutiös die Geschehnisse dieser letzten Tage in Österreich beschreibt. Der folgende Text besteht aus jenen Zitaten, die sich zwischen 6. und 13. April auf die Stadt Wien beziehen und so den Kampf um Wien in den Worten eines Kriegsteilnehmers wiedergeben. Da es sich um Zitate handelt, wird die aktuelle Rechtschreibung nicht berücksichtigt.


6. April 1945


„Das Sowjet-Hauptquartier gab Tolbuchin Befehl, die 46. Armee auf das linke Donauufer zu verlegen, um mit dem 23. Panzer- und dem 2. Garde-mech-Korps Wien nördlich zu umgehen. Die deutsche 8. Armee war nach dem Fall Preßburgs hinter die March zurückgegangen, ihre Stellungen am Fluß lagen unter sowjetischem Feuer. Tags zuvor hatte ein Volltreffer die Rollfähre Deutsch-Altenburg–Stopfenreuth vernichtet, angeblich sollen 300 deutsche Soldaten ertrunken sein. Bei Markthof, Marchegg, Baumgarten und Sierndorf drängten die Sowjets über den Fluß, der infolge des langen warmen Frühlingswetters wenig Wasser führte. Nach schweren Artillerievorbereitungen konnten sie an einigen Stellen Fuß fassen, jedoch nur nach Markthof eindringen; sonst wurden sie am Ufer niedergehalten. In Markthof fanden 15 deutsche und 22 Sowjet-Soldaten den Tod, 2 Brücken wurden gesprengt, zahlreiche Gebäude erlitten schwere Beschädigungen oder brannten ab.“[1]

[…]

„Beim Heeresgruppenstab in St. Leonhard tauchte Kreisleiter Arnold aus München auf, um selbst die Lage zu erkunden. Er berichtete fernschriftlich an Bormann:

‚[…]
3. Der neue Kampfkommandant von Wien, General Bünau, hat sich sehr energisch eingeführt. In Wien werden gegenwärtig alle wehrfähigen Männer zusammengefaßt.
4. Die feindliche Artillerie beschießt von Stellungen südlich Wien einen Teil der Stadt. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung ist geblieben, weil die Verkehrsverbindungen nach dem Westen und Nordwesten unterbrochen oder durch rückflutende Wehrmachtseinheiten und ungarische Trecks verstopft sind.
[…]
6. Die Luftwaffe hat Scheinwerferstellungen in Wien bereits in der Nacht vom 3. auf 4. gesprengt, ohne der Heeresgruppe ein Wort zu sagen.
[…]
8. Ich habe in meinem letzten Bericht gebeten, für den Volkssturm in Wien und Niederdonau Waffen aus Steyr anzuliefern. Ich muß nochmals dringend darum bitten.
9. In Wien wurden von der Wehrmacht die Lager mit Ausrüstungsgegenständen restlos an den Volkssturm übergeben, allerdings zu spät, so daß es ganz nach ‚Ausverkauf‘ aussah und ein zeitgerechter Abtransport vielfach nicht möglich war.
10. Wenn nicht sofort neue Einheiten in den Raum Niederdonau geworfen werden, ist in den nächsten Tagen unausbleiblich, daß das gesamte Industriegebiet des Wiener Beckens und ein Großteil Niederdonaus verlorengehen und Millionen Volksgenossen von Bolschewisten überrollt werden, wobei der Verlust des Zistersdorfer Erdölgebietes sicher tödlich wirken könnte.‘“[2]

Gleichzeitig erließ Marschall Tolbuchin einen Aufruf an die Österreicher:

„Um die Hauptstadt Österreichs, ihre geschichtlichen Denkmäler der Kunst und Kultur zu erhalten, stelle ich anheim:

1. der Bevölkerung Wiens, die Stadt nicht zu verlassen, wenn ihr an der Erhaltung der Stadt gelegen ist. Ist Wien von den Deutschen gesäubert, seid Ihr die Schrecken des Krieges los. Die Wien verlassen, werden von den Deutschen in den Tod gejagt;
2. nicht zuzulassen, dass die Deutschen Wien verminen, die Brücken sprengen und die Häuser in Festungen verwandeln;
3. den Kampf gegen die Deutschen zu organisieren, um Wien vor der Zerstörung durch die Nazipreussen zu bewahren;
4. zu verhindern, dass die Deutschen Fabrikseinrichtungen, Waren und Lebensmittel aus Wien verschleppen und zwar durch das aktive Eingreifen aller Wiener; nicht zuzulassen, dass die Bevölkerung Wiens von den Deutschen geplündert wird.

Bürger von Wien!

Unterstützt die Rote Armee bei der Befreiung Wiens, der Hauptstadt Österreichs!
Tragt bei zur Befreiung Österreichs vom deutsch-faschistischen Joch!

Der Befehlshaber der Truppen der 3. Ukrainischen Front, Marschall der Sowjetunion
F. Tolbuchin.“[3]

Weiters sagte er:

„‚Bevölkerung der Stadt Wien! – Die Rote Armee schlug die deutsch-faschistischen Truppen und steht vor Wien. Die Stunde der Befreiung ist gekommen. Aber die zurückziehenden deutschen Truppen wollen auch Wien in ein Schlachtfeld verwandeln, genau wie Budapest. Wien und seinen Bewohnern drohen ähnliche Zerstörungen und Kriegsschrecken.‘“[4]

„In Berlin meldete sich Generaloberst Rendulic, ein gebürtiger Österreicher, im großen Bunker der Reichskanzlei bei Hitler; er hatte als Oberbefehlshaber der eingeschlossenen Heeresgruppe Kurland am 4. April unerwartet Befehl erhalten, sofort ins Führerhauptquartier zu kommen. Hitler eröffnete ihm, daß er die Heeresgruppe Süd zu übernehmen habe, deren Armeen, wie Hitler sagte, in Ungarn zurückgingen. Seine wichtigsten Aufgaben seien, den Rückzug aufzuhalten, die Russen am Vordringen in die Alpen und das Donautal zu hindern und Wien mit allen Mitteln zu behaupten. […]“[5]

„Rendulic wurde klar, daß Wien nicht zu halten war, eine sofortige Aufgabe aber die 8. Armee nördlich der Donau schwer bedroht hätte. Er schreibt in seinen Memoiren:

‚Es stand für mich fest, daß der Kampf um die Stadt, soweit es die Verhältnisse zuließen, abgekürzt werden mußte, Ich fühlte die Tragik dieser einzigartigen, mir besonders nahestehenden Stadt, die nun wiederum, wie mehrmals in der Vergangenheit, dem Ansturm eines feindlichen Heeres ausgesetzt war. Über die mögliche oder beabsichtigte Art der Beendigung des Krieges hatte ich nichts erfahren. Für mich lag der Zweck des Kampfes in meinem Bereich darin, die Russen so weit und so lange wie möglich von einem Vordringen auf unserem Gebiet abzuhalten. Ich war fest entschlossen, diese Absicht mit ganzer Tatkraft und allen Mitteln durchzuführen. Das Niederdrückende für mich war, daß der Kampf bereits auf dem Boden meiner Heimat, zum Teil in deren Grenzgebieten, geführt werden mußte. Wenn auch der Kampf die Maßnahmen diktierte, so war es mir doch selbstverständlich, daß, wo immer es anging, die Schonung des Landes und seiner Bevölkerung in erster Linie zu berücksichtigen war.‘“[6]


7. April 1945


„In Wien traf die ‚Führer‘-Panzerdivision ein; Hitler hatte sie am Marsch zur 8. Armee abgedreht und dem Kampfkommandanten von Wien zugewiesen. Bünau setzte den Verband nach Süden an, obwohl sowjetische Spitzen bereits den Gürtel erreicht hatten. Die Division brach in die noch schwache sowjetische Front ein und drang bis zu den zahlreichen Lazaretten südlich Wien vor, in denen Tausende Verwundete und Kranke lagen. Die Wiener Feuerwehr folgte den Panzern unmittelbar und brachte alle Transportfähigen über die Donau zurück, wo Lazarettzüge bereit standen.“[7]

„Der Stab des 2. SS-Panzerkorps traf in Kagran ein und übernahm die Führung im Wiener Stadtgebiet; Bünau wurde Abschnittskommandant. Er hatte tags zuvor zwei Brücken über den Donaukanal und die südlichste Donaubrücke sprengen lassen, als sowjetische Angriffsspitzen auf 1.000 Meter herangekommen waren. Am Lainzer Tiergarten und im Wiental tauchten sowjetische Panzer auf; Artillerie schoß über den Wienerberg und Laaerberg hinweg in die Stadt.“[8]

„Generaloberst Rendulic traf kurz vor Mitternacht in seinem neuen Hauptquartier ein. Er hatte die Autobahn bei Tageslicht wegen der feindlichen Flieger verlassen müssen, die Fahrt auf den Landstraßen war langsam und beschwerlich. Der Lagebericht [Heinz von Gyldenfeldts, Generalstabschef der Heeresgruppe Süd, TK] lautete anders, als er in Berlin gehört hatte. Ansammlungen des Gegners im Mündungsgebiet der March gaben ihm besonders zu denken; ihr Ziel war offenbar Zistersdorf, aber sie konnten auch Wien von Norden einschließen. Mit der neuen, kampfkräftigen Panzerdivision konnte ein Kampf um die Stadt, trotz großer gegnerischer Überlegenheit, stark verlängert werden. Rendulic fand einen Führerbefehl vor, der unter anderem besagte:

‚Alle Brücken und Verkehrseinrichtungen sind zu zerstören; dies ist Pflicht der militärischen Führer. Zerstörung und Lähmung industrieller Anlagen ist Aufgabe der Gauleiter und Wirtschaftsdienststellen; bei militärischen Stellen hiezu angeforderte Hilfe ist zu gewährleisten. Die Sprengung der Brücken über die große Donau bei Wien befehle ich persönlich.‘“[9]

Josef Goebbels notierte in dieser Phase des Kampfes um Wien in sein Tagebuch:

„‚Der Feind ist südwestlich bis an das Wiener Stadtgebiet herangedrungen … Der Südostteil von Wien befindet sich schon zum großen Teil in seinem Besitz. Schlimmer aber ist die politische Entwicklung, die sich infolgedessen in Wien angelassen hat. Es haben in der Stadt Aufruhraktionen in den ehemals roten Vororten stattgefunden, und zwar haben diese Ausmaße angenommen, daß Schirach sich in seiner Hilflosigkeit veranlaßt gesehen hat, sich unter den Schutz der Truppe zu begeben. Das ist so typisch Schirach. Erst läßt er die Dinge laufen, wie sie laufen, und dann flüchtet er sich zu den Soldaten. Ich habe nie etwas anderes von ihm erwartet … Jetzt müssen die härtesten Maßnahmen getroffen werden, um die Dinge in Wien wieder zu bereinigen. Der Führer ist weiterhin entschlossen, die Stadt unter allen Umständen zu halten. Man darf natürlich die Vorgänge, die sich in Wien selbst abspielen, nicht allzusehr dramatisieren. Es handelt sich natürlich nur um Gesindel, das diese Aufstände veranstaltet, und dieses Gesindel muß zusammengeschossen werden.‘“[10]

Von "Kvartal proveren" ist am Semperdepot nur noch die Hälfte zu lesen
Von „Kvartal proveren“ ist am Semperdepot nur noch die Hälfte zu lesen


8. April 1945


„Die Wiener merkten nichts vom Sonntag. Rotarmisten überschwemmten Simmering, Favoriten und Liesing; Kampftruppen mit Panzern und Granatwerfern griffen die dünne deutsche Linie am Wiedner Gürtel sowie am Margaretengürtel an. Artillerie schoß in die Bezirke zwischen Gürtel und Ring, vereinzelt erreichte Streufeuer schon die Innere Stadt. Panzer rasselten durch die Straßen und feuerten auf jedes Gebäude, in dem Widerstand vermutet wurde. Die Wiener saßen in den Kellern, straßenweise hingen weiße Fahnen aus den Fenstern. Wen kümmerte noch Himmlers Flaggenerlaß? Himmler war weit, vielleicht schon ein toter Mann; real waren die Panzer, das Ratsch-Bum ihrer Kanonen, krachende Artillerieeinschläge, Maschinengewehrknattern, Pistolensalven, Rauch, Trümmer – und die Angst.“[11]

„Rendulics erste Maßnahme war, die ‚Führer‘-Panzerdivision aus der Stadt über die Reichsbrücke auf das linke Donauufer zu verlegen. Gyldenfeld und Dietrich gaben zu, daß ein Kampf um die Stadt sinnlos geworden war, weil die Russen schon im Tullnerfeld standen. Der Angriff über die March bedrohte die Verbindung zur 8. Armee und die Flanke der Heeresgruppe Mitte in Mähren. Sollte keine Gefährdung der ganzen deutschen Ostfront entstehen, so mußten Donau und March gehalten werden. Die Stadt Wien hatte ihre strategische Bedeutung verloren.

Das Führerhauptquartier reagierte auf den Abzug der Panzerdivision prompt und scharf. Rendulic verteidigte seine Maßnahme mit dem Hinweis auf die Alternative eines Zerreißens der Heeresgruppen-Front und den daraus entstehenden Folgen. Aus Berlin kündigte man weitere Entscheidungen an.

Als nächstes befahl Rendulic, alle Brücken im Heeresgruppenbereich sofort zu entladen; erneutes Laden und Sprengen machte er von seiner ausdrücklichen Genehmigung abhängig. Dabei wies er auf die Sinnlosigkeit der Zerstörung kleinerer Brücken hin, die den gegnerischen Vormarsch nie aufgehalten hatten. Für größere Brücken bestand Sabotagegefahr, wodurch eigene Truppen gefährdet werden konnten; erst kürzlich war die Traunfallbrücke durch Blitzschlag in die Luft gegangen.

Der Widerstand im Lainzer Tiergarten brach zusammen. Im Wiental stießen sowjetische Kräfte zum Gürtel und Westbahnhof durch. Mittags erschienen Panzer am Kahlenberg, um 17 Uhr auf der Heiligenstädter Straße; deutsche Artillerie nahm sie über die Donau unter Feuer.

Westlich Wien erreichten sowjetische Schützen durch das Kierlingtal und über den Buchberghang Klosterneuburg, deutsche Truppen zogen nach Wien und Korneuburg ab.
[…]“[12]

„Die Heeresgruppe erhielt abends einen Befehl Hitlers, mit Angriff vom Semmering und durch Nebenangriffe von St. Pölten und südwestlich von Wien den drohenden Fall der Stadt zu verhindern. Gyldenfeld notierte dazu in sein Tagebuch:

‚Dies ist völliger Wahnsinn, denn 1. werden alle Kräfte dringend anderswo benötigt, 2. ist nicht berücksichtigt, wie sich die Feindlage bis zum möglichen Angriffsbeginn entwickelt, und 3. ist nunmehr – wo das Ende des Krieges so deutlich abzusehen ist – ein solcher Angriff, der starke Verluste mit sich bringen muß, überhaupt abzulehnen.‘“[13]

Diese Markierung beschränkte sich auf den Hinweis "Provereno"
Diese Markierung beschränkte sich auf den Hinweis „Provereno“


9. April 1945


„Die Räumung Wiens ging weiter. Das 2. SS-Panzerkorps hatte Auftrag, den Gürtel zu halten, bis alle Versorgungsgüter, Werkstätten, Dienststellen und was sonst die Stadt an militärischen Gütern barg, über die Donau zurückgeführt waren. Ein Donaukanal-Brückenkopf sollte den Rückzug decken und den Abschub der Verwundeten sichern.

Der Führerbefehl entzog alle Donaubrücken der Kompetenz Rendulics. Die Stadlauer Brücke sprengten Truppen im Kampf. Die Bedeutung der Reichsbrücke ging zurück, je weiter die Sowjets an beiden Ufern vordrangen. Die Sprengung der Brücke über die Alte Donau erfüllte den gleichen Zweck. Rendulic gab deshalb von sich aus Befehl zur Entladung. Am Vormittag meldete das Panzer-Grenadierregiment 4, das im Prater eingesetzt war, den Vollzug.

Die Franz-Josefs-Brücke war nach Bombentreffern nur beschränkt benützbar, im übrigen aber unversehrt. Waffen-SS und Hitlerjugend bildeten vom Nußdorfer Spitz zur Peter-Jordan-Straße und nördlich des Franz-Josefs-Bahnhofes Sperriegel. Die Sprengung der Floridsdorfer Eisenbahnbrücken befahl das Oberkommando der Wehrmacht.

Am Gürtel standen Alarmeinheiten, Urlauberkontingente, Verbände des Ersatzheeres, gemischt mit Volkssturm und Waffen-SS, im Kampf. Die Sowjets gingen äußerst systematisch vor, sie säuberten Häuserblock für Häuserblock, und stundenlang warteten Panzer an Straßenkreuzungen, während Schützen alle Häuser durchsuchten. Die deutsche Linie war nur stützpunktartig gebildet, dazwischen schoben sich feindliche Panzerkeile zum Ring vor. Der sowjetische Hauptangriff erfolgte im Prater, denn das offene Gelände zwischen Kanal und Donau bot leichte Entfaltungsmöglichkeit. In bebauten Bezirken wurden deutsche Widerstandsgruppen umgangen und eingeschlossen; trotzdem gelang es manchen, durch Hintergassen und Höfe zu entkommen. Die Deutschen mußten sich jetzt aber nicht nur der Sowjets erwehren; teilweise begann die Bevölkerung feindselige Haltung einzunehmen. Uniformierte wurden als Kriegsverlängerer beschimpft, zumal die Angehörigen der Waffen-SS konnten es nicht mehr wagen, bewohnte Häuser zu betreten.(sic!)“[14] (Die Unterstreichung stellt den Bezug zu den gezeigten Beschriftungen her und ist im Originaltext nicht hervorgehoben.)

Nur kurz war diese Markierung zu sehen, bis sie nach der Gebäuderenovierung wieder unter neuer Farbe verschwunden war
Nur kurz war diese Markierung zu sehen, bis sie nach der Gebäuderenovierung wieder unter neuer Farbe verschwunden war


10. April 1945


„Die deutschen Kampfgruppen am Gürtel erhielten endlich Rückzugsbefehl zum Donaukanal. Diese Linie bestand aber nur mehr auf der Lagekarte des 2. SS-Panzer-Korps in Kagran; mehrfach waren die Sowjets schon zum Ring durchgebrochen. Viele Stützpunkte waren eingeschlossen; viele erreichte der Befehl nicht mehr, da sie längst aufgerieben, gefallen oder gefangen waren oder keine Verbindung mehr hatten. In manchen Häuserblocks saßen Deutsche in den oberen Stockwerken, Sowjets hielten die unteren besetzt. Auf Umwegen, kämpfend sich durchschlagend, strebten einzelne dem Donaukanal zu. Eine Gruppe von zwei Dutzend SS-Männern suchte den direkten Weg, mußte umkehren, wandte sich nach links, wurde abgeschlagen, ging vom Gürtel stadtauswärts, dann in weitem Bogen zurück, focht nach links und rechts und nahm mit, was ihr begegnete; als sie am Donaukanal ankam, waren es 60 Mann geworden, die 35 Gefangene mitbrachten. Eine andere, kleinere Gruppe erreichte den Kanal, sah sich plötzlich von sowjetischen Panzern umstellt und wurde bei einem verzweifelten Ausbruchsversuch bis auf den letzten Mann niedergemacht; die deutschen Posten am jenseitigen Ufer mußten tatenlos zusehen, ein Eingreifen in den Nahkampf war unmöglich. Die Sowjets nahmen bis zum Abend die Innere Stadt und verhielten dann, um aufzuschließen.

Das Panzergrenadierregiment 4 mußte im Prater schrittweise weichen. Die leicht brennbaren Ausstellungshallen, Stände und Buden des Vergnügungspraters fingen Feuer, das Riesenrad brannte aus.“[15]

„Die Heeresgruppe erhielt vom Oberkommando der Wehrmacht Befehl zur Sprengung der Reichsbrücke; der Einbau der viele hundert Kilo schweren Ladungen war jetzt aber nicht mehr möglich, zumal das ganze Gelände schon unter sowjetischem Maschinengewehrfeuer lag.“[16]


11. April 1945


„Noch im Schutze der Nacht setzten die Sowjets einen Pioniertrupp auf die Reichsbrücke an; sechs Mann schlichen durch die Lagerhausgasse zum Brückenaufgang, vorbei an den brennenden Lagerhäusern des Handelskais. Das deutsche Panzergrenadierregiment 4 war zurückgegangen. Den sowjetischen Pionieren kam der dicke Qualm brennenden Öls, vermischt mit Flußnebel zugute, sie erreichten unbemerkt die schon verkehrsfreie Brücke. Schleichend und tastend untersuchten sie Meter um Meter, fanden aber keine Sprengladung. Sie konnten sich den Grund nicht erklären, kehrten am gleichen Weg zurück und meldeten den Auftrag als erfüllt. Im Morgengrauen brachten Panzerboote der Donauflottille Landungstruppen der 80. Gardeschützen-Division heran; im Handstreich wurde die Brücke genommen und gehalten, bis stärkere Kräfte nachrückten.

Das Panzergrenadierregiment 4 zog sich durch das Eisenbahngelände des Nordbahnhofes Richtung Augarten zurück, um im Zuge Innstraße–Nordbahnstraße die Südflanke der Franz-Josefs-Brücke abzuschirmen. Die deutschen Nachhuten am Donaukanal lagen unter pausenlosem Artillerie- und Granatwerferfeuer, ohne angegriffen zu werden.“[17]

Bei der Renovierung der Fassade wurden bereits einige dieser Markierungen erhalten
Bei Fassadenrenovierungen wurden bereits einige dieser Markierungen erhalten


12. April 1945


„In Wien schrumpfte der deutsche Igel vor der Floridsdorfer Brücke immer mehr zusammen, während im Stadtbereich ein Widerstandsnest nach dem anderen aufgerieben wurde oder sich ergab. Am späten Nachmittag und in den Abendstunden räumten die letzten Nachhuten das Südufer der Donau, nur eine kleine Gruppe hielt den Zugang zur Brücke. Nach Abtransport aller Verwundeten wurde sie genau um Mitternacht gesprengt.“[18]

„Gyldenfeld notierte in sein Tagebuch:

‚Wien wird ganz vom Feinde besetzt, nachdem schon seit mehreren Tagen in der Stadt gekämpft wurde. Mit unserem Einverständnis zieht 6. SS-Panzerarmee so viel Kräfte, vor allem Panzer, aus der Stadt, daß der Kampf wesentlich abgekürzt wird. Wir hoffen, hierdurch die Zerstörungen in Wien erheblich mindern zu können.‘“[19]


13. April 1945


„In einzelnen Wiener Bezirken leisteten abgeschnittene deutsche Gruppen noch vereinzelt Widerstand, die Sowjets geben das Ende der Kämpfe mit 14 Uhr an. In Moskau wurde ein Salut von 24 Salven aus 324 Geschützen geschossen.

Der Stephansdom brannte, die Pummerin stürzte in die Tiefe und zerbarst. In den Straßen, Parks und Ruinen der Stadt lagen 5.500 Leichen; wieviele Bewohner in den Häusern und Kellern noch ihr Leben verloren, ist unbekannt. Die Keller der Innenstadt – manche zwei bis drei Stockwerke tief – hatten größtenteils Bomben und Artilleriegranaten standgehalten. Da fast alle diese Keller untereinander verbunden sind, waren viele Deutsche unterirdisch vom Ring zum Kai geflüchtet. Nun entdeckten Sowjetarmisten die Labyrinths, in denen sich Tausende Wiener seit Tagen bei Kerzenlicht verborgen hielten. Als die Russen eindrangen und Schmuck, Uhren, Kleider und Radioapparate verlangten, zeigte man ihnen zuerst die verlassenen Wohnungen Geflüchteter. Aber bald wurden auch bewohnte Wohnungen geplündert. Fremdarbeiter, Ausgebombte und Einheimische schlossen sich den Plünderern an. Sowohl Miethäuser als auch Palais, Amtsgebäude, Schulen und Kasernen wurden nach Wertsachen durchforscht. Die Tresore der Banken mußten auf Verlangen sowjetischer Offiziere geöffnet werden, Juwelen, Kunstschätze, Goldmünzen wurden entnommen. Wider Erwarten schonten die Sowjets jedoch Kirchen und Klöster und respektierten die Priester; oft konnten solche sogar ungeahndet durch Dazwischentreten Verbrechen verhindern. […]

Rendulic hatte Wien in der Hoffnung räumen lassen, die Donaulinie zum Schutz der 8. Armee im Marchfeld zu halten. Der sowjetische Vorstoß aus den Marchbrückenköpfen, die Einnahme der Reichsbrücke und das Zurückweichen der 8. Armee machten diesen Plan jedoch illusorisch. Der Stab des 2. SS-Panzerkorps mußte schleunigst Kagran verlassen, um sich über Korneuburg abzusetzen. […]“[20]


Die Erklärung der Sowjetregierung am 13. April 1945

„Die Sowjetregierung sieht weder eine Inanspruchnahme österreichischen Territoriums noch eine Abänderung des sozialen Aufbaues Österreichs vor. Die Regierung steht auf dem Standpunkt der Verbündeten der Moskauer Deklaration für die Unabhängigkeit Österreichs. Sie wird diese Deklaration verwirklichen, die Liquidierung des deutsch-faschistischen Regimes der Okkupanten sowie die Wiederherstellung der demokratischen Ordnung und Organisation unterstützen.“[21]


Zahlen zur Schlacht um Wien:


Sowjetischen Quellen zufolge betrugen die Verluste zwischen 3. und 13. April 1945 auf deutscher Seite 19.000 Gefallene und auf sowjetischer Seite 18.000.
47.000 Offiziere und Soldaten wurden von der Roten Armee gefangengenommen, 636 Panzer und 1.093 Geschütze wurden erobert oder zerstört.

Die Gefallenenzahlen dürften zu hoch angenommen sein. Der Wiener Bürgermeister gab im Juni 1945 an, auf den Friedhöfen von Wien hätten nach der Schlacht etwa 4.000 Tote auf Abtransport und Beerdigung gewartet. Weitere 1.000 lagen in den Krankenhäusern, Straßen und Plätzen der Stadt.[22]

Auch am Palais Pallavacini wurde diese Markierung bei Renovierungsarbeiten entdeckt und sichtbar belassen
Auch am Palais Pallavacini wurde diese Markierung bei Renovierungsarbeiten entdeckt und sichtbar belassen


Fußnoten:


[1] Theo Rossiwall, Die letzten Tage. Die militärische Besetzung Österreichs 1945 (Wien 1969), S. 104.

[2] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 105/108.

[3] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 110.

[4] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 109.

[5] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 111.

[6] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 111f.

[7] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 115.

[8] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 118.

[9] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 120.

[10] Manfried Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich 1945 (Wien 2015), S. 171.

[11] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 120.

[12] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 121.

[13] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 129.

[14] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 129/131.

[15] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 142.

[16] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 148.

[17] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 149.

[18] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 161.

[19] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 172.

[20] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 173–176.

[21] Rossiwall, Die letzten Tage, S. 182.

[22] Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich, S. 191.


Interne Links:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

Mehr zu den Jahren der Besatzungszeit:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=459

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