1945 – Die Flieger am Himmel

Im heutigen Beitrag zeige ich zwei Ritzbilder in einem lehmig-sandigen Luftschutzstollen nahe Linz, der als Provisorium einigen Personen zweifelhaften Schutz geboten hat. Im Laufe der Zeit haben sich Wurzeln von der Oberfläche bis in den Stollen vorgearbeitet und die Spuren der Geschichte überwachsen. An anderen Stellen brachen Teile der geglätteten Stollenwand ab, wodurch die Ritzbilder teilweise bereits an Substanz eingebüßt haben. Der Mensch, der sie geschaffen hat, bildete mit seinen Werken die unmittelbare Gefahr ab, die ihn bedrohte – die Flieger am Himmel, die ich auch schon in einem früheren Blogartikel thematisiert habe.

Ab dem Frühjahr 1943 operierten die Bomber der 9. und 12. US-Luftflotte (9th, 12th Air Force) vom Mittelmeerraum ausgehend im Süden und Osten des damaligen Deutschen Reichs. Auf diese Weise entstand eine zweite Luftfront, die die deutschen Jagdflieger aufsplittete und damit eine Entlastung für die von England aus auf Deutschland anfliegenden Bomber der Royal Air Force (RAF) und der 8. US-Luftflotte herbeiführte.

Mit 1. November 1943 wurde die 15. US-Luftflotte gegründet, teils mit Einheiten der 12. US-Luftflotte. Anfangs operierten diese Bomberverbände von Nordafrika aus. Mit dem Waffenstillstand Italiens verlegten die Einheiten nach Foggia, womit Angriffe auf Österreich leichter durchführbar waren.

Der erste Fokus der amerikanischen Bomber lag auf Zielen der deutschen Flugzeugindustrie – in Österreich im Besonderen auf der Zerstörung der Wiener Neustädter Flugzeugwerke ab Mitte August 1943. Nachdem durch konstante Angriffe gegen die Flugzeugproduktion der Nachschub an neuen Maschinen immer weiter erlahmte und nur durch die unterirdische Verlagerung der Produktion aufrechterhalten werden konnte, änderten sich im Anschluss an die Landung der Alliierten in der Normandie die Hauptziele der amerikanischen Luftangriffe. Der Schwerpunkt der Bombardements verlagerte sich über die erdölverarbeitenden Betriebe hin zur Verkehrsinfrastruktur. Auf diese Weise schwächten die Alliierten erst die deutsche Luftwaffe, entzogen anschließend dem Militär den Treibstoff und sorgten im letzten Schritt kurz vor Kriegsende für das beinahe vollständige Erliegen des Eisenbahn- und Straßennetzes, wodurch Nachschublieferungen und Truppenverlegungen erschwert wurden.


Der Luftkrieg in Oberösterreich


Ab 1944 erreichte der Luftkrieg auch Oberösterreich, damals Oberdonau. Hauptsächlich waren es die Städte Linz, Wels und Steyr, die ins Fadenkreuz der Bomber gerieten. In diesen Ballungszentren befanden sich die größten Rüstungsindustrien, Raffinerien und Verkehrsknoten des Gaus. Der erste Angriff traf Steyr am 23. Februar. Darauf folgte Wels am 20. März und Linz am 25. Juli.

In Steyr waren es vor allem die Werke der Steyr-Daimler-Puch AG, die infolge ihrer kriegswichtigen Produktion von Fahrzeugen, Flugmotoren und Kugellagern ein wichtiges Ziel der amerikanischen Bomberverbände darstellten. Auch die in unmittelbarer Nähe befindlichen Nibelungenwerke bei Sankt Valentin bildeten mit ihrer Panzerproduktion ein lohnendes Ziel für Bombardements.

Auch in Wels befanden sich mehrere Rüstungsbetriebe, wie etwa die Flugzeug- und Metallbauwerke, Rotax, Triumph oder Epple-Buxbaum. Dazu kamen große Bahnhofsanlagen. Der Rangierbahnhof wurde im Zuge zweier Luftangriffe am 20. März 1945 vollständig zerstört.

In Linz waren es hauptsächlich die Eisenwerke Oberdonau, die zum größten Teil Panzerstahl und daraus Teile für die Panzerkampfwagen IV, V und VI produzierten und die Hütte Linz der „Reichswerke Hermann Göring“, die den Eisenwerken den Rohstahl lieferte. Der Zusammenbau respektive die Endfertigung der in Linz hergestellten Panzerteile erfolgte im oben erwähnten Nibelungenwerk.


Die Bomber im Luftschutzstollen


Welche Flugzeuge hat der Mensch im Luftschutzstollen in die Wand geritzt? Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte er die von den Alliierten hauptsächlich über Europa eingesetzten B-17 Flying Fortress oder B-24 Liberator vor Augen, als er diese Graffiti schuf, die bis heute überdauerten.


Die B-17 Flying Fortress


Die Entwicklung dieses Flugzeugs des Herstellers Boeing begann bereits 1934 unter der Bezeichnung „Modell 299“. Der Jungfernflug des Prototyps folgte am 25. Juli 1935. Sieben Baureihen später erreichte die Flying Fortress in der Version B-17G im Juli 1943 ihren konstruktiven Zenit.

10 Mann waren notwendig, um alle Funktionen des Flugzeugs auszufüllen:

  • 2 Piloten
  • Bordingenieur/oberer Dachschütze
  • Funker/hinterer Dachschütze
  • Navigator/Kinnturmschütze
  • Bombenschütze/seitlicher Bugschütze
  • 2 seitliche MG-Schützen
  • Heckschütze
  • Schütze im Kugelturm unter dem Rumpf[1]

Die Besonderheit der Flying Fortress bestand – wenigstens auf dem Papier – in ihrer erhöhten Treffergenauigkeit, die dank des kreiselstabilisierten sogenannten Norden-Bombenzielgeräts[2] erzielt werden konnte. Der Begriff Treffergenauigkeit ist allerdings relativ zu betrachten. Erhoben wurde, wie viele Bomben in einem 300-Meter- und einem 600-Meter-Radius um das Ziel einschlugen.

Weil die Technik hinter dem Bombenzielgerät am besten bei Tageslicht funktionierte, waren die Amerikaner nicht dazu zu überreden, ihre Angriffe wie die RAF nachts durchzuführen, sondern sie flogen ihre Ziele weiterhin tagsüber an. Aus diesem Grunde wurden die US-Bomber von der deutschen Luftabwehr gut und früh erkannt. Erbitterte Luftkämpfe hatten bis zur endgültigen Brechung der deutschen Lufthoheit Mitte 1944 teils hohe Verluste zur Folge. Diese erreichten im Juli 1944 ihren Höhepunkt, als die 15. US-Luftflotte gesamt 318 Bomber und 101 Jäger mit fast 3.300 Besatzungsmitgliedern durch deutsche Jäger und Flakbeschuss verlor.

Bis Ende des Krieges produzierte Boeing 6.981 Stück und von den Herstellern Douglas und Lockheed kamen weitere 5.745 in Lizenz gefertigte B-17-Bomber dazu, was in Summe 12.726 Stück der Flying Fortress ergibt.


Einige Daten der B-17G Flying Fortress:


Besatzung: 10 Mann
Leistung: Vier luftgekühlte 9-Zylinder-Sternmotoren zu je 1.200 PS
Länge: 22,78 Meter
Spannweite: 31,62 Meter
Höhe: 5, 82 Meter
Leermasse: 16.391 Kilogramm
Maximale Startmasse: 29.710 Kilogramm
Dienstgipfelhöhe: 10.850 Meter
Reisegeschwindigkeit: 293 km/h
Höchstgeschwindigkeit: 462 km/h
Reichweite: 3.219 Kilometer bei 2.722 Kilogramm Bombenzuladung, 1.760 Kilometer unter Höchstlast
Bewaffnung: 11 bis 13 Maschinengewehre Kaliber 12,7 Millimeter, 7.983 Kilogramm Bombenlast[3]

Datum 21. März 1945 – das Graffito zeigt eventuell eine B-24 Flying Fortress
Das Datum 21. März 1945 ließe eigentlich darauf schließen, dass an jenem Tage jemand im Luftschutzstollen saß, der die Fliegergraffiti anfertigte. Allerdings fanden an diesem Tag keine Luftangriffe auf Linz statt. Das Graffito zeigt eventuell eine B-17 Flying Fortress, sofern die geraden Heckflügel zur Identifkation herangezogen werden können.


Die B-24 Liberator

Die Anfänge dieses Flugzeuges gehen auf das Jahr 1939 zurück. Der Hersteller Consolidated fertigte gemäß eines Auftrags der US-Air Force den ersten Bomber unter der Bezeichnung „Modell 32“. In diesem Auftrag war gefordert worden, ein Flugzeug zu bauen, das mindestens 480 km/h Höchstgeschwindigkeit erreichen sollte, eine Gipfelhöhe von 10.000 Metern und eine Reichweite von 4.800 Kilometern bei 3.000 Kilogramm Bombenlast.

Zwischen der Erteilung des Auftrags und dem Jungfernflug vergingen nur neun Monate, sodass dieser Ende Dezember 1939 stattfinden konnte. Die gestellten Anforderungen wurden jedoch nicht erreicht, vor allem was die Höchstgeschwindigkeit betraf. Dennoch wurden die ersten 120 Maschinen für die französische Luftwaffe geordert – etwas später wurde die Bestellung sogar auf 168 Flugzeuge erhöht. Da Frankreich kurz darauf der deutschen Aggression erlag, ging diese Lieferung an die Briten.

Auch hier folgten den ersten Modellen weitere Baureihen mit verbesserten konstruktiven Eigenschaften, bis 1944 die Version B-24J verfügbar war. Sie wurde 6.678 mal ausgeliefert. Insgesamt baute Consolidated bis zum Auslaufen der Produktion am 31. März 1945 18.188 Liberator-Flugzeuge.


Einige Daten der B-24E Liberator:


Besatzung: 8 Mann
Startleistung: Vier luftgekühlte 14-Zylinder-Doppelsternmotoren zu je 1.200 PS (Dauerleistung: 1.080 PS in 4.000 Metern Höhe)
Länge: 20,45 Meter
Spannweite: 33,53 Meter
Höhe: 5,46 Meter
Leermasse: 16.783 Kilogramm
Maximale Startmasse: 29.480 Kilogramm
Gipfelhöhe: 9.750 Meter
Reisegeschwindigkeit: 436 km/h in 5.000 Metern Höhe
Höchstgeschwindigkeit: 457 km/h in 7.600 Metern Höhe
Reichweite (normal): 1.510 Kilometer
Bewaffnung: 10 Maschinengewehr Kaliber 12,7 Millimeter
Eindringtiefe 400 Kilometer: Bombenlast 5.806 Kilogramm
Eindringtiefe 800 Kilometer: Bombenlast 3.600 Kilogramm
Eindringtiefe 1.200 Kilometer: Bombenlast 2.268 Kilogramm[4]

Graffito einer B-17 Liberator oder B-24 Flying Fortress
Graffito einer B-17 Flying Fortress oder B-24 Liberator


Ein weiteres Fliegergraffito im Luftschutzstollen:

Aufgrund des Hoheitszeichens dürfte es sich hier um das Bild eines einmotorigen Flugzeugs der Royal Air Force handeln.
Aufgrund des Hoheitszeichens könnte es sich hier um das Bild eines einmotorigen Flugzeugs der Royal Air Force handeln. In Bildmitte oben ist der Propeller zu erkennen.

Herzlichen Dank an Tom Scheucher für den Hinweis auf diese Graffiti!



Fußnoten:


[1] + [3] Sebastian Steinke, Fliegende Festung Boeing B-17. In: Klassiker der Luftfahrt 05/2011, online unter:
https://www.flugrevue.de/klassiker/fliegende-festung-boeing-b-17/ (10. August 2020)

[2] Nach seinem Erfinder Carl Lucas Norden.

[4] Eberhard Kranz, Consolidated B-24 „Liberator“, online unter:
https://www.fliegerweb.com/de/lexicon/Geschichte/Consolidated+B-24+%E2%80%9CLiberator%E2%80%9D-284 (10. August 2020)


Links und Literatur:


Josef Goldberger, Cornelia Sulzbacher, Der Luftkrieg, online unter:
https://www.ooegeschichte.at/epochen/nationalsozialismus/ooe-1938-1945-eine-chronologie/das-ende-des-krieges/bombenangriffe/ (10. August 2020)

Nicole-Melanie Goll, Georg Hoffmann, Missing in Action – Failed to return. Die Todesopfer der amerikanischen und britischen Air Forces im Luftkrieg über dem heutigen Österreich (1939–1945), ein Gedenkbuch (Wien 2016), online unter:
https://www.bundesheer.at/download_archiv/pdfs/missing_in_action.pdf (10. August 2020)

Markus Reisner, Der Luftkrieg 1944/45 über Österreich, online unter:
https://www.truppendienst.com/themen/beitraege/artikel/der-luftkrieg-194445-ueber-oesterreich/#page-1 (10. August 2020)

Markus Schmitzberger, Eine Luftschlacht über Österreich, online unter:
http://www.geheimprojekte.at/luft_schlacht.html (10. August 2020)


Interne Links:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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