1944 – Gruß aus Wilna

Die heutige Beschriftung lässt viele Fragen offen. Wer hat sie verfasst? Was wollte er oder sie damit sagen? An wen war der Gruß gerichtet? War der Verfasser Zwangsarbeiter oder ein deutscher Militärangehöriger auf Heimaturlaub? Diese Fragen lassen sich wohl nicht mehr beantworten. Wilna ist die deutsche Schreibweise der litauischen Hauptstadt Vilnius. Ich nehme diese Inschrift auf einem Ziegel in einer Luftschutzstollenanlage zum Anlass, über Litauen zwischen 1939 und Herbst 1944 zu schreiben.


Litauen zwischen 1939 und Juni 1941


Litauen, das seit 1918 ein selbstständiger Staat gewesen war, wurde ab August 1939 zum Spielball der Großmächte im Spannungsfeld, das sich zwischen Adolf Hitler und Josef Stalin aufgebaut hatte. Im Molotow-Ribbentrop-Pakt einigte man sich auf die Neutralität der Sowjetunion beim bevorstehenden deutschen Angriff auf Polen und auf die darauffolgende Gebietsaufteilung Polens, Finnlands und des Baltikums. Litauen galt in diesem Pakt als Interessenssphäre Deutschlands, während Estland und Lettland von der Sowjetunion beansprucht wurden.
Die Wehrmacht griff am 1. September 1939 Polen an, das der Übermacht nur etwa einen Monat lang Widerstand leisten konnte. Als der Sieg Deutschlands bereits absehbar erschien, erfolgte eine Revision des Paktes, in deren Zuge die Interessenssphären neu geordnet wurden – Litauen wurde am 28. September dem sowjetischen Einflussbereich zugeschlagen.

Die offizielle Eingliederung Litauens in die Sowjetunion erfolgte im Sommer 1940. Am 28. August nahm das Land die sowjetische Verfassung an. In der Folge wurde Litauen sowjetisiert, Kommunisten übernahmen die wichtigsten Positionen. Am 28. November erließ der Volkskommissar für Innere Angelegenheiten den Befehl, „Volksfeinde“ zu registrieren. Dazu zählten alle nichtkommunistischen Politiker, Staatsbeamte, Vertreter des unabhängigen Litauen, Menschen des öffentlichen Lebens und viele andere bis hinab zum einfachen Bauern. Über 6.600 Personen, hauptsächlich Beamte wurden daraufhin verhaftet. 645 Personen wurden zum Tode verurteilt. Die meisten anderen wurden in Gefängnisse und Arbeitslager gesteckt, wo viele von ihnen durch Kälte, Nässe und die Arbeitsbedingungen den Tod fanden.

Acht Tage vor dem Einmarsch der Wehrmacht setzten am 14. Juni 1941 Massendeportationen ein, die als „Vertreibung sozialfeindlicher Elemente“[1] bezeichnet wurden. In diesen wenigen Tagen wurden etwa 17.000 Menschen in Viehwaggons nach Sibirien abtransportiert. Oft waren es ganze Familien vom Säugling bis zum Greis, die zum Bahnhof getrieben und aus Litauen geschafft wurden. Hauptsächlich waren Landwirte, Beamte, Hausfrauen und Arbeiter von diesen Deportationen betroffen – mehr als die Hälfte von ihnen kehrte nicht mehr nach Hause zurück.

Diese erste sowjetische Phase in Litauen währte nicht lange: Am 22. Juni 1941 startete das Unternehmen Barbarossa – die Wehrmacht begann den Krieg gegen den Osten. Schon zwei Tage später nahmen deutsche Truppen Vilnius und Kaunas ein. Nach der Schlacht bei Raseiniai zwischen 23. und 27. Juni hatte Deutschland die Rote Armee bis auf Weiteres aus Litauen gedrängt.

Gruß aus Wilna
Gruß aus Wilna


Litauen zwischen Juni 1941 und Herbst 1944


Unmittelbar nach der deutschen Besetzung des Landes setzten die massenhaften Ermordungen der litauischen Juden und Jüdinnen ein, die zuvor in Ghettos zusammengetrieben wurden. Nach nur fünf Monaten erstellte Karl Jäger, der Befehlshaber des Einsatzkommandos 3 (EK 3) der Einsatzgruppe A, am 1. Dezember 1941 eine Gesamtaufstellung aller in seinem Zuständigkeitsbereich durchgeführten Liquidierungen. Die penible Auflistung, die sowohl Datums- und Ortsangaben der Erschießungen als auch die Anzahl der getöteten Menschen, unterteilt in jüdische Männer, jüdische Frauen, jüdische Kinder und andere enthielt, endete mit der Schlusssumme von 137.346 liquidierten Menschen. In dieser Zahl waren auch jene 4.000 Menschen enthalten, die von litauischen Partisanen ermordet wurden. Dieses Zeugnis der Buchhaltung des Massenmords ging als „Jäger-Bericht“ in die Geschichtsbücher ein und diente als Beweismittel in den Einsatzgruppenprozessen.

Auszüge aus dem Jäger-Bericht:

„[…]
16.8.41, Rokiskis: 3200 Juden, Jüdinnen und J-Kinder, 5 lit. Komm., 1 Pole, 1 Partisane – 3207

9. bis 16.8.41, Rasainiai: 294 Jüdinnen, 4 Judenkinder – 298

27.6. bis 14.8.41, Rokiskis: 493 Juden, 432 Russen, 56 Litauer (alles aktive Kommunisten) – 981

18.8.41, Kauen – Fort IV: 689 Juden, 402 Jüdinnen, 1 Polin, 711 Intell.-Juden aus dem Ghetto als Repressalie für eine Sabotage-Handlung – 1812

19.8.41, Ukmerge: 298 Juden, 255 Jüdinnen, 1 Politr. 88 Judenkinder, 1 russ. Kommunist – 645

22.8.41, Dünaburg: 3 russ. Komm., 5 Letten, dabei war 1 Mörder, 1 russ. Gardist, 3 Polen, 3 Zigeuner, 1 Zigeunerin, 1 Zigeunerkind, 1 Jude, 1 Jüdin, 1 Armenier, 2 Politruks (Gefängnis-Überprüfung in Dünaburg) – 21
[…]
1.9.41, Mariampole: 1763 Juden, 1812 Jüdinnen, 1404 Judenkinder, 109 Geisteskranke, 1 deutsche Staatsangehörige, die mit einem Juden verheiratet war, 1 Russin – 5090
[…]“[2] (Unterstreichungen und Fettdruck zur Übersichtlichkeit eingefügt, nicht im Original)

Seinen Bericht ergänzte Jäger, der mit besonderem Eifer und hoher Eigeninitiative seine Karriere vorantreiben wollte, durch einen Textteil. Um einen kurzen Einblick in sein menschenverachtendes Weltbild zu geben, zitiere ich auszugweise:

„Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, vom EK. 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr, ausser den Arbeitsjuden incl. ihrer Familien.

Das sind
in Schaulen ca. 4.500
in Kauen “ 15.000
in Wilna “ 15.000.

Diese Arbeitsjuden incl. ihrer Familien wollte ich ebenfalls umlegen, was mir jedoch scharfe Kampfansage der Zivilverwaltung (dem Reichskommissar) und der Wehrmacht eintrug und das Verbot auslöste: Diese Juden und ihre Familien dürfen nicht erschossen werden!

Das Ziel, Litauen judenfrei zu machen, konnte nur erreicht werden durch die Aufstellung eines Rollkommandos mit ausgesuchten Männern unter der Führung des SS-Obersturmführers Hamann, der sich meine Ziele voll und ganz aneignete und es verstand, die Zusammenarbeit mit den litauischen Partisanen und den zuständigen zivilen Stellen zu gewährleisten.[3]
[…]
In Rokiskis waren 3208 Menschen 4 1/2 km zu transportieren, bevor sie liquidiert werden konnten. Um diese Arbeit in 24 Stunden bewältigen zu können, mussten von 80 zur Verfügung stehenden litauischen Partisanen über 60 zum Transport, bezw. zur Absperrung eingeteilt werden. Der verbleibende Rest, der immer wieder abgelöst wurde, hat zusammen mit meinen Männern die Arbeit verrichtet. Kraftfahrzeuge stehen zum Transport nur selten zur Verfügung. Fluchtversuche, die hin und wieder vorkamen, wurden ausschliesslich durch meine Männer unter eigener Lebensgefahr verhindert. So haben z. B. drei Mann des Kommandos bei Mariampole 38 ausbrechende Juden und kommunistische Funktionäre auf einem Waldweg zusammengeschossen, ohne dass jemand entkam. Der An- und Rückmarschweg betrug zu den einzelnen Aktionen durchweg 160 – 200 km. Nur durch geschickte Ausnutzung der Zeit ist es gelungen, bis zu 5 Aktionen in einer Woche durchzuführen und dabei doch die in Kauen anfallende Arbeit so zu bewältigen, dass keine Stockung im Dienstbetrieb eingetreten ist.[4]
[…]
Ich betrachte die Judenaktionen für das EK.3 in der Hauptsache als abgeschlossen. Die noch vorhandenen Arbeitsjuden und Jüdinnen werden dringend gebraucht und ich kann mir vorstellen, dass nach dem Winter diese Arbeitskräfte dringendst weiter gebraucht werden. Ich bin der Ansicht, dass sofort mit der Sterilisation der männlichen Arbeitsjuden begonnen wird, um eine Fortpflanzung zu verhindern. Wird trotzdem eine Jüdin schwanger, so ist sie zu liquidieren.“[5]

Die Verfolgungen und Ermordungen in Litauen werden nicht nur durch den Jäger-Bericht dokumentiert. Ein weiteres Dokument, das nach dem Krieg als Beweismittel in den Einsatzgruppenprozessen diente, war der Bericht Walter Stahleckers über die Tätigkeiten der Einsatzgruppe A, die er befehligte. Weiters erfüllte Stahlecker die Funktion des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes im Reichskommissariat Ostland.

Am 15. Oktober 1941 erstattete er diesen Bericht, in dem er ähnlich wie Jäger detailliert auf die „Arbeit“ der Einsatzgruppe A einging. Bekannt wurde vor allem der zweite Stahlecker-Bericht von Februar 1942, dem eine Karte mit dem Titel „Von der Einsatzgruppe A durchgeführte Judenexekutionen“ beigegeben wurde. In dieser Karte wird mittels eines Sargsymbols für jedes Land des Baltikums und Weißrusslands die Zahl der ermordeten Juden angegeben.

Quelle:
United States Holocaust Memorial Museum
Copyright: United States Holocaust Memorial Museum
Provenance: Thomas Wartenberg
https://collections.ushmm.org/search/catalog/pa1177426

Der Terror der Deutschen gegen die Litauer ging jedoch nicht nur von Wehrmacht und SS aus. Auch die das Baltikum und Teile Weißrusslands umfassende deutsche Zivilverwaltung, das sogenannte Reichskommissariat Ostland (RKO), übte massiven Druck auf die Bevölkerung, vor allem die Bauern aus. Diese sollten Kontingente ihrer Ernte und ihres Viehs abliefern, um die Angehörigen der deutschen Besatzungs- und SS-Einheiten zu verpflegen. Die vorgeschriebenen Kontingente wurden von den Bauern bald als zu hoch empfunden. Weigerungen waren die Folge, die das RKO als Auflehnung bestrafte. Die Bauern wurden verhaftet, kamen in Straflager oder wurden erschossen. Der für Vilnius Land zuständige Gebietskommissar Horst Wulff etwa ließ aus diesem Grund im Februar 1943 34 Bauern erschießen.

Bis zum Ende der deutschen Schreckensherrschaft im Herbst 1944 waren die Einsatzgruppen der SS, die ihnen zur Seite stehenden litauischen Partisanen und die Besatzungsverwaltung für die Ermordung von etwa 220.000 Menschen der jüdischen Bevölkerung verantwortlich.
170.000 sowjetische Kriegsgefangene ließen in den deutschen Lagern Litauens ihr Leben. Tausende litauische Zivilisten waren in diesen drei Jahren nach Deutschland verschleppt worden, um dort Zwangsarbeit in Rüstungsindustrie und Landwirtschaft zu leisten. Land und Wirtschaft Litauens waren zerstört.

Wilna, 3.7.44
Wilna
3.7.44

Das im Bild gezeigte Datum – 3. Juli 1944 – ist interessant, weil es das einsetzende Ende der NS-Herrschaft im Baltikum markiert. Am 5. Juli startete die Rote Armee ihre Offensive auf Vilnius und Šiauliai. In diesen Tagen begann der Rückzug Deutschlands aus Litauen, der bis zum Winter abgeschlossen war. Als die Rote Armee am 28. Jänner 1945 Klaipėda einnahm, war das Land wieder in sowjetischer Hand.

Doch der litauischen Bevölkerung war kein Frieden vergönnt – ein Terrorregime endete und ein neues begann. Erneut installierte die Sowjetunion ihre kommunistische Struktur, verfolgte, deportierte und ermordete Kollaborateure, litauische Widerstandskämpfer und nichtkommunistische Politiker. Einige Städte Litauens waren nach den Massendeportationen, Vertreibungen und Ermordungen, die seit 1940 durchgeführt worden waren, so gut wie menschenleer. Die Sowjetunion siedelte dort Menschen aus verschiedenen Teilen der UdSSR, hauptsächlich aus Russland, an, um das Land endgültig zu sowjetisieren. Dies gelang aber nicht in allen Bereichen – die verbliebenen Litauer behaupteten sich etwa durch die Beibehaltung des Litauischen als Amtssprache. Seit 1990/1991 ist Litauen wieder ein freier selbstständiger Staat.


Fußnoten:


[1] Arūnas Bubnys, Litauen unter „rotem“ Terror 1940 – 1941. In: Annaberger Annalen über Litauen und deutsch-litauische Beziehungen, Nr. 21/2013, S. 218, online unter:
http://annaberger-annalen.de/jahrbuch/2013/16BubnysAA21.pdf (28. Juli 2020)

[2] Abschrift des Jäger-Berichts, 1. Dezember 1941, Blatt 2 und 3, online unter:
https://phdn.org/archives/www.david-irving.de/jaeger.html (27. Juli 2020)

[3] Abschrift des Jäger-Berichts, 1. Dezember 1941, Blatt 7, online unter:
https://phdn.org/archives/www.david-irving.de/jaeger.html (27. Juli 2020)

[4] Abschrift des Jäger-Berichts, 1. Dezember 1941, Blatt 7 und 8, online unter:
https://phdn.org/archives/www.david-irving.de/jaeger.html (27. Juli 2020)

[5] Abschrift des Jäger-Berichts, 1. Dezember 1941, Blatt 8, online unter:
https://phdn.org/archives/www.david-irving.de/jaeger.html (27. Juli 2020)


Links und Literatur:


Ekaterina Makhotina, Die Unsrigen – Die Holocaustdebatte in Litauen, online unter:
https://erinnerung.hypotheses.org/671#_ftn2 (28. Juli 2020)

Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945, Gedenkorte Europa 1939–1945, Litauen – Einführung, online unter:
https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/article-litauen-einfuhrung.html (28. Juli 2020)

Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung, Litauen im Zweiten Weltkrieg – Chronologie, online unter:
https://www.herder-institut.de/no_cache/digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/modul/31/seite/118.html (28. Juli 2020)

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Stahlecker-Bericht (Auszug), online unter:
https://www.doew.at/erinnern/fotos-und-dokumente/1938-1945/pogrome-in-kowno-kaunas-kauen-juni-1941/stahlecker-bericht-auszug (28. Juli 2020)

Walter Stahlecker, Einsatzgruppe A Gesamtbericht bis zum 15. Oktober 1941. In: Trial of the Major War Criminals before the International Military Tribunal (Nürnberg 1949), S. 670, online unter:
https://www.loc.gov/rr/frd/Military_Law/pdf/NT_Vol-XXXVII.pdf#page=677 (28. Juli 2020)
Punkt A.II.3. Bekämpfung des Judentums unter:
https://www.loc.gov/rr/frd/Military_Law/pdf/NT_Vol-XXXVII.pdf#page=694 (28. Juli 2020)


Interne Links:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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