1943/1944 – Die Liese und die Miese

Dieser Artikel wurde am 23. Juli 2020 überarbeitet.

Die Erziehung der Bevölkerung im nationalsozialistischen Sinne war eine der vordringlichen Aufgaben des Reichsministeriums für Propaganda und Volksaufklärung unter Josef Goebbels. Mit verschiedenen Figuren und Parolen, wie etwa dem „Kohlenklau“, dem „Schattenmann“ oder „Pst, Feind hört mit!“ wollte man den Menschen den richtigen Umgang mit Entbehrungen im Krieg, knappen Ressourcen und potenziell wichtigen Informationen beibringen.

Eine weiteres Figurenpaar in Goebbels‘ Propaganda hieß „Die Liese und die Miese“. Anhand eines Plakats, das ich an einer Kellertüre in Wien entdeckte, erzähle ich von der kurzen und erfolglosen Episode dieses staatlich gelenkten Erziehungsversuchs, in dessen Kurzfilmversionen eine Schauspielerin, die heute noch vielen bekannt ist, ihre ersten Erfahrungen im Film sammelte.


Die Liese und die Miese


Schon 1939/1940 kreierte man in Goebbels Ministerium mit Tran und Helle zwei Figuren, die das richtige und das falsche Verhalten in bestimmten Situationen in Form eines Dialoges zwischen zwei Männern gegenüberstellte. Während Tran sich im nationalsozialistischen Sinne nie korrekt verhielt, war Helle der Linientreue, der dem Volk als Vorbild dienen sollte. In 47 heute noch erhaltenen Episoden brachten die beiden jene „Weisheiten“ unter das Volk, die diesem ein gutes Leben und Überleben in Zeiten des Krieges ermöglichen sollten. Diese Kurzfilmreihe war beliebt und wurde 1940 nur wegen fehlender Sendezeit aus dem Programm gestrichen.

Ende 1943 kehrte der Gut-Schlecht-Dualismus zurück, diesmal jedoch in Gestalt zweier Frauen – sie waren die Liese und die Miese. Liese war blond, groß, gut gekleidet, gepflegt und löste Probleme. Ihre Rolle wurde als optimistisch und nationalsozialistisch einwandfrei konzipiert. Ihr gegenüber stand die Miese, die nörgelte, nicht auf ihr Äußeres achtete, Fehler und Vergehen beging und stets pessimistisch auf die Welt blickte. Goebbels‘ Glaube bestand darin, die Bevölkerung würde danach streben so zu werden wie die Liese.

Am 14. Dezember 1943 kündigte Hans Lehmann, ein Filmproduzent, in einem kurzen Zeitungsartikel unter dem Titel „Zwei neue Typen im Film“ die frischen Figuren aus dem Propagandaministerium an:

„In einer Sondervorführung in Berlin sah man den in Kürze als Vorspann zur Wochenschau laufenden Film ‚Eisenbahnverkehr zu Weihnachten‘. Ähnlich wie seinerzeit die Figuren Tran und Helle als Typen des ewig nörgelnden einerseits und positiv eingestellten Menschen unserer Zeit andererseits im alltäglichen Leben beobachtet wurden, so treten hier erstmalig zwei weibliche Figuren, Liese und Miese in Erscheinung. Liese ist das aufrechte, kluge, gerade und bejahende Mädchen der Gegenwart, die um die Schicksalsbedeutung des Ringens weiß; Miese ist die Karikatur der hysterischen, nörgelnden, meckernden Klatschbase, die nur an sich denkt und deren Verstand nicht weiterreicht als ihre Kulpnase. Liese ist mit der schönen Offenheit im Gesicht, die das Mädchen unserer Zeit kennzeichnet, Gerhild Weber. Brigitte Mira, die wir das erstemal im Film sehen – bisher entfaltete sie ihr Talent im Kabarett der Komiker in Berlin als hervorragende Soubrette – spielt mit opfervoller Selbstüberwindung weiblicher Eitelkeit die mordshäßliche Miese. Es ist ohne Zweifel, daß die beiden weiblichen Figuren bald ebenso volkstümlich sein werden, wie es damals die beiden männlichen gewesen sind.“[1]

Zwei Wochen später erschien erneut ein Zeitungsartikel, der unter dem Titel „So spricht Liese, so meckert Miese“ Sinn und Zweck der Kurzfilme beschrieb:

„In diesen Tagen beginnt das erste Exemplar einer Reihe von kurzen in pointierter Form gebrachten Filmen anzulaufen, die sich darum bemühen, dem großen Publikum alle diejenigen Notwendigkeiten und Schwierigkeiten, die der Krieg mit sich bringt, so vor Augen zu führen, wie sie gesehen werden wollen und gesehen werden müssen. Wenn wir in diesen vor der Wochenschau laufenden, ähnlich wie Tran- und Helle-Filme gestalteten Streifen zwei Figuren immer wieder begegnen, die sich uns sicher bald einprägen werden, die vernünftige Liese und die ewig meckernde, immer alles besser wissende Miese, dann werden wir merken, daß diese Figuren alle beide zu bestimmten Zeiten in uns selbst erscheinen, sowohl die vernünftige als auch die allem Notwendigen widerstrebende, so daß diese Filme uns ein Spiegel sein werden für unser eigenes Tun, vor dem wir häufig genug erschrecken.
Der erste dieser Filme greift gleich ein in ein besonderes brennendes Problem, in die Frage nach der privaten Reise, und er gibt uns die Antwort, daß wir hier sowohl die Tatsache als auch die Motive achten müssen, die die Führung bewogen haben, das Eisenbahnfahren von Privaten weitgehend einzuschränken. Erst müssen wir den Krieg gewinnen, das sehen wir alle ein, zumindest in Stunden ruhiger Überlegung, dann können wir wieder leben wie vordem, aber auch nur dann.“[2]

In den Kurzfilmen spielte Gerhild Weber die Liese und Brigitte Mira die Miese. Da Mira durch gefälschte Papiere ihre jüdische Herkunft verbergen konnte, scheint es eine gewisse Ironie des Schicksals gewesen zu sein, dass sie ausgerechnet die Rolle der Figur spielen durfte, die jedem überzeugten Nationalsozialisten wie Hohn erscheinen musste.
Der Drehbuchautor der Kurzfilme war Friedrich Luft, als Regisseur arbeitete Eugen York.

DIversen Filmportalen zufolge spielte Gisela Schlüter die Liese, allerdings konnte ich bei meinen Recherchen nur Gerhild Weber in dieser Rolle entdecken. Auch im oben zitierten Artikel wird sie namentlich angeführt, Gisela Schlüter jedoch nicht. Ebenso zeigen die beiden Kurzfilme am Ende dieses Artikels meines Erachtens Gerhild Weber.

Inhaltlich handelten die Karikaturen, Filme und Postkarten von Situationen und Themen des täglichen Lebens, in denen sich die Bevölkerung dank der filmischen Erziehungsmaßnahme nun richtig verhalten sollte:

  • Nutzung des Eisenbahnverkehrs für private Reisen
  • Verschwendung
  • Verbreitung von Gerüchten
  • Belästigung der Nachbarn durch zu lautes Radio
  • Spenden, etwa für das Winterhilfswerk
  • Instandhaltung des Luftschutzkellers
  • Leben auf großem Fuß
  • Altstoffsammlung
  • Hypochondrie
  • Auf das Äußere und gute Kleidung achten
  • Hamstern
  • Ausplaudern von Geheimnissen
  • Dankbarkeit und Mithilfe

Brigitte Mira beschrieb ihre Geschichte in der Rolle der Miese in ihren Memoiren so:

„Die Miese sollte natürlich negativ wirken, hässlich aussehen, ungepflegt herumlaufen, eine richtige Schreckschraube wurde da gesucht.
[…]
Die Rolle in ‚Liese und Miese‘ hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich war noch sehr jung damals und durfte alles sagen, was kein anderer Mensch sagen durfte.
[…]
Allerdings […] kamen York, Luft und ich nicht lange in den Genuss, uns in diesem Freiraum des Filmwesens zu bewegen, denn als Goebbels die ersten Kurzfilme sah und von den Reaktionen des Publikums hörte, das ausgerechnet die Miese sofort ins Herz geschlossen hatte, wurde die Serie unverzüglich abgesetzt.“[3]

Die Geschichte von Liese und Miese war also nur eine kurze. In den Kinoankündigungen war es mir nur möglich, eine einzige Episode zu entdecken: Zwischen 27. Februar und 3. März 1944 wurde die Folge „Liese und Miese am Land“, die auch am Ende des Artikels auf YouTube verlinkt ist, angekündigt.[4] Falls weitere Episoden ausgestrahlt wurden – Ramon Schack erwähnt zehn Folgen ohne jedoch eine Quelle anzuführen[5] – wurden sie entweder nicht gesondert unter „Liese und Miese“ verlautbart oder nur noch unter dem jeweiligen behandelten Thema, was die Auffindung in der Datenbank schwierig werden lässt. Auch die „Liese und Miese“-Karikaturen finden sich nur zwischen Mitte Dezember 1943 und Anfang März 1944 in den damaligen Zeitungen (siehe Bildergalerie unten).

Eventuell waren die Ausstrahlungen der Kurzfilme im Vorspann der Wochenschau mit dem Erscheinen der Karikaturen in Zeitungen synchronisiert. Im oben zitierten zweiten Zeitungsartikel vom 28. Dezember 1943 kommt das Problem der privaten Reise zur Sprache. Dieses Thema entspricht auch dem der ersten Karikaturen vom 12. beziehungsweise 15. Dezember.


Das Publikum


Welche Wirkung erzielten die „Liese und Miese“-Filme beim Publikum? Wie oben schon erwähnt, identifizierten sich die Menschen mit der Miese, weil diese echter und natürlicher wirkte und in ihrem Handeln sympathischer erschien, als die nationalsozialistische Vorzeigehausfrau Liese. Der Miese flogen die Herzen zu, sodass Goebbels die Ausstrahlung der Episoden wegen der ihm völlig unverständlichen Verbrüderung des Publikums mit dem „falschen“ Rollencharakter einstellte.

Zumindest aus einem Bundesland ist die Reaktion der Bevölkerung auf die Liese und die Miese wenigstens in überblicksartiger Form überliefert. In dem Zeitungsartikel mit dem Titel „Seine Ruah“ von Ende November 1945 beschrieb der Verfasser mit den Initialen D.B. das Verhalten der Wiener in etwas übertriebener Form so:

„Der Wiener will bekanntlich seine Ruah haben.
[…]
Was allerdings nicht hinderte, daß, zusammen mit der Ordnung, der Krieg in unser Land gesetzt wurde. Sechs Jahre lang ließ man dem Wiener ‚ka Ruah‘. Er rächte sich dafür auf die ihm gemäße Art: er machte ‚Passive …‘. Er leistete in elf Arbeitsstunden nicht mehr als früher in acht. Die Aufrufe zur Sparsamkeit beantwortete er damit, daß er das Licht überhaupt nicht mehr abdrehte und ‚die Gas‘ auch zum Heizen, in besondes hartnäckigen Fällen sogar zum täglichen Bad verwendete. Angesichts der preußisch-humorigen Gestalten des ‚Kohlenklau‘, der ‚Liese und Miese‘ und ähnlicher geistiger Anregungen gab es für ihn nur ein verächtliches ‚Net amal ignorieren!‘“[6]


Liese und Miese an der Wiener Kellertür


Als in Österreich mit Sommer/Herbst 1943 die strategischen Luftangriffe einsetzten, trafen sie die Zivilbevölkerung zwar unerwartet, aber nicht unvorbereitet. 1935 war bereits der Österreichische Luftschutzbund (ÖLB) gegründet worden, der Verhaltensregeln und Maßnahmen im Luftschutzkeller definierte. 1938 wurde der ÖLB vom deutschen Reichsluftschutzbund (RLB) übernommen, der dessen Arbeit nahtlos fortsetzte.

Um die Bevölkerung an die Gefahren zu gewöhnen, die sie im Luftkrieg zu erwarten hatten, veröffentlichte der RLB – und zuvor schon der ÖLB – zahlreiche Zeitschriften und Broschüren. In Luftschutzübungen konnten die Leute ihr bisher theoretisches Wissen in der Praxis festigen.
Dennoch war der Aufenthalt im Luftschutzkeller immer mit Angst und der bangen Frage verbunden, ob das Haus, in dessen Keller man saß, und seine Bewohner dieses Bombardement unbeschadet überstehen würden.

Plakat am Eingang zu einem Luftschutzkeller
Mit solchen Plakaten wollte man den Luftschutzgedanken im Alltag der Zivilbevölkerung verankern und ihm den Schrecken nehmen

Um den Menschen die Angst zu nehmen, ihnen Struktur zu geben und den Luftschutz in den Alltag zu integrieren, wurden Merkblätter, Vorschriften, Ordnungstafeln und „humorvolle“ Sinnsprüche wie jener im Bild zum Aushang gebracht. Sinn war wohl, in den Köpfen der Bevölkerung das Bewusstsein zu schaffen, dass im Luftschutzkeller alle gleich wären und jeder seine Aufgabe hätte. Die Miese kommt entsprechend ihrer negativen Rolle im Vers nicht gut weg. Sie erscheint wie üblich nörgelnd und meckernd am Eingang zum Luftschutzraum, während die brave Liese und eine namentlich nicht näher definierte dritte Hausfrau schon eifrig den Raum reinigen.

Der Text am Plakat lautet:

„Wenn alle glücklich sich geeinigt,
wer nun den Luftschutzkeller reinigt,
dann hat die Miese niemals Zeit!
Doch muß sie nachts mal in den Keller,
dann schnurrt ihr Mundwerk wie’n Propeller,
ob mangelhafter Sauberkeit!“

Leider hat die Substanz des Plakats in den vergangenen Jahrzehnten durch seine exponierte Lage an der Außenseite einer Wiener Kellertür stark gelitten. Viel ist vom Bild nicht mehr zu erkennen. Bei meinen Recherchen konnte ich in der Datenbank ANNO – AustriaN Newspapers Online der Österreichischen Nationalbibliothek einige Zeitungsausgaben entdecken, in denen die „Liese und Miese“-Karikaturen abgedruckt wurden. In der unten eingefügten Galerie entspricht das Plakat an der Kellertür dem Bild vom 26. Februar 1944.


Karikaturen in Zeitungen


Die Karikaturen der Liese und der Miese, die in Zeitungen oder als Postkarten gedruckt wurden, entsprangen der Feder des Karikaturisten Hans Zoozmann.

Klicken Sie auf die obere Hälfte des Vorschaubilds, um es größer anzuzeigen.
Klicken Sie auf den Text, um zur digitalisierten Ausgabe der jeweiligen Zeitung in der ANNO-Datenbank zu kommen.


Postkarten


Diese Postkarten fand ich bei der Internet-Recherche und haben deshalb verschiedene Quellen:

1: https://www.ansichtskarten-center.de/webshop/shop/ProdukteBilder/11005/AK_10502420_gr_1.jpg
2: https://www.ebay.de/itm/113144563525
3: https://www.ebay.de/itm/113642232938
4: https://www.ansichtskarten-center.de/humor-karikatur-sonstiges/kuenstlerkarte-die-liese-und-die-miese-humor?isSearchRequest=Y
5: https://www.ebay.de/i/113642231485

Leider sind die Postkarten nicht datiert. Vermutlich stammen sie aber aus dem gleichen Zeitraum wie weiter oben im Text angeführt.


Kurzfilme


Auf dem Lande (derzeit leider nicht verfügbar, 1. September 2020)


Feind hört mit

Auch hier scheint es sich um einen „Liese und Miese“-Film zu handeln. Bei Minute 2:51 wird die nationalsozialistisch einwandfreie Reisende mit „Liese“ angesprochen.
Online unter:
https://archive.org/details/1940-PSST-Feind-hoert-mit-1


Fußnoten:


[1] Artikel „Zwei neue Typen im Film“. In: Das kleine Volksblatt, 14. Dezember 1943, Seite 5, online unter: ANNO Historische Zeitungen und Zeitschriften,
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=dkv&datum=19431214&ref=anno-search&seite=5 (23. Juli 2020)

[2] Artikel „So spricht Liese, so meckert Miese“. In: Marburger Zeitung, 28. Dezember 1943, Seite 3, online unter: DiFMOE Digitales Forum Mittel- und Osteuropa,
https://www.difmoe.eu/d/view/uuid:f8248275-acae-44cd-b4de-e4b9cce64148?page=uuid:de8b8c2c-af9a-4fb3-b845-b94a721aca46 (23. Juli 2020)

[3] Zitiert nach Reinhard Krause, Mosern fürs Reich, online unter: taz.de,
https://taz.de/!1910043/ (23. Juli 2020)

[4] Illustrierte Kronen-Zeitung, 27. Februar 1944, Seite 12, online unter: ANNO Historische Zeitungen und Zeitschriften, http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=krz&datum=19440227&ref=anno-search&seite=12 (23. Juli 2020)
und
Völkischer Beobachter, 3. März 1944, Seite 7, online unter: ANNO Historische Zeitungen und Zeitschriften, http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=vob&datum=19440303&ref=anno-search&seite=7 (23. Juli 2020)

[5] Ramon Schack, Historische Dokumente: Vorsicht, Feind hört mit! Miese und Liese, online unter:
https://ramonschack.wordpress.com/2008/07/28/historische-dokumentevorsichtfeind-hort-mitmiese-und-liese/ (23. Juli 2020)

[6] Artikel „Seine Ruah“. In: Neues Österreich, 30. November 1945, Seite 3, online unter: ANNO Historische Zeitungen und Zeitschriften,
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nos&datum=19451130&ref=anno-search&seite=3 (23. Juli 2020)


Interne Links:

Mehr zum Luftschutz:
https://www.worteimdunkel.at/?p=3487
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=490#luftschutz

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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