1945 – Sisto Merisi

Dieser Artikel wurde am 18. Juni 2020 überarbeitet.

Die Wiener Flaktürme blieben nach dem Zweiten Weltkrieg vollständig erhalten. Warum und nach welchen Vorbildern sie erbaut wurden, beleuchtet dieser Beitrag und geht anschließend auf die Menschen ein, die ihn errichten mussten. Die im Beitrag gezeigte Beschriftung stammt von einem Italiener, der in den letzten Kriegsjahren in einem der Türme Zwangsarbeit leisten musste.

Um das historische Zentrum Wiens vor Luftangriffen zu schützen und der Bevölkerung Schutzräume zu bieten, wurde 1942 mit der Errichtung von Flaktürmen begonnen. Dazu baute man sechs Türme, die paarweise im Stadtgebiet angeordnet waren. Jedes Paar bildete den Eckpunkt eines Dreiecks, das die Innenstadt zum größten Teil in sich aufnahm und bestand aus einem Feuerleitturm und einem Geschützturm. Mittels der Messgeräte am Feuerleitturm wurden herannahende Fliegerverbände erfasst und die erhobenen Daten an die Stellungen der schweren Flak des Geschützturmes weitergeleitet. Dort wurden die Geschütze entsprechend der übermittelten Daten ausgerichtet und im passenden Moment das Feuer gegen die Bomber eröffnet.

Der Grund, warum Flaktürme immer paarweise errichtet wurden, liegt in der Aufrechterhaltung der Messfähigkeit des Feuerleitturms. Dort waren das Radargerät „Würzburgriese“ und die Entfernungsmessgeräte installiert. Die Elektronik der Geräte wäre durch die Erschütterungen der Kanonenabschüsse und den entstehenden Rauch gestört worden, sodass der Feuerleitturm selbst nur mit leichteren kleineren Geschützen gegen Tiefflieger ausgestattet war, während die schwere Flak am Geschützturm stationiert war.

Paar-Nr.DecknameBauzeitBauartHöhe
(m)
Bewaffnung
Ausstattung
Geschützturm
Arenbergpark
VIIIBaldrianDez. 42 bis
Okt. 43
2424 x 12,8 cm
Zwillingsflak
Feuerleitturm
Arenbergpark
VIIIBaldrianDez. 42 bis
Okt. 43
239Würzburgriese
Entfernungs-
messgeräte
Geschützturm
Stiftskaserne
VOkt. 43 bis
Juli 44
3454 x 12,8 cm
Zwillingsflak
Leitturm
Esterhazypark
VOkt. 43 bis
Juli 44
347,3Würzburgriese
Entfernungs-
messgeräte
Geschützturm
Augarten
VIIPeterJuli 44 bis
Jan. 45
3554 x 12,8 cm
Zwillingsflak
Feuerleitturm
Augarten
VIIPeterJuli 44 bis
Jan. 45
353Würzburgriese
Entfernungs-
messgeräte
Die Flaktürme in Wien


Die in römischen Ziffern angegebenen Nummern der Flakturmpaare ergaben sich durch die gleichzeitige Durchführung von mehreren Bauvorhaben. Bereits zwischen 1940 und 1942 wurden die ersten Türme der Bauart 1 errichtet – dabei handelte es sich mit den Paaren I bis III um die Berliner Türme und mit IV um das erste in Hamburg erbaute Turmpaar. Darauf folgten von 1942 bis 1943 jene der Bauart 2 – das Paar VIII in Wien und das Paar VI in Hamburg. Überlappend damit kamen ab Dezember 1942 bereits die Türme der Bauart 3 zur Ausführung – die Flakturmpaare V und VII in Wien.

Mit Wandstärken bis zu dreieinhalb Metern und Stärken der Abschlussdecke bis zu fünf Metern sollten die Flaktürme nicht nur ihre Aufgabe des aktiven Luftschutzes in Form der Fliegerabwehr erfüllen, sondern auch jene des passiven Luftschutzes als Bunker für die Bevölkerung. Bis zu 40.000 Personen fanden insgesamt bei Fliegeralarm Schutz im Inneren der sechs Betonkolosse, die meist etagenweise zwischen militärischer, ziviler und teilweise industrieller Nutzung aufgeteilt wurden.


Vorbilder und Nachkriegspläne


Die Vorbilder, die den Entwürfen der Türme zugrunde lagen, suchten sich Albert Speer und die von ihm beauftragten Architekten in historischen Festungsbauwerken. Sieht man sich etwa den Geschützturm der Bauart 3 im Augarten an, so erkennt man durchaus Parallelen zu dem aus dem 13. Jahrhundert stammenden Castel del Monte in Italien. Auch zur Belüftung der Türme orientierte man sich an älteren Vorlagen, etwa dem zwischen 1724 und 1729 erbauten Maschikuliturm der Festung Marienburg in Würzburg, der über ein ausgeklügeltes System von Maueröffnungen verfügte, das den Abzug der Pulverdämpfe sicherstellte.

Für die Zeit nach dem Krieg gab es Planungen, die Türme als monumentale Totenburgen zum Gedenken der gefallenen Soldaten oder der im Bombenkrieg umgekommenen Zivilbevölkerung auszugestalten. In diesem Falle sollten sie als fensterlose Gedenkbauwerke mit dunklem Marmor oder Granitsteinen verkleidet werden. Andere Entwürfe zielten darauf ab, die Flaktürme zu Monumenten des Endsiegs auszubauen, die der Selbsthuldigung des Regimes dienen sollten.


Zwangsarbeit beim Bau der Flaktürme


Zur Errichtung der Flaktürme wurden tausende Zwangsarbeiter, zum größten Teil Kriegsgefangene, aber auch verschleppte Zivilisten und in geringerem Ausmaß auch KZ-Häftlinge vieler Nationen herangezogen. Der Großteil von ihnen stammte aus Italien, Frankreich, Polen, Jugoslawien, Belgien, der Sowjetunion, Ukraine, Tschechoslowakei und anderen Ländern.

Sie wurden in eigens für diesen Zweck eingerichteten Lagern interniert:

  • Pater-Abel-Platz, dem heutigen Friedrich-Engels-Platz im 20. Bezirk
  • „Lager Freihaus“ im Bereich Operngasse 13/Wiedner Hauptstraße 10 im 4. Bezirk
  • „Lager Sportplatz“ (Lager Schleuse), Brigittenauer Lände 236–238 im 20. Bezirk

Die meisten der eingesetzten Italiener waren Soldaten, die nach Italiens Waffenstillstand mit den Alliierten im September 1943 nicht mehr an der Seite Deutschlands kämpfen wollten. Quasi über Nacht waren aus Verbündeten Gegner geworden.

Deutsche Truppen marschierten daraufhin im Norden Italiens ein, wo Mussolini nun ein Territorium zur Verfügung stand, in dem er die sogenannte „Italienische Sozialrepublik“ gründen konnte. 600.000 italienische Soldaten, die nicht länger für Deutschland kämpfen wollten, gingen in deutsche Gefangenschaft, wo sie als „Italienische Militärinternierte“ (IMI) bezeichnet wurden. Aufgrund dieser Einstufung wurden sie bis Mitte 1944 schlechter behandelt als Kriegsgefangene – zehntausende starben durch Arbeit und Hunger oder wurden ermordet. Erst ab Juli 1944 wurden sie als Zivilarbeiter eingestuft und entsprechend besser behandelt.

Name des italienischen Militärinternierten Sisto Merisi aus Mailand
„Merisi Sisto Milano“, Inschrift im Keller eines Flakturms

Einigen von ihnen gelang es, sich beim Betonieren des Kriegsbauwerks durch Einritzungen im oder Beschriftungen am Beton zu verewigen. Der Mailänder Sisto Merisi war einer von ihnen. Anfang 1945 schrieb er seinen Namen an die Wand. Vermutlich war er zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Leider ist mir weder über ihn noch über sein weiteres Schicksal im und nach dem Krieg etwas bekannt.


Literatur und Links:


Thomas Keplinger, Funkmessgerät FuMG 65 – Würzburgriese, online unter: Geheimprojekte.at,
http://www.geheimprojekte.at/fumg_fumg-65.html (12. Juni 2020)

Der Text entstand zum größten Teil auf Grundlage von:
Marcello La Speranza, Flakturm-Archäologie. Ein Fundbuch zu den Wiener Festungsbauwerken (Berlin 2012)

Valentin E. Wille, Die Flaktürme in Wien, Berlin und Hamburg. Geschichte, Bedeutung und Neunutzung (Saarbrücken 2008), online unter:
https://publik.tuwien.ac.at/files/pub-ar_9367.pdf (12. Juni 2020)

Wien Geschichte Wiki, Zwangsarbeiterlager Brigittenauer Lände 236–238, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zwangsarbeiterlager_Brigittenauer_L%C3%A4nde_236-238 (13. Juni 2020)

Wien Geschichte Wiki, Zwangsarbeiterlager Pater-Abel-Platz, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zwangsarbeiterlager_Pater-Abel-Platz (13. Juni 2020)

Wien Geschichte Wiki, Zwangsarbeiterlager Wiedner Hauptstraße 10, Lager Freihaus, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Zwangsarbeiterlager_Wiedner_Hauptstra%C3%9Fe_10,_Lager_Freihaus (13. Juni 2020)


Interne Links:

Mehr zu italienischen Zivilarbeitern vor September 1943:
https://www.worteimdunkel.at/?p=3663

Mehr zu der Geschichte der Italienischen Militärinternierten:
https://www.worteimdunkel.at/?p=6531

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
http://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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