1941 bis 1945 – Die Schiene im Berg

Es war ein unerwarteter Anblick, der sich mir 2016 bot, als ich zu den Fundamenten einer Materialseilbahnstation in knapp 2400 Metern Seehöhe aufbrach, die seit Kriegsende ungenutzt ihr Dasein im rauen Klima der Berge fristete. Auf 2100 Metern ragte plötzlich eine rostige Schiene hochkant aus der dürren Grasnarbe. Ich hatte Glück – trotzdem das Schienenstück, das oberirdisch zwischen Gräsern und Hochlandblumen gen Himmel ragte, nur etwa eineinhalb Meter lang war, erkannte ich deutlich ein Walzzeichen: „Krupp 1938 K8C“, gefolgt vom Firmensymbol der Krupp-Werke, das drei ineinander greifende Radreifen zeigt, die frühen Räder der Eisenbahnen. Die Schiene war also 1938 von der Firma Krupp gefertigt worden.

Auf knapp 3000 Metern Seehöhe ragt diese Krupp-Schiene aus dem Boden
Auf etwa 2100 Metern Seehöhe ragt diese Krupp-Schiene aus dem Boden

Die Gussstahlfabrik, die 1811 von Friedrich Krupp gegründet worden war, produzierte seit 1864 auch Schienen, nachdem sie sich vor allem in der Maschinen- und Rüstungsindustrie durch die Herstellung von Artilleriegeschützen und Gewehren im Laufe der 1830er bis 1850er-Jahre einen Namen gemacht hatte.

Auch im Laufe des Zweiten Weltkrieges produzierten die Krupp-Werke einen großen Teil des deutschen Waffen- und Kriegsmaterials. Der Anteil an der Rüstungsindustrie war so hoch, dass sich für den Konzern der inoffizielle Beiname „Waffenschmiede des Deutschen Reichs“ etablierte. Aus dem Hause Krupp stammten Maschinen und Fahrzeuge aller Art, Achsen und Wellen, Lokomotiven, Waggons, Panzer, Geschütze, Gewehre, Bleche und Schienen.

Das Walzzeichen besagt: "Krupp 1938 K8C", gefolgt vom Logo der Kruppwerke
Das Walzzeichen lautet „Krupp 1938 K8C“, gefolgt vom Firmensymbol der Kruppwerke

Die hier gezeigte Schiene war ein Produkt der deutschen Kriegswirtschaft und fand wiederum in der Kriegswirtschaft Verwendung. In einem in der Nähe befindlichen Molybdänbergwerk wurden solche Schienen für die Grubenbahn verlegt. Molybdän wiederum benötigte man seitens der Wehrmacht respektive der für die Wehrmacht fertigenden Kriegswirtschaftsbetriebe dringend zur Veredelung von Stählen – es verbessert sowohl die Härte und Zugfestigkeitseigenschaften als auch die Widerstandsfähigkeit gegen Korrosion und Hitzeeinwirkung. Somit war dieses Erz nicht nur für die Härtung von Panzerstahl sehr gefragt, sondern auch essenziell für die Herstellung von Kanonenrohren, Motorenteilen oder den Bau von Schiffen mit meerwasserbeständigen Stahlplatten.

Schienen unter dem Eis des in der Nähe befindlichen Bergwerks
Schienen unter dem Eis eines in der Nähe befindlichen Bergwerks

Der rüstungsindustrielle Bedarf an Molybdän hatte 1941 ein derart dringendes Ausmaß erreicht, dass man schon zu diesem Zeitpunkt den Ausbau des Bergwerks unter allen Umständen beschloss – auch des Risikos einer völligen Fehlinvestition waren sich die Entscheidungsträger im Reichswirtschaftsministerium bewusst.

Obwohl die Ertragsprognosen dieses Bergwerks von Anfang an gering waren und mit fortlaufenden Untersuchungen immer niedriger wurden, pumpte die deutsche Kriegswirtschaft zwischen 1941 und 1945 etwa sechs Millionen Reichsmark in das Projekt, das bis Kriegsende kein Gramm Molybdän lieferte.


Quellen und Literatur:


Renate Köhne-Lindenlaub, „Krupp, Friedrich“. In: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 129 f., online unter:
https://www.deutsche-biographie.de/pnd118778129.html#ndbcontent

Renate Köhne-Lindenlaub, „Krupp, Alfred“. In: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 130-135, online unter:
https://www.deutsche-biographie.de/pnd118567241.html#ndbcontent

Renate Köhne-Lindenlaub, „Krupp von Bohlen und Halbach, Alfried“. In: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 143-145, online unter:
https://www.deutsche-biographie.de/pnd118724819.html#ndbcontent

Renate Köhne-Lindenlaub, „Krupp von Bohlen und Halbach, Gustav“. In: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 138-143, online unter:
https://www.deutsche-biographie.de/pnd116574216.html#ndbcontent

Johannes Breit, Der Molybdänbergbau unter der Alpeiner Scharte 1941–1945 (Absam 2009)


Interner Link:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.