1943 – Symbole im Fels und das Ahnenerbe

Kurze Geschichte der NS-Zeit im Salzkammergut

Seit 1924 war die NSDAP bereits im Salzkammergut aktiv, wo sie in den Gemeinderäten fast aller Ortschaften in unterschiedlicher Stärke vertreten war. Schon damals übte die Partei oft in Zusammenwirken mit der paramilitärisch organisierten und ebenfalls antisemitischen Heimwehr Einfluss darauf aus, wie mit jüdischen Mitbürgern umgegangen wurde. Der Gipfel der Diskriminierung war erreicht, als man – wahrscheinlich im Zuge der Kundmachung der Nürnberger Rassengesetze im September 1935 – offen die Entfernung der Juden aus dem öffentlichen Leben forderte. Nur Ortschaften, die aus tourismuswirtschaftlichen Gründen auf jüdische Feriengäste angewiesen waren, wie etwa Gmunden und Bad Ischl, lehnten diese Vorgehensweise ab.

Das Jahr 1934, in dem die Nationalsozialisten in Wien den Putsch gegen Dollfuß versuchten, bei dem dieser sein Leben ließ, ging auch am Salzkammergut nicht spurlos vorüber. Vor allem in protestantisch geprägten Ortschaften befanden sich die verbissensten NS-Anhänger. Trotzdem die NSDAP nach dem gescheiterten Putsch noch weiter in den Untergrund sackte, als sie es ohnehin schon seit dem Parteiverbot tat, erfreute sie sich doch in der Bevölkerung regen Zulaufs. Der Ständestaat mit seiner Einheitspartei, der Vaterländischen Front, übte nie die gleiche Anziehungskraft aus wie die Formationen der NSDAP, nicht zuletzt, weil bekannt war, welch wirtschaftlichen Aufschwung Hitler dank seiner Kriegsrüstung in Deutschland bewirkt hatte.

Bis 1936 war die NSDAP trotz Verbots mehr oder weniger offen geduldet. Selbst als Gendarmen in Bad Ischl freimütig ihre Sympathie zur NSDAP zeigten, blieb dies ohne Konsequenzen. Mit dem Juliabkommen 1936 wurden die Nationalsozialisten dann wieder legalisiert, woraufhin ihre Propaganda voll einsetzen konnte. Dies führte in den letzten Tagen vor dem „Anschluss“ zur Offenbarung eines ungleichen Kräfteverhältnisses: Mobilisierte die Vaterländische Front nur mit Mühe etwa 500 Personen in Gmunden, die für die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit Österreichs eintraten, so organisierte die NSDAP einen Fackelzug mit tausenden Teilnehmern, der pro „Anschluss“ orientiert war. Wie im restlichen Österreich auch, übernahmen im Salzkammergut Nationalsozialisten binnen weniger Tage nach dem „Anschluss“ alle wichtigen politischen Ämter.

Ab dann ging die nationalsozialistische Entwicklung im Salzkammergut seiner Wege, die sich nicht von der Entwicklung im restlichen Österreich unterschied. Die NS-Verwaltungsstruktur wurde eingeführt und 1943/1944 als größtes Geheimprojekt wohl die im Beitrag von letzter Woche gezeigte Untertageverlagerung „Zement“ unter Ausnutzung der Arbeitskraft von Konzentrationslagerhäftlingen in der Region errichtet.
Ähnlich wichtig war aus militärischer Sicht das am nördlichen Rande des Salzkammerguts umgesetzte Rüstungsprojekt der Raketenforschung mit dem Decknamen „Schlier“, das in der Brauerei Zipf einquartiert wurde. In den unterirdischen Hallen der Zipfer Brauerei installierte man die für Triebwerkstests notwendige Flüssigsauerstoffproduktion und am Gelände hinter der Brauerei die Teststände für Raketentriebwerke des „Aggregat 4“ (A4-Rakete oder auch V2 genannt, wobei das V für Vergeltungswaffe stand). Auch hier wurde die Arbeitskraft tausender KZ-Häftlinge ausgenutzt.
Eine weitere kriegswichtige Großindustrie im Salzkammergut war die Saline der Solvay-Werke. Die schon vor dem „Anschluss“ betriebene Diskriminierung der Juden wurde weiter verschärft. Sie endete mit der ab 1942 durchgeführten Zwangsdeportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung, womit auch die touristische Tradition der jüdischen Feriengäste ihr Ende fand.

Der Widerstand gegen das NS-Regime war im Salzkammergut nicht weniger oder mehr ausgebildet als in anderen Regionen Österreichs, jedoch wird dem typischen Menschen des Salzkammerguts ein gewisser Grundwiderstand gepaart mit Sturheit nachgesagt, was zu vermehrtem Auftreten von Einzelwiderstand führte. Begünstigt durch die Topographie gelang es so manchem Deserteur, erfolgreich im Gelände unterzutauchen. Als Beispiel dient etwa eine größere Gruppe von Widerstandskämpfern um Josef Plieseis, Alois Straubinger und Karl Gitzoller, die sich in der unzugänglichen Gebirgslandschaft ihren Unterschlupf, genannt „Igel“ bauen konnte. Diese Gruppe bestand aus bis zu 30 Personen, die im Toten Gebirge ihren perfekt getarnten Unterstand einrichteten.
Auch im Altausseer Salzbergwerk formierte sich eine Widerstandsgruppe aus Bergarbeitern, der es gelang, zahlreiche Kunstschätze, die in den dortigen Stollen eingelagert waren, vor einer zu Kriegsende befohlenen Sprengung und Vernichtung zu bewahren.


Felsbilder und das Ahnenerbe

1943 ritzte ein Unbekannter diese Zeichen, Zahlen und Symbole in den Fels
1943 ritzte ein Unbekannter diese Zeichen und Symbole in einen Fels des Salzkammerguts

Wer diese Felsritzbilder im Salzkammergut anfertigte, lässt sich nicht mehr eruieren. Außer den Initialen E.M. ist kein Hinweis auf den Verfasser erkennbar. Anzunehmen ist jedoch, dass derjenige, der diese Ritzbilder angefertigt hat, dem NS-Regime näher stand, als den Widerstandsgruppen. Seine Hinterlassenschaften umfassen ein Hakenkreuz, die Abkürzung „S.A.“ (Sturmabteilung, eine Wehrformation der NSDAP), „SS“ (Schutzstaffel, paramilitärische Organisation der NSDAP, hier in Runenform) und die Jahreszahl „1943“.

Felsritzbild von 1943 mit den Initialen E.M. und einer Eichenlaubdarstellung
Am selben Fels wie oben ein Ritzbild von 1943 mit den Initialen E.M. und einer Eichenlaubdarstellung

Schon seit Urzeiten verewigen sich Menschen an allen möglichen Flächen, die sich ihnen anbieten. Doch entgegen so manch falscher Datierung in prähistorische Zeiten, sind einige dieser Felsritzbilder in Wahrheit mittelalterlich, andere wiederum neuzeitlich und die meisten stammen aus den letzten hundert Jahren, wie aktuelle Forschungsergebnisse zeigen.

Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang die Forschungen von Ernst Burgstaller, selbst Mitglied der NSDAP, der mit verblüffender Hartnäckigkeit daran festhielt, die meisten der von ihm gefundenen Felsritzbilder des Salzkammerguts beziehungsweise des alpinen Raums in prähistorische Zeiten zu datieren. Schon zu seinen Lebzeiten kamen Zweifel an seinen Datierungen auf und mittlerweile wurde der größte Teil aufgrund tatsachenverpflichteter Forschung widerlegt.

Burgstaller war in der NS-Zeit an der Erstellung des „Atlas für deutsche Volkskunde“ beteiligt, der wiederum der Direktive der „Forschungs- und Lehrgemeinschaft Das Ahnenerbe e.V.“ unterstand. Diese Organisation versuchte unter Heinrich Himmlers Leitung auf höchst kreative – aber ebenso höchst unwissenschaftliche – Arbeitsweise absurdeste Theorien mit „Beweisen“ zu unterfüttern. Eine dieser Lehren war etwa die „Welteislehre“ von Hanns Hörbiger, des Begründers der österreichischen Schauspielerdynastie.

Das vordringlichste Ziel des „Ahnenerbe e.V.“ war jedoch, eine germanische Kultur nachzuweisen, die schon vor den Griechen und Römern den Status höchster Blüte erreicht hätte und noch mehr: Griechen und Römer sollten von den arisch-germanischen Stämmen abstammen, die irgendwann gen Süden und Südosten gewandert seien. Dieser Kulturnachweis hätte der Propaganda des reinrassigen Germanen – blond, blauäugig und höchste Kreatur der Schöpfung – den notwendigen spektakulären historischen Unterbau liefern sollen. Dass es diese Kultur nie gab, war für die Forschenden belanglos. Munter stellten sie passende Thesen und Behauptungen auf, zimmerten sich die benötigten Beweise und veröffentlichten ihre „Ergebnisse“ in Schriften, die noch heute in rechtsextremen Gesellschaften mit glänzenden Augen gehandelt werden.

Felsritzbilder älterer Zeiten
Felsritzbilder älterer Zeiten

In diesem Fahrwasser trieb auch die damalige Felsbildforschung auf absurde Ergebnisse zu. Vor allem Hermann Wirth, der Leiter der „Pflegstätte Sinnbildkunde“ des „Ahnenerbe e.V.“, datierte so manches mittelalterliche Felsbild in prähistorische Zeiten, um so einer vermeintlichen alten germanischen Hochkultur zu ihrer späten Geburt zu verhelfen.

Um all diese falschen ideologisch beeinflussten „Forschungsergebnisse“ richtigzustellen, bedurfte es langer Jahre ernsthafter Beschäftigung mit diesem Thema. In Österreich ist dieser Verdienst vor allem der Arbeit von „ANISA, Verein für alpine Forschung“ zu verdanken.

Werden die Felsbildforscher in dreihundert Jahren die obigen Felsritzbilder von 1943, verfasst von E.M., richtig deuten – als die Graffiti eines ideologisch fehlbeeinflussten Menschen? Oder werden sie sie falsch interpretieren – als die Graffiti der Erben der Ahnen, die einst Griechen und Römer hervorbrachten?


Links und Literatur:


Albrecht Bauer, Politische Geschichte(n) des Salzkammergutes. Von der Entstehung politischer Parteien bis zur Nachkriegszeit. In: Johannes Mattes, Dietmar Kuffner, Höh(l)enluft und Wissensraum. Die Gassel-Tropfsteinhöhle im Salzkammergut zwischen Alltagskultur, Naturkunde und wissenschaftlicher Forschung (Linz 2018)

Franz Mandl, Das Erbe der Ahnen. Ernst Burgstaller/Hermann Wirth und die österreichische Felsbildforschung (ANISA 19./20. Jg., H. 1/2, 1999), gekürzte Fassung online unter:
http://www.anisa.at/felsbildmuseum%20index.htm (24. Januar 2020)

Claudia Schmidt, Sven Devantier, Das Ahnenerbe der SS – Himmlers „Geisteselite“, Text zur virtuellen Ausstellung, online unter:
https://www.bundesarchiv.de/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Das-Ahnenerbe-Der-Ss-Himmlers-Geisteselite/das-ahnenerbe-der-ss-himmlers-geisteselite.html (24. Januar 2020)

Wolfgang Quatember, Die historischen Bedingungen des Widerstands im Salzkammergut. In: Wolfgang Quatember, Ulrike Felber (Hg.), Zeitgeschichte Museum Ebensee, Katalog zur Dauerausstellung, Ebensee 2005, S. 190–193, online unter:
https://memorial-ebensee.at/website/index.php/de/geschichte/18-salzkammergut-1938-45/16-historische-bedingungen-skg (24. Januar 2020)

Mehr zum Projekt „Schlier:
http://www.schlier.at/


Interner Link:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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