1943 bis 1945 – Mutter und Kind

Dieser Artikel wurde am 18. Juni 2020 überarbeitet.

Zwischen Dezember 1942 und Oktober 1943 wurde das erste Flakturmpaar in Wien erbaut. Diese Bauwerke dienten nicht nur dem aktiven Luftschutz durch Fliegerabwehrkanonen (Flak), sondern auch dem passiven Luftschutz in Form von Luftschutzräumen für die Bevölkerung. Tausende Menschen drängten sich an dem für sie vorgesehenen Eingang, während ein anderer Zugang Wehrmachtsoldaten in Uniform vorbehalten war. Insgesamt verfügten die sechs Wiener Flaktürme über Schutzräume für etwa 40.000 Menschen, die jedoch immer überbelegt waren, wie aus Zeitzeugenberichten hervorgeht.

Die oberen Stockwerke waren für das Militär, das Lager für die Flak-Munition und die Berechnungen der Flak-Ausrichtung reserviert. In diesen technischen Räumen wurden die Messergebnisse analysiert und an den Geschützturm weitergegeben, wo auf diesen Ergebnissen aufbauend die Geschütze gegen die anfliegenden Bomberverbände gerichtet wurden. Das zweite bis fünfte Geschoß hingegen diente der Bevölkerung als Schutzraum.

Hinter den zwei bis zweieinhalb Meter dicken Mauern der Türme befanden sich die Schutzsuchenden wohl mit Ausnahme der tiefen Luftschutzstollen an den sichersten Orten Wiens. Die Decken, die über den Innenräumen der Türme Bombeneinschlägen standhalten sollten, maßen zwischen dreieinhalb und vier Metern.

Die Flaktürme waren als autarke moderne Burgen konzipiert, die über eine eigene Strom- und Wasserversorgung verfügten. Die Einrichtungen der Etagen erfüllten verschiedenste Funktionen, waren aber nicht in jedem Turm gleich. So gab es etwa für die technische Ausstattung Betriebsräume mit Generatoren, Trafos, Treibstofflagern, Heizungs- und Lüftungsanlagen. In den Stockwerken unterhalb der militärischen Nutzung befanden sich Bereiche für die Rüstungsindustrie (in den Geschütztürmen), Kanzleien verschiedener Partei- und Verwaltungsstellen, Radiosender sowie die Luftschutzbereiche für die Zivilbevölkerung. Ebenso waren hier Lazarette, Rettungsstellen bzw. Sanitätsbereiche mit voll eingerichteten Operationsräumen, Mutter-Kind-Bereiche, Sanitär- und Ruheräume eingerichtet.


Zeitzeugenberichte


2003 brachte Marcello La Speranza das Buch „Bomben auf Wien. Zeitzeugen berichten“ heraus, in dem auch einige Erinnerungen an die Flaktürme wiedergegeben werden. Die folgenden Schilderungen deuten teilweise die schlimmen Zustände an, die in den überfüllten Räumen für alle Menschen, aber insbesondere für Mütter und Kinder herrschten. Vor allem die Erinnerung an die Kinderwägen scheinen sich viele Zeitzeugen bewahrt zu haben:


Arenbergpark ohne Angabe des Turmes:

„Bei Alarm liefen wir in den nahen Bunker im Arenbergpark. Der war meist mit Menschen, Kinderwagen und Koffern überfüllt. Ich hatte Angst. Alle hatten Angst. Man spürte das Zittern und das dumpfe Grollen der Bomben. Für die Erste Hilfe von Verwundeten waren ungelernte Rot-Kreuz-Schwestern und Krankenschwestern im Bunker …“[1]

„Einmal suchte ich im Flakturm des Arenbergparks Schutz vor den Bomben. Es waren viele Menschen angestellt. Im Bunker waren nur nackte Wände und Tische. Es war äußerst unbequem. Die Kinderwagen mußten draußen bleiben. Mit zwei kleinen Kindern war das eine langwierige Prozedur. Ich ging nicht wieder dorthin …“[2]

„Als die Bombenangriffe auf Wien zunahmen, suchten wir den Luftschutzkeller der Ballettschule neben dem Schloß Belvedere auf. Es war ein sehr großer Raum. Die Leute standen an der Mauer beim Eingang. Einige Bomben schlugen in der Nähe ein. Denn das nahe gelegene Arsenal war ein wichtiges Kriegsziel der alliierten Fliegerverbände. Der Boden erzitterte. Ich hatte furchtbare Angst. Beim nächsten Alarm liefen wir die Straße hinunter zum Flakturm im Arenbergpark. Gruppenweise wurden wir in die Räume eingewiesen. Als wir nach einem Angriff in unser Büro zurückkamen, setzte es einen Rüffel, weil wir so lange weg gewesen waren …“[3]

„Während der Fliegerangriffe waren wir auch einige Male im Flakturm Arenbergpark in Wien-Landstraße. Dort suchten viel zu viele Menschen Schutz vor den Bomben. Ich saß immer auf einem Kartoffelsack, das einzige, was wir mitschleppten. Es herrschte dort Sauerstoffmangel. Immer wieder starben dort kleine Kinder wie die Fliegen.[…]“[4]


Geschützturm Arenbergpark:

„Im Luftschutzbunker im Flakturm Arenbergpark gab es einfache Sitzgelegenheiten an den Wänden und elektrisches Licht. Mütter mit Kleinkindern wurden in gesonderten Räumen untergebracht, wenn das irgendwie möglich war. Alte Männer und halbwüchsige Burschen versahen den Ordnungsdienst. Dennoch kam es meines Wissens nie zu Panik. Signalisierte der ‚Kuckuck‘ Gefahr aus der Luft, stellten sich die Leute beim Bunker an, um rechtzeitig eingelassen zu werden. Eintrittskarten wurden keine ausgegeben …
Einmal wurde der Flakturm von schweren Bomben getroffen. Dabei wurde aber nur ein Teil der Brüstung, die rund um den Flakturm führte, zerstört. Der Flakturm selbst bestand aus runden, in sich verbundenen Türmen. Auf jedem dieser Türme stand eine 8,8-cm-Flak. Auf der Brüstung sollen sich in jeder Ecke Vierlings-Flak-Geschütze befunden haben. Ich selbst habe sie nicht gesehen. Mein Vater hat es mir erzählt. Dagegen konnte man die 8,8-cm-Flak von der Straße aus erkennen.“[5]


Feuerleitturm Augarten:

„Unser Luftschutzkeller bot nicht genügend Schutz. Also rannten alle in den ersten Bezirk in die Seitenstettengasse. Dort war für uns der nächste Eingang zu den Katakomben, die teilweise zwei Stockwerke unter der Erde lagen – rohe Kellerräume ohne Sitzmöglichkeiten und teilweise auch ohne Licht. Nach der Bombardierung dieser Schutzkeller – die Leichen lagen noch am nächsten Tag im Hof mit Papier zugedeckt – floh meine Familie in die Türme des Augartens. Ich selbst war im kleinen Turm, der innen noch nicht fertiggestellt war. Die Stockwerke waren nur über provisorische Holzstiegen zu erreichen. Es gab meistens kein Licht. Man stand Kopf an Kopf. Alles war hoffnungslos überfüllt …“[6]


Geschützturm Stiftskaserne:

„Ich war 1944 im Bunker der Stiftskaserne untergebracht. Einer von vielen Räumen diente der Betreuung von alten und kranken Menschen, werdenden Müttern und Kindern oder von Leuten, denen gerade übel wurde. Der Raum war luftig, man bekam Wasser oder Baldriantropfen zur Beruhigung. Frauen bemühten sich, die vielen Menschen zu versorgen, was kaum gelang. Auf dem Dach dieses Bunkers war die Flak aufgestellt. Ihre Kanonen schossen aus allen Rohren. Es dröhnte, die Leute schrien, doch wir wußten, daß nichts passieren konnte bei diesen dicken Betonmauern. Damals lernte ich Menschen kennen. Jeder war sich selbst der Nächste. Ich schwor mir, nie wieder in den Bunker zu gehen …“[7]

Wegweiser in einem Flakturm für Mutter und Kind
Dieser Wegweiser wies Müttern mit Kindern den Weg zu den Luftschutzräumen, die für sie vorgesehen waren.

Um auch bei Lichtausfall die Orientierung zu ermöglichen, wurden die Wegweiser mit phosphoreszierender Farbe aufgetragen. Diese leuchteten lange Zeit nach und bestimmten gegebenenfalls die Gemütslage unter den Schutzsuchenden. Draußen dröhnten die Bomber und drinnen warteten die Menschen stundenlang auf Entwarnung – zusammengepfercht in stickigen Räumen im grün-fahlen Licht des phosphoreszierenden Leitsystems.


Fußnoten:


[1] Marcello La Speranza, Bomben auf Wien. Zeitzeugen berichten (Wien 2003),
Zeitzeugenbericht von Grete Svoboda, S. 100.

[2] La Speranza, Bomben auf Wien,
Zeitzeugenbericht von Martha Gaier, S. 115.

[3] La Speranza, Bomben auf Wien,
Zeitzeugenbericht von Charlotte König, S. 117.

[4] La Speranza, Bomben auf Wien,
Zeitzeugenbericht von Gertraud Hubatsch, S. 214.

[5] La Speranza, Bomben auf Wien,
Zeitzeugenbericht von Walter Starik, S. 70.

[6] La Speranza, Bomben auf Wien,
Zeitzeugenbericht von Darma Köck-Prezzi, S. 55f.

[7] La Speranza, Bomben auf Wien,
Zeitzeugenbericht von Gerda Ebert, S. 105.


Links und Literatur:


Gerold Keusch, Mahnmale des Bombenkrieges, online unter: Truppendienst. Magazin des österreichischen Bundesheeres, https://www.truppendienst.com/themen/beitraege/artikel/mahnmale-des-bombenkrieges/#page-1 (18. Juni 2020)

Marcello La Speranza, Bomben auf Wien. Zeitzeugen berichten (Wien 2003)

Marcello La Speranza, Flakturm-Archäologie. Ein Fundbuch zu den Wiener Festungsbauwerken (Berlin 2012)


Interne Links:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
http://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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