1949 – Der Anrather Kreis

Dieser Artikel wurde am 24. Juli 2020 überarbeitet.

Weihnachten 1949, vor genau 70 Jahren, widmeten ehemalige Angehörige des österreichischen Widerstands im Kreuzgang der Alserkirche eine Tafel zum Gedenken an hingerichtete und in der Haft verstorbene Widerstandskämpfer.
Sie erinnerten damit an jene Männer, die ihr Leben für die Freiheit Österreichs gaben, nachdem sie von Spitzeln verraten, von der Gestapo verhaftet und von der nationalsozialistischen Justiz verurteilt worden waren.


Überblick


Bereits 1938 formierte sich organisierter Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Hauptsächlich rekrutierten sich die Kämpfer_innen gegen das Regime aus zwei Lagern, dem kommunistischen und dem katholisch-konservativen. In diesem Artikel widme ich mich anhand der im Artikel gezeigten Erinnerungstafel zwei Gruppen des katholisch-konservativen Widerstands, der „Österreichischen Freiheitsbewegung“ und der „Großösterreichischen Freiheitsbewegung“ – Erstere unter der Führung des Augustiner-Chorherrn Roman Karl Scholz, Letztere unter der Leitung des Juristen Jacob Kastelic. Diese Bewegungen existierten anfangs nebeneinander, ohne in Kontakt zueinander zu stehen.

Beide Gruppen umfassten zusammen etwa 300 bis 700 Mitglieder. Auch Frauen waren beteiligt und bildeten in Scholz‘ Bewegung eine eigene Gruppe unter der Leitung der Pianistin Luise Kanitz.

Im Frühjahr 1940 beschlossen diese beiden Bewegungen, gemeinsame Sache mit einer dritten Widerstandsgruppe zu machen, der ebenfalls unter dem Namen „Österreichische Freiheitsbewegung“ auftretenden Gruppe unter der Leitung des Juristen Karl Lederer. Gemeinsam umfassten alle drei Gruppen zu diesem Zeitpunkt etwa 1000 Mitglieder.


Die Anfänge


Viktor Reimann, seit Anbeginn in der Gruppe Scholz aktiv, erzählt von den ersten Gedanken, die zur Gründung der Bewegung führten:

„Dann hat er [Scholz] gesagt, machen wir doch wenigstens irgend etwas, daß man einen größeren Freundeskreis bekommt, mit diesem in Verbindung stehen, uns gegenseitig aufmuntern, uns Bücher verschaffen, also antinationalsozialistische Literatur, die ja nur aus der Schweiz hereingeschmuggelt werden konnte. Es war zunächst einmal gedacht eine Gruppierung zu schaffen, und von dieser Gruppierung aus mit anderen Freiheitsbestrebungen und -bewegungen in Kontakt zu treten und so zumindest geistig eine andere Landschaft zu schaffen.“[1]

Herbert Crammer, ebenfalls Mitglied der Gruppe Scholz, beschreibt die frühen Tage der Bewegung so:

„Neben den schulischen Kontakten war es so, daß Scholz dann auch schon 1938 außerhalb der Schule sogenannte Bibelstunden abgehalten hat. […]
Wir haben im Stift [Klosterneuburg] einen Raum zur Verfügung gehabt, und dort hat er jede Woche oder jede zweite Bibelstunden gehalten, hat also die Bibel erklärt. Das war eine rein bibelkundliche, rein religiöse Veranstaltung, aber auch in einer sehr freien und lockeren Form, also anders, als das früher war. Bei dieser Gelegenheit haben wir ihn natürlich auch näher kennengelernt. […]
Und dann, eines Tages, wußten wir auch, daß er eigentlich der Chef einer Widerstandsgruppe ist oder daß er sie jedenfalls mit ins Leben gerufen hat. […]
Ich weiß aber nicht genau, wann uns bewußt wurde, daß Scholz eine maßgebende Rolle spielte. Wir sollten es ja offiziell auch gar nicht wissen. Die ganze Organisationsform dieser Freiheitsbewegung ist halt leider nicht richtig eingehalten worden. Da sollten sogenannte Dreiergruppen die kleinsten Einheiten sein, die sich dann fortsetzen in Reihen und in Hundertschaften. Und immer sollten nur einer oder zwei voneinander wissen, also klassische Modelle der konspirativen Tätigkeit. Wie gesagt, so genau ist es bei uns nie gegangen. Wir haben genau gewußt, der gehört dazu und der gehört dazu.“[2]

Karl Rössel-Majdan der Gruppe Kastelic erzählt, wie er ursprünglich eine eigene Bewegung aufbaute:

„Ich begann sofort mit der Arbeit an der Universität: Studenten suchen, von denen ich annehmen konnte – man mußte bereits äußerst vorsichtig vorgehen –, daß sie Gegner [des Nationalsozialismus] sind, ganz gleich welcher Couleur. […]
Die Widerstandsbewegung begann also erstens in dieser Studentengruppe, wo ich sozusagen vom ersten Tag oder vom dritten Tag an gearbeitet hab‘; eine kleine Gruppe, wo ich versucht habe, sofort Decknamen einzuführen, niemand weiß des anderen Namen, damit keiner gefährdet ist bei dieser Radikalität der Nazi, daher also keine Adressen, Handschlag muß genügen, man muß sich verlassen können auf den anderen. So wurde das aufgebaut, war eine kleine Gruppe.“[3]

Mitglied um Mitglied wurde die Gruppe langsam vergrößert. Beispielhaft sei das Kennenlernen Rössel-Majdans mit Johann Schwendenwein im Jahr 1938 in der Wehrmacht erwähnt, als sie an der Grenze zum Sudetenland auf ihren Angriffsbefehl wartete. Aus Schwendenweins Initiative entstand der Kontakt mit Jakob Kastelic:

„Da sah ich, auf einem Bunker stehend, den Sozialisten [Johann] Schwendenwein, den ich dann kennenlernte. Ich hatte immer nur gehört, da ist einer tätig, hatte aber nie herausbekommen, wer das ist. Da stand er jetzt offen am Bunker, denn am nächsten Tag, hat man erwartet, geht‘s los, und hat eine Brandrede gehalten für den Widerstand. Ich hab‘ ihn sofort begrüßt, wir haben Freundschaft geschlossen. Als am nächsten Tag die Tschechoslowakei kapituliert hat, war‘s natürlich äußerst gefährlich, und wir haben beschlossen, uns in Wien zu treffen und eine gemeinsame Sache zu machen, er als Sozialist, ich als Parteiloser mit meinen Studenten. Er sagte mir, es gäbe einen gewissen Jakob Kastelic, der von den früheren Sturmscharen sei, ein katholischer Rechtsanwalt, absolut verläßlich, den kenne er und wir müssen zusammenarbeiten.
Wir trafen uns dann in Wien im Cafe ‚Wunderer‘ in Hietzing und haben dort vom Aufbau einer gemeinsamen Widerstandsbewegung gesprochen, einigten uns auf den Namen Freiheitsbewegung bzw. Österreichische Freiheitsbewegung, später Großösterreichische Freiheitsbewegung, weil man gedacht hat, der Aufstand soll Ungarn und die Tschechoslowakei und alles erfassen, wenn‘s einmal soweit ist.“[4]

Von seiner Anwerbung für die Gruppe Kastelic im Herbst 1939 spricht Peter Schramke:

„In dieser Zeit dann hat mich ein ehemaliger Schulkollege aus dem Akademischen Gymnasium, der meine politische Einstellung gekannt hat und ich seine, angesprochen, ob ich bereit wäre, mich einer Widerstandsgruppe anzuschließen. Er hat bei mir natürlich weit offene Türen damit eingerannt. Das war jetzt aber nicht die Gruppe Scholz, sondern das war die Gruppe Kastelic. In der Grundhaltung, oder vielleicht besser gesagt, was die Mehrheit der Angehörigen dieser Gruppe betrifft, war sie eher sehr konservativ, aber es waren auch sozialdemokratische Elemente wie ich selbst in dieser Gruppe.“[5]


Ziele und politische Ausrichtung der Freiheitsbewegungen


Welche Gedanken und Ziele den Gruppen Scholz und Kastelic zugrunde lagen, beschreiben die ehemaligen Mitglieder ganz unterschiedlich. Herbert Crammer erinnert sich:

„Die Freiheitsbewegung, wie sie sich nannte, wurde gegründet ursprünglich als Deutsche Freiheitsbewegung. Das ist ganz interessant und verständlich aus der damaligen Situation. Das soll jetzt nicht heißen, daß wir keinen Anspruch erhoben, österreichische Freiheitskämpfer zu sein, sondern es war eben so, daß die vordergründige und hauptsächliche Schußrichtung gegen den Nationalsozialismus gegangen ist. […]
Die Frage der österreichischen Selbstständigkeit ist wohl auch diskutiert worden. Es hat ja, darüber braucht man nicht viel zu diskutieren, es hat ja in Österreich einen starken Anschlußgedanken gegeben, auch von Leuten, die keine Nationalsozialisten waren. Das hing mit der wirtschaftlichen Situation nach der Zertrümmerung der Monarchie zusammen. In dem Augenblick allerdings, wo die Nazis an die Macht gekommen sind, war ja die Sache schon eine ganz andere.
Es sind auch Gedanken ventiliert worden – das geht auch schon auf frühere geschichtliche Zusammenhänge zurück –, daß man den süddeutschen Raum im Gegensatz zum preußischen gesehen hat. Also ein Zusammengehen mit Bayern und dem Rheinland auch noch dazu, also mit dem katholischen Deutschland. Diese Gedanken sind auch ventiliert worden, darüber ist viel gesprochen worden.“[6]

Dem Begriff des „katholischen Widerstands“ kann Herbert Crammer jedoch nichts abgewinnen:

„Das mit dem katholischen Widerstand, das ist richtig und das ist nicht richtig; denn automatisch wird dadurch der Eindruck erweckt, es wäre eine doch vorwiegend vom Religiösen her entstandene Sache gewesen, und das war es nun wirklich nicht. Wohl hat es eine gewisse Rolle gespielt, und es ist sicher kein Zufall, daß ein Großteil bekennende Katholiken waren, so daß die sicher schon prädestiniert waren. Aber es hat auch genug andere gegeben.“[7]

Herbert Crammers Bruder Walter ging ebenfalls in den Widerstand und beschreibt seine Ziele so:

„Wir wollten erstens einmal das Land Österreich als selbständigen Staat. Wie dieser Staat dann ausschauen sollte, ob westlich-parlamentarisch, demokratisch gegliedert oder in Form eines restaurierten Ständestaates, also berufsmäßig gegliedert … […]
Eines war auf jeden Fall schon unsere Vorstellung, daß es eine Art Präsidialdemokratie, ein demokratisch zielbewußt geführter Staat wird, wo die Mitsprache des mündigen Bürgers gewährleistet ist, die aber nicht ausarten darf zu einem Parteienstaat übelster Prägung. […]
Unsere Vorstellung war eine Vorstellung eines Staates oder die Vorstellung einer Ordnung wie bei den alten Römern in der republikanischen Zeit, da waren die zwei Konsuln mit dem Senat mit der Trennung zwischen Legislative und Exekutive.“[8]

Ähnlich hat das Hedwig Leitner gesehen:

„Meine persönliche Einstellung war auch nicht die Wiederherstellung der Monarchie, sondern unsere persönliche Einstellung war die Wiederherstellung Österreichs als Republik oder Ständestaat. Der Ständestaat hat sich ja überhaupt nicht profilieren können. Man hat nicht gesehen, wie das weitergeht, wie sich das entwickeln könnte. Aber wir haben eines gewußt: angliedern, eine Provinz Deutschlands, das wollten wir alle nicht.“[9]

Peter Schramke aus der Gruppe Kastelic spricht über die Herstellung der Demokratie als Ziel der Freiheitsbewegung:

„Unsere Zielvorstellung war jedenfalls, wieder ein unabhängiges Österreich zu erstellen auf demokratischer Grundlage. Die Demokratie war dann schon, möcht‘ ich sagen, ein Ziel, das die verschiedenen [Auffassungen vereint hat], es war ja eine etwas gemischte Gruppe, sind keineswegs alle immer Exponenten wirklich demokratischer Ideen gewesen, es waren also auch ehemalige Heimwehrleute dabei und Anhänger der sogenannten Vaterländischen Front.“[10]


Vorhaben, Pläne, Tätigkeiten und Aktionen der Freiheitsbewegung


Die Menschen im Widerstand kämpften auf unterschiedlichen Ebenen für einen unabhängigen Staat Österreich. Sie erkundeten potenzielle Anschlagsziele, schulten neue Mitglieder auf politischer Ebene, standen in Kontakt mit britischen, französischen, amerikanischen, sowjetischen und tschechischen Botschaften im Ausland, verteilten Flugblätter, etwa mit dem Titel „Was nicht im VB [Völkischer Beobachter] steht“ oder überlegten sich militärische Aktionen. Aus letzterem Bereich erzählt Karl Rössel-Majdan, später Mitglied der Gruppe Kastelic, aus dem Jahr 1938:

„Dann kam‘s zum Sudeteneinmarsch. Ich wurde eingezogen als Offiziersanwärter im Rang eines Unteroffiziers zur schweren Artillerie. Bei dieser schweren Artillerie […] waren viele frühere Taxifahrer und Chauffeure von Fabriken usw. Die waren meistens Sozialisten, und es war daher leicht, einen guten Kontakt aufzunehmen. Es ging in den Nächten im Zickzack durchs Waldviertel, so wurden geheim die Stellungen bezogen, und dann kam der Druck und die Drohung gegen die Tschechoslowakei. Wir haben damals noch gehofft, die Tschechoslowakei würde Widerstand leisten. Wir haben vorbereitet, am Tag, zur Stunde Null, wenn es losgehen soll, die Geschütze umzudrehen, Richtung nach rückwärts, und die Front aufzureißen. Es war gut vorbereitet.“[11]

Hedwig Leitner, ebenfalls Mitglied in der Gruppe Scholz, schildert wie sie antinationalsozialistische Literatur beschaffte:

„[…] durch den Dr. Karl Smekal bin ich in Verbindung mit der Österreichischen Freiheitsbewegung gekommen. Und zwar schon im Jahr 1938, das hat sich ja hingezogen. Dann hat mir der Dr. Smekal gesagt: ‚Wir brauchen Material aus der Schweiz, Schulungsmaterial, Propagandamaterial.‘ Das bekommt man natürlich nicht in Österreich oder in Deutschland. Ich hatte einen Verwandten in der Schweiz, der war dort Universitätsprofessor, und dem hab‘ ich geschrieben, er möge mir postlagernd in der Schweiz, in der Nähe der österreichischen Grenze, in der Nähe von Vorarlberg, gewisse Bücher deponieren, die wir dort abholen können. Und das hat er auch getan. […] Propagandabücher gegen den Nationalsozialismus, die der Professor Scholz gebraucht hat für die Schulung seiner jungen Leute. […] Da waren von Vorarlberg so Ausflüge angekündigt, und da bin ich einmal mitgefahren. Bitte, der Scholz ist auch mitgefahren, aber ich hab‘ sie im Rucksack gehabt, und so haben wir sie nach Österreich gebracht, diese Bücher.“[12]

Viktor Reimann aus der Bewegung von Scholz erinnert sich an die frühen Aktivitäten und Pläne der Führungsgruppe:

„Einige Zeit später ist [Johann] Zimmerl und dann sind noch ein paar, [Hanns Georg] Heintschel-Heinegg usw., dazugestoßen, diese haben dann eine innere Führungsgruppe gebildet, die ging schon weiter […] und wollte aktiv werden, auch mit Sabotageakten. Es muß Juli [1939] oder um die Zeit gewesen sein, gerade in der Zeit, als ich mein Doktorat gemacht hab‘. Da hat diese innere Führungsgruppe schon alles mögliche vorbereitet oder besprochen, was sie tun werden. Sie haben sich auch ein paar Gewehre oder Flinten besorgt, also für meine Begriffe nicht wirklich ernst zu nehmen. Das Ernstzunehmende war, daß sich jemand aufgemacht hat im Jahre 1939 und gesagt hat, man muß etwas machen, zumindest geistig vorbereiten.“[13]

Herbert Crammer erzählt von antinationalsozialistischen Sprüchen auf Flugblättern:

„Vielleicht das Markanteste war, daß wir, das war allerdings schon 1939, also nach Kriegsbeginn, daß wir Flugblätter erzeugt haben. Ich hab‘ nicht einmal eine Schreibmaschine oder sonst etwas gehabt. Ich habe mir hier in Wien in der Spielwarenhandlung Kober am Graben einen Setzkasten gekauft, einen richtigen Spielsetzkasten, und wir haben dann mit diesen relativ harmlosen und primitiven Mitteln Flugblätter gemacht. Scholz hat uns verschiedene Texte gesagt, das sind mehr oder weniger gelungene Sätzchen gewesen: ‚Nieder mit den Nazi-Bonzen. Wir wollen Frieden und Freiheit.‘ Dessen entsinne ich mich sehr wohl. ‚Österreicher, was wollt ihr? Frieden und Freiheit oder Hunger und Hitler?‘ Das war also auch sehr nett: ‚Wir brauchen keinen Krieg, wir brauchen keinen Sieg, nur a schöne Hitlerleich und a schönes Österreich.‘ – ‚Hinaus mit den Preußen, wir wollen keine Kolonie sein. Österreich den Österreichern.‘“[14]

Karl Rössel-Majdan erinnert sich an seinen Ende Juli 1939 durchgeführten „Anschlag“ auf die Gedenktafel für Otto Planetta und die Julikämpfer, die im Juli 1934 am nationalsozialistischen Putschversuch beteiligt waren, in dessen Zuge Engelbert Dollfuß erschossen wurde:

„Es war mir geradezu ein Auftrag: da, wo ich wohne, passiert so etwas; irgendein Meisterstück in der Widerstandsbewegung muß jeder leisten! Zwar war gegenüber die Wachstube, und es ging ja auch ein Posten dort auf und ab, aber es war klar für mich, das muß weg, das Denkmal. […] Ich hab‘ dann ein diesiges Wetter benützt, hab‘ herausbekommen, daß das Sandstein ist, die ganze Tafel. Sandstein saugt ja verschiedenes auf. Ich hab‘ eine Füllfedertinte oder Tusche genommen, Tusche dürft‘ das gewesen sein, und bin mit einem Fahrrad, Windjacke, Kragen aufgestellt, die Siebensterngasse langsam abwärts gerollt, hab‘ die Situation beobachtet. […] Es gelang mir dann also, dort einen Moment zu stoppen und dieses Fläschchen über die Tafelschrift drüberzuspritzen. Die Tafel war total schwarz bekleckert, und das hat sich hineingesaugt. Ich bin sofort mit dem Fahrrad durch die nächste Seitengasse abgehauen, nach verschiedenen Winkelstraßen immer beobachtend, ob ich verfolgt werde. […] Am nächsten Tag […] war alles schwarz von Menschen, eine Versammlung und überall Polizei und natürlich die SS-Uniformen, und auf zwei Leitern standen Steinmetze und haben diese Tafel herausgestemmt. Da hab‘ ich mir gedacht: ‚Gelungen.‘“[15]

Peter Schramke erzählt von einer anderen Art des Widerstands, des politischen und ideologischen Diskurses:

„Es haben auch sozusagen politische Schulungsveranstaltungen stattgefunden. Heintschel-Heinegg war ein politisch hochgebildeter und sehr eloquenter junger Mann. Da hat sich also ein relativ kleiner Kreis in seiner Wohnung wiederholt getroffen, und Heintschel-Heinegg und ein anderes Mal auch [Johann] Zimmerl haben gesprochen, und dann wurde diskutiert, aber da ist es eigentlich mehr um Ideologisches gegangen.“[16]

Felix Prónay führt ein weiteres Ziel der Gruppe Scholz an, das 1940 in Frankreich erreicht werden sollte:

„Eine der Absichten dieser Gruppe, der ja durchwegs Leute angehörten, die damit rechnen mußten, sehr bald zur Wehrmacht eingezogen zu werden, war, einen Kontakt mit den Westalliierten – andere gab‘s nicht – herzustellen und die Desertion solcher Österreicher an der Westfront vorzubereiten, mit dem Ziel, später einmal eine österreichische Gruppe im Rahmen der alliierten Armeen zu schaffen.“[17]

Der Sieg Deutschlands über Frankreich kam diesem Bestreben allerdings in die Quere.

1940 war es auch als Karl Rössel-Majdan im Krieg gegen Frankreich vielen Zivilisten das Leben gerettet hat:

„Dann kam der Angriff auf Frankreich, die Geschütze sind aufgefahren gegen die Maginot-Linie. Es war bespannte Artillerie, ich hatte zwei Geschütze und wußte nach der Karte, es wird geschossen auf Fluchtwege, wo Frauen und Kinder aus dem französischen Maginot-Linie-Gebiet zurückgezogen werden; dieses Schießen wird ein furchtbares Blutbad anrichten. Da ging ich heimlich – konnte mit niemandem reden, weil es war viel zu gefährlich –, ging heimlich immer zu den Geschützen und hab‘ die Daten an den Geschützen etwas verstellt, so daß sie in eine sumpfige Wiese geschossen haben und dort immer ‚plupp‘, also ergebnislos, explodiert sind. Das war am Tag des Angriffes, am nächsten Tag noch kam ein preußischer Offizier brüllend: ‚Welches Schwein da oben schießt immer daneben?‘ Aber es hieß schon aufsitzen und wieder weiter, und dadurch konnten die der Sache nicht weiter nachgehen.“[18]

Etwa ab April 1940 war Peter Schramke dafür zuständig, Kontakt mit der Gruppe Scholz aufzunehmen:

„Diese Tätigkeit war darauf ausgerichtet, eine engere Verbindung – d.h., es hat noch gar keine bestanden –, überhaupt eine Verbindung herzustellen zwischen der Gruppe Kastelic und der Gruppe Scholz. Der Name Scholz war mir damals nicht bekannt, eigentlich, soviel ich weiß, fast niemandem innerhalb dieser Gruppe, die wenigsten haben gewußt, was er eigentlich ist und wie er heißt, das war einfach der ‚Chef‘.“[19]

Im Juni 1940 sollte ein Munitionsdepot der Wehrmacht ausgekundschaftet werden. Peter Schramke erzählt von der mit Otto Hartmann und Luise Kanitz geplanten Aktion:

„Hartmann hat mich einmal sogar dazu gebracht, an der Vorbereitung eines geplanten terroristischen Anschlages mitzumachen. Halterbach war das. Da war ich sozusagen der dritte Mann. Da war Hartmann, da war die Frau [Luise] Kanitz, Deckname ‚Mucki‘, und also ich. Der Hartmann hat das organisiert: Wir treffen uns bei der Stadtbahnstation Hütteldorf, damals Stadtbahnendstation Hütteldorf, sind dann zu Fuß ins Halterbachtal gegangen, und der Plan war der folgende: Es sollte sich dort ein Munitionsdepot der Wehrmacht befinden. Wir sollten durch einen Trick eindringen, und zwar indem die Kanitz einen Ohnmachtsanfall in unmittelbarer Nähe dieses Depots markiert und wir sie [das Bewachungspersonal] dann entsprechend aufgeregt bitten, daß wir sie einen Moment da hinlegen, und mit denen ein bisserl ins Gespräch kommen: ‚Ihr seids ja rund um die Uhr da‘ und so. Herausbekommen haben wir, daß dort überhaupt keine Munition mehr vorhanden ist, und das Personal, das waren nur zwei Leut von der Wach- und Schließgesellschaft, sehr harmlose eher – sagen wir Hans-Moser-Typen. Dieser Sprengstoff, der dort gelagert hätte sein sollen, der sollte – laut Hartmann – verwendet werden, um irgendwo einmal was in die Luft zu sprengen, einen Gasometer oder eine Brücke, ich weiß es nicht einmal mehr.“[20]


Verrat und Ende der Gruppen Scholz, Kastelic und Lederer


Im Frühjahr 1940 waren die Gruppen bereits von Spitzeln der Gestapo unterwandert worden. Diese vermeintlichen Mitstreiter hatten ihre Dienste in unterschiedlichen Positionen angeboten und so den Informationsaustausch, den die Widerstandsgruppen mit ausländischen Vertretern pflegten, direkt an die Gestapo weitergeleitet. Der bekannteste unter ihnen war der oberhalb bereits erwähnte Burgschauspieler Otto Hartmann.

Tragisch für die Freiheitsbewegung war der Umstand, dass Fritz Lehmann, der selbst Mitglied der Gruppe Scholz war, Otto Hartmann mit Viktor Reimann in Kontakt brachte. Reimann erzählte Hartmann von der Freiheitsbewegung und machte ihn mit Scholz bekannt. So gelangte der Verräter, der die Bewegung letztendlich zu Fall brachte, an die Führungsspitze der Gruppe.

Am 22. und 23. Juli 1940 wurden die führenden Köpfe und die aktivsten Mitglieder der drei Widerstandsgruppen verhaftet, bis Anfang August insgesamt 143 Personen.

Gedenktafel des Anrather Kreises für verstorbene und hingerichtete Widerstandskämpfer
Gedenktafel des Anrather Kreises für hingerichtete und in der Haft verstorbene Widerstandskämpfer

Am 1. Dezember 1941 wurden Heintschel-Heinegg, Scholz, Kanitz und zwei weitere Widerstandskämpfer wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung angeklagt. Erst nach leidvollen Gefängnisaufenthalten in Wien, Anrath und anderen Orten begann im Februar 1944 der Prozess.

Walter Crammer erzählt von den Ereignissen im Frühjahr 1941, nachdem die Widerstandskämpfer in Wien in Haft gesessen waren:

„Wir sind aber dann im Frühjahr 1941 – die ganze Gruppe von uns, wir waren ja über 200 Verhaftete, damit zweifellos eine der stärksten Gruppen des Widerstandes – nach Deutschland hinaustransportiert worden, nach Anrath bei Krefeld, in das Männerstrafgefängnis und Frauenzuchthaus Anrath bei Krefeld.
In Erinnerung ist Anrath bei Krefeld nur als die Hungerburg mit ungeheizten Betonzellen, schlechtestem Essen und einer Abgeschiedenheit, die der von Toten auf Friedhöfen gleicht. Wir haben dort ca. ein Jahr verbracht. Ich war damals in einer Zelle, so wie alle Zellen sind; fünf mal drei Meter, nur hat‘s dort gar kein Wasserklo ‘geben, sondern dort ist man, wie in den meisten deutschen Gefängnissen, noch auf Kübeln gegangen, was die Sache natürlich nicht erleichtert hat.“[21]

Karl Birngruber erinnert sich an seine Zeit in Anrath:

„Wir kamen also [im Juli 1941] nach Anrath. Auf der Fahrt haben wir mit einigen doch Kontakt aufnehmen können. Anrath war dann für uns eigentlich sehr schlecht, und zwar dadurch, daß wir wieder sehr Hunger gehabt haben und keinen Kontakt miteinander. Wir haben zwar die Spaziergänge gehabt. Im großen Kreis gingen die Gesunden, und im kleinen Kreis die Kranken, und da habe ich auch mit dem Abt Bernhard [Burgstaller] von Wilhering Kontakt bekommen.“[22]

Heinrich Zeder aus der Gruppe Kastelic beschreibt Anrath als furchtbaren Ort:

„Und da kamen wir zunächst in ein ganz berüchtigtes Zuchthaus, Männerzuchthaus und daneben Frauenstrafanstalt Anrath [bei Krefeld], ein Schreckbegriff, nicht nur für uns Politische, sondern auch für die anderen, für die richtigen Verbrecher und Übeltäter. Da waren wir lang. Also da war zunächst der Direktor [Combrink], ein ganz ein wüster, ein SS-Mann ersten Ranges, und der hat uns natürlich behandelt, daß uns die Haare zunächst aufgestiegen sind. In Österreich waren sie ja irgendwie gemütlich. Das hat er uns in wenigen Monaten abgewöhnt. Man durfte nicht irgendwie menschlich reden. Immer zack, zack und sich als Verbrecher fühlen, das war so immer sein erstes, und da kam er hereingestürzt in die Zelle, und wenn man nicht sofort da stand an der Wand – man mußte ja Meldung machen, also: Untersuchungsgefangener des Volksgerichtshofes Heinrich Zeder … Wer sich da vergriffen hat, der kam schwer dran.“[23]

Im Verfahren gegen Karl Birngruber und andere Mitangeklagte wurde ihnen vorgeworfen, „im Jahre 1940 im Gau Oberdonau durch Teilnahme und Unterstützung der Großösterreichischen Freiheitsbewegung den habsburgisch-separatistischen Hochverrat vorbereitet“[24] zu haben.

Diejenigen, die nicht zum Tode, sondern zu Zuchthaus oder Gefängnis verurteilt wurden, erwartete eine zusätzliche Strafverlängerung. Das Strafmaß sollte nämlich erst nach dem siegreichen Ende des Kriegs zu zählen beginnen. Nur die Dauer der Untersuchungshaft wurde von der Reststrafe abgezogen. Wurde also jemand 1944 zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt, so wurde er zwar gleich nach der Urteilsverkündung ins Zuchthaus gesteckt, die sechs Jahre hätten aber erst nach Kriegsende zu zählen begonnen. In Form eines „Kriegsaussetzungsbescheids“ wurden die Verurteilten von diesem Umstand informiert.

Insgesamt gab es mehrere Verfahren gegen Mitglieder der drei Widerstandsgruppen vor dem Volksgerichtshof und dem Oberlandesgericht Wien, bis im März 1944 die Todesurteile gefällt wurden. Alfred Adalbert Miegl, Rudolf Wallner, Johann Zimmerl, Lederer und Scholz wurden am 2. Mai enthauptet, Gerhard Fischer-Ledenice, Günter Josef Loch, Heintschel-Heinegg und Kastelic am 10. August.
Neun der nicht zum Tode Verurteilten starben in der Haft, darunter der Abt des Zisterzienserstiftes Wilhering, Petrus Burgstaller, der 1941 im Gefängnis Anrath verstarb.
Luise Kanitz überlebte ihre Haftzeit und starb 1976.

Nach Kriegsende schlossen sich die Überlebenden der drei Widerstandsgruppen im „Anrather Kreis“ zusammen und stifteten am 17. Dezember 1949 die im obigen Bild gezeigte Gedenktafel.


Fußnoten:


[1] Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Hg.), Erzählte Geschichte. Berichte von Männern und Frauen in Widerstand und Verfolgung, Bd. 2: Katholiken, Konservative, Legitimisten (Wien 1992), S. 325.

[2] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 303.

[3] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 341.

[4] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 342.

[5] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 348.

[6] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 304.

[7] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 306.

[8] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 312.

[9] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 319.

[10] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 350.

[11] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 341.

[12] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 316.

[13] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 325.

[14] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 304.

[15] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 342f.

[16] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 349.

[17] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 324.

[18] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 344f.

[19] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 348.

[20] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 349.

[21] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 309.

[22] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 338.

[23] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 334.

[24] DÖW (Hg.), Erzählte Geschichte, S. 339.


Links und Literatur:


Austria-Forum, Österreichische Freiheitsbewegung, online unter:
https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/%C3%96sterreichische_Freiheitsbewegung (20. Dezember 2019)

Austria-Forum, Großösterreichische Freiheitsbewegung, online unter:
https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Gro%C3%9F%C3%B6sterreichische_Freiheitsbewegung (20. Dezember 2019)

Gisela Hormayr, „Die Zukunft wird unser Sterben einmal anders beleuchten“. Opfer des katholisch-konservaten Widerstands in Tirol 1938–1945 (Innsbruck 2015), online unter:
https://books.google.at/books?id=-_l3DwAAQBAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_atb#v=onepage&q&f=false (20. Dezember 2019)

Nachkriegsjustiz.at, Zwei Gedenktafeln im Kreuzgang des Minoritenkonvents, online unter:
http://www.nachkriegsjustiz.at/vgew/1080_alserstrasseminoriten.php (20. Dezember 2019)


Interne Links:

Mehr zu den Jahren 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

Mehr zur Justiz im Nationalsozialismus:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=453#justiz

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