1944 – Namen auf der Startbahn

Dieser Artikel wurde am 20. Juli 2020 überarbeitet.

Zwangsarbeiter aus allen Ländern, die das Dritte Reich überfallen oder in einen Krieg verwickelt hat, mussten in Österreich an verschiedensten Projekten des deutschen Militärs, der Rüstungsproduktion oder in der Bau- und Landwirtschaft arbeiten. Dazu zählten nach dem Balkanfeldzug im Frühling 1941 auch die Länder des ehemaligen Jugoslawien. So befanden sich Ende September 1944 etwa 33.000 Jugoslawen auf österreichischem Gebiet, darunter viele Serben.

Bereits seit 1937 gingen viele Jugoslawinnen und Jugoslawen zur Arbeit nach Deutschland, um der hohen Arbeitslosigkeit zu entfliehen. Als Jugoslawien im April 1941 militärisch niedergerungen wurde, kam Serbien unter deutsche Militärverwaltung. Die Kroaten riefen den „Unabhängigen Staat Kroatien“ aus, der zwar offiziell unabhängig war, tatsächlich jedoch ein Vasallenstaat Deutschlands. Kroaten, die für das Deutsche Reich arbeiteten, gelten deshalb nicht als Zwangsarbeiter, da es ein Abkommen zwischen den beiden Staaten gab, die die Entsendung von 54.500 Arbeitskräften nach Deutschland regelte. Diese waren arbeits- und sozialrechtlich den deutschen Arbeitern gleichgestellt.[1]

Verfolgt und deportiert wurden jedoch Minderheiten in Kroatien wie die Serben und in geringerem Umfang die Slowenen. Etwa 110.000 von ihnen wurden zur Arbeit für das Deutsche Reich gezwungen.


Zwangsarbeit in Götzendorf


Ab Ende 1943 kamen einige Trupps von Zwangsarbeitern beim Bau der betonierten Startbahn eines Einsatzhafens der Luftwaffe in Götzendorf an der Leitha zum Einsatz. Die bayrische Baufirma Leo Treder hatte den Zuschlag bekommen, diesen Auftrag auszuführen und war mit einigen Vorarbeitern und Partieführern vor Ort. Zuständig für die Errichtung war die Oberbauleitung Niederdonau der Einsatzgruppe Südost IX der Organisation Todt (OT). Aus den Stundenlohnzetteln geht hervor, dass die Arbeiter nicht nur für Tätigkeiten im Zuge des Flugplatzausbaus eingesetzt wurden. Zudem kamen sie bei Katastropheneinsätzen in den schneereichen Wintern zwischen 1943 und 1945 zum Einsatz, um Hauptverbindungsstraßen in der Umgebung oder die Anlagen der Reichsbahn wieder fahrbar zu machen.[2]

Exemplarisch gebe ich hier Auszüge aus den Lohnzetteln des Jahres 1945 wieder, die über die Verwendung der Zwangsarbeiter Aufschluss geben.

Stundenlohnzettel Nr. 21/45 vom 22. Januar 1945:

Schneeräumungsarbeiten auf dem Flugplatz
30 Serben a 8,5 Stunden.
Auf Anordnung der örtlichen Bauleitung Katastropheneinsatz bei der Reichsbahn Bahnhof Götzendorf
44 Serben a 8 Stunden.[3]

Stundenlohnzettel Nr. 45/45 vom 16. Februar 1945:

Schneeräumungsarbeiten auf dem Flugplatz und am Vorfeld der Blechhalle Ausgleichsflächen bekiesen
50 Serben a 8 Stunden.
Hallenteile aufstapeln und Zufahrtsweg zur Bauleitung, Schlamm ausschaufeln
20 Serben a 8 Stunden.[4]

Stundenlohnzettel Nr. 69/45 vom 15. März 1945:

Übergang vom Startbahnende zum Rollfeld Boden ausheben und auf Wagen laden
10 Serben a 5 Stunden.
15 Russen Kriegsgefangene a 3 Stunden, durch die Rollstraße Rohre verlegen und mit Kies verfüllen
10 Serben a 5 Stunden.[5]

Stundenlohnzettel Nr. 82/45 vom 30. März 1945: (Zur Beachtung: Am 29. März hatte die Rote Armee erstmals die Grenze nach Österreich bei Klostermarienberg überschritten. Dieser Ort war nur 65 km Luftlinie von Götzendorf entfernt!) (Unterstreichungen im Original)

Bahnhof (Rampe): Mit der Raupe Steine anfahren.
Fa. Vianova: Baugeräte mit der Raupe zum Bahnhof transportieren.
Übergang vom Startbahnende zum Rollfeld: Aufsicht beim Abwalzen und Ausgleichen
1 Raupe 10 1/2 Stunden.[6]

Hauptsächlich waren es Serben und Kroaten, die im Bereich Kiesgrube, Baustelleneinrichtung und Schmiede arbeiten mussten. Zwischen Dezember 1943 und Dezember 1944 leisteten sie gemeinsam etwa 18.500 Arbeitsstunden, 14.500 die Serben, knapp 4.000 die Kroaten.
Zwangsarbeiter weiterer Nationen kamen zum Einsatz, vor allem „Russen“ (Sowjetbürger) mit knapp 2.000 und italienische Gefangene mit circa 400 Arbeitsstunden.
Auch der Reichsarbeitsdienst (RAD) wurde in großem Umfang zu Tätigkeiten auf den landwirtschaftlichen Flächen des Einsatzhafens herangezogen, er leistete etwa 13.900 Arbeitsstunden.

Beim Ausbau der Startbahn waren es hauptsächlich Serben und Sowjetbürger, die zwischen April und Dezember 1944 knapp 47.000 Arbeitsstunden erbrachten, 18.400 die Serben, 28.300 die „Russen“.
Auch im Bereich der Startbahn kamen der RAD mit 31.400, Kroaten mit 5.800, italienische Gefangene mit 1.300 und Soldaten mit 1.100 Arbeitsstunden zum Einsatz.[7]


Dobanovič, Kolarevic und Nikola


Dobanovič

Wahrscheinlich handelt es sich dabei um den Namen eines serbischen Zwangsarbeiters:

Der Name des serbischen Zwangsarbeiters Nikola Dobanovic, im nassen Beton einer Startbahn verewigt
Nikola Dobanovič hinterließ seinen Namen in der Startbahn, als der Beton noch weich war.

Nikola Dobanovič war wohl einem jener Bautrupps zugeteilt, die an der Startbahn arbeiteten. Die schön ausgeführte Schrift deutet darauf hin, dass er im Zeitraum, den er für die Einritzung seines Namens benötigte, nicht unter Bewachung stand. Mindestens zwei weitere Männer, einer davon aus der Ukraine, taten es ihm gleich und hinterließen der Nachwelt ein schriftliches Zeichen ihrer zwangsweisen Anwesenheit in Götzendorf.


Kolarevic

Hier ist in der oberen Zeile der in serbisch-kyrillischer Schrift hinterlassene Name „Коларевић В.“ zu erkennen – in lateinischen Buchstaben: „Kolarevic B.“
Die Bedeutung der unteren Zeile ist unsicher: „МАГАВАЦ “, eventuell ein Ortsname.

Kolarevic B. in serbisch-kyrillischer Schrift
Kolarevic B. in serbisch-kyrillischer Schrift – Коларевић В.
Die zweite Zeile konnte nicht sicher entziffert werden – МАГАВАЦ, eventuell ein Ortsname.
Eventuell heißt die zweite Zeile auch „MAI 1944“.


Nikola

Aufgrund der Ortsangabe handelt es sich in der ersten Zeile wahrscheinlich um den Namen eines Ukrainers in kyrillischer Schrift. „Д. НИКОЛА“ bedeutet „D. Nikola“.
Das Wort in der zweiten Zeile lautet „ВОЛИНА“ und bedeutet „Volhyn“ (Wolhynien, Ukraine). Diese Deutung stimmt allerdings nur, wenn man das seitenverkehrte И berücksichtigt.

D. Nikola aus der Ukraine
D. Nikola – Д. НИКОЛА
aus der Ukraine – ВОЛИНА (Volhyn, Wolhynien)

Herzlichen Dank an Frau Mag. Natalia Lagureva vom Befreiungsmuseum Wien für ihre Hilfe bei der Entzifferung!



Fußnoten:


[1] Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939–1945 (Stuttgart/München 2001), S. 66–69, online unter:
https://www.researchgate.net/profile/Mark_Spoerer/publication/284249025_Zwangsarbeit_unter_dem_Hakenkreuz_Auslandische_Zivilarbeiter_Kriegsgefangene_und_Haftlinge_im_Dritten_Reich_und_im_besetzten_Europa_1939-1945/links/5d4e706992851cd046afee9f/Zwangsarbeit-unter-dem-Hakenkreuz-Auslaendische-Zivilarbeiter-Kriegsgefangene-und-Haeftlinge-im-Dritten-Reich-und-im-besetzten-Europa-1939-1945.pdf (20. Juli 2020)

[2] BArch, R50-I/707, fol. 33

[3]+[4]+[5]+[6] BArch, R 50-I/707, ohne fol.

[7] BArch, R50-I/707, ohne fol.

BArch: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde


Interne Links:

Mehr zu den Jahren 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

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