{"id":5832,"date":"2020-04-20T11:00:00","date_gmt":"2020-04-20T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=5832"},"modified":"2021-02-20T21:53:24","modified_gmt":"2021-02-20T20:53:24","slug":"1945-hier-stand-ich-mit-einem-huebschen-madel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=5832","title":{"rendered":"1945 \u2013 Hier stand ich mit einem h\u00fcbschen Madel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Im Zeitraum zwischen 25. Juli 1944 und 25. April 1945 wurde Linz 22-mal aus der Luft angegriffen. Die Bilanz liest sich \u2013 wie in vielen anderen St\u00e4dten auch \u2013 traurig: Durch den Abwurf von 20.000 Bomben kamen 1.679 Menschen zu Tode, 602 Wohnh\u00e4user mit 2.940 Wohnungen wurden zerst\u00f6rt. Noch heute schlummern bis zu 700 Blindg\u00e4nger im Linzer Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Luftschutz der Zivilbev\u00f6lkerung zu gew\u00e4hrleisten, wurden etwa ab Mitte 1943 zahlreiche unterirdische Keller- und Stollenanlagen ausgebaut und teilweise miteinander verbunden. Die Entstehungszeit einiger dieser Keller, wie der Bier- und Weinkeller im Bauernberg, reicht zur\u00fcck bis in r\u00f6mische Zeiten. Andere wiederum \u2013 etwa der Rudolfstollen in Urfahr \u2013 wurden 1944 allein aus Luftschutzzwecken in das Gestein getrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestanden nach einer Liste vom 1. Juni 1943 nur sieben bombensichere Stollen, einige Bunker und Luftschutzdeckungsgr\u00e4ben mit etwas \u00fcber 20.000 Personen Fassungsraum in Linz, so standen zu Kriegsende Schutzanlagen mit mehr als 14 Kilometern L\u00e4nge und einer Aufnahmekapazit\u00e4t von mehr als 40.000 Menschen im Alarmfall zur Verf\u00fcgung. Die Angaben zu den tats\u00e4chlich vorhandenen Schutzpl\u00e4tzen unterscheiden sich jedoch deutlich von Angabe zu Angabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Stollenanlagen stellten aber sicherlich der Aktienkeller, der Rudolfstollen, der Schlossbergstollen, der Limonikeller und die im Zuge der Bauma\u00dfnahmen miteinander verbundenen M\u00e4rzen- und Cembrankeller dar, die gesamt \u00fcber 30.000 Personen aufnehmen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei handelte es sich allerdings nur um nominelle Werte. Einerseits wurden in manchen Auflistungen f\u00fcr Anlagen, deren Vortrieb erst wenige Meter betrug, bereits tausende Schutzpl\u00e4tze angegeben, andererseits wurden einige der Stollen ab einem gewissen Zeitpunkt anderen Zwecken \u2013 etwa der R\u00fcstungsverlagerung \u2013 zugef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde gegen Ende 1944, Anfang 1945 im Aktienkeller eine Untertageverlagerung der R\u00fcstungsindustrie eingerichtet, die in direktem Zusammenhang mit dem <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=5344\">Blogartikel von voriger Woche<\/a> steht: Die kriegswichtige W\u00e4lzlagerproduktion der Steyr-Daimler-Puch AG wurde in diesem Zeitraum auf die beiden unterirdischen Verlagerungsstandorte des Projekts \u201eQuarz\u201c bei Melk\/Roggendorf und des Aktienkellers in Linz \u2013 Deckname \u201eMar\u00e4ne\u201c \u2013 aufgeteilt. Der Platz, den die Maschinen beanspruchten, stand dem Schutz der Zivilbev\u00f6lkerung nicht mehr zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"899\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen_Ansicht-1945.jpg\" alt=\"Ansicht des Luftschutzstollens\" class=\"wp-image-5833\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen_Ansicht-1945.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen_Ansicht-1945-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen_Ansicht-1945-768x575.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Ansicht des Luftschutzstollens<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Rudolfstollen, dem sich der heutige Beitrag widmet, wurde ab Mitte 1943 in den Fels getrieben. Die Firma Mayreder, Kraus &amp; Co wurde beauftragt, den Stollen aufzufahren, und machte sich gemeinsam mit zwei kleineren Baufirmen an die Arbeit. Am Ende des Krieges war der Rudolfstollen auf eine L\u00e4nge von 1.323 Metern angewachsen \u2013 bei einer durchschnittlichen Gangbreite von zweieinhalb bis drei Metern und etwa drei Metern H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist der gr\u00f6\u00dfte Teil der Anlage im S\u00fcden und Westen nicht ausgemauert oder ausbetoniert und somit vor allem wegen seiner wundersch\u00f6nen und beeindruckenden Sinter- und Tropfsteinbildungen f\u00fcr Geologen und H\u00f6hlenforscher hochinteressant, so ist f\u00fcr den Historiker haupts\u00e4chlich der wegen geologischer Unbilden befestigte Nordostteil spannend. In diesem Bereich hinterlie\u00dfen sowohl ausl\u00e4ndische Zwangsarbeiter als auch deutschsprachige Schutzsuchende schriftliche Zeugnisse der Kriegsendephase.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"721\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen-25-April-1945.jpg\" alt=\"Schriftliche Hinterlassenschaft eines Schutzsuchenden vom 25. April 1945, dem Tag, an dem der letzte Luftangriff auf Linz erfolgte\" class=\"wp-image-5834\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen-25-April-1945.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen-25-April-1945-300x180.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/28_Stollen-25-April-1945-768x461.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Schriftliche Hinterlassenschaft eines Schutzsuchenden vom 25. April 1945<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der letzte schwere Luftangriff der 15. US-Luftflotte auf ein \u00f6sterreichisches Ziel galt vor fast genau 75 Jahren Linz. Noch einmal verloren am 25. April 1945 360 Zivilisten ihr Leben, bevor zwei Wochen sp\u00e4ter der Krieg mit der <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=490#kapitulation\">bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht<\/a> sein Ende fand.<\/p>\n\n\n\n<p>An jenem Tag notierte jemand im Rudolfstollen mittels eines Bleistifts an der Oberfl\u00e4che eines Ziegels:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eHier stand ich am 25. IV 45 und wartete 4 Stunden mit einem h\u00fcbschen Madel\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Oben in der Originalhandschrift befindet sich \u00fcber jedem u ein Bogen, der wie \u00fc-Striche aussieht. Dieser diente damals dazu, Buchstaben, die einander in der Schreibschrift sehr \u00e4hnlich waren \u2013 wie etwa m, n und u \u2013 besser voneinander unterscheiden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eventuell diente dieser kurze Satz nur dazu, dem \u201eh\u00fcbschen Madel\u201c ein L\u00e4cheln ins Gesicht zu zaubern, um f\u00fcr ein paar Augenblicke die Bomben, die Zerst\u00f6rung und die Angst zu vergessen. Vielleicht aber schrieb der Verfasser diese drei Zeilen selbst zur eigenen Beruhigung oder im Willen, sich lieber mit einem \u201eh\u00fcbschen Madel\u201c zu besch\u00e4ftigen, als mit der brennenden Stadt au\u00dferhalb der Stolleneing\u00e4nge.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Alarm am 25. April 1945 \u201egegen zehn Uhr\u201c<sup>1<\/sup> die Leute in die Stollen trieb, wurde diese kurze Momentaufnahme des Zivilschutzmiteinanders wohl zwischen 14 und 15 Uhr auf den Ziegel gekritzelt, kurz bevor die Menschen den Stollen, in dem einst auch meine Mutter und Gro\u00dfmutter bei Bombenalarm sa\u00dfen, wieder verlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Mein herzlicher Dank f\u00fcr die F\u00fchrung durch den f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit gesperrten Rudolfstollen geht an Erhard Fritsch und Josef Weichenberger vom <a href=\"https:\/\/www.hoehlenforschung.at\/\">Landesverein f\u00fcr H\u00f6hlenkunde in Ober\u00f6sterreich<\/a>!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-black-color\">M\u00f6chtest Du Dich erkenntlich zeigen?<\/span> <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=6688\" data-type=\"page\" data-id=\"6688\">Hier hast Du die M\u00f6glichkeit dazu<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>1 Artikel \u201eFragt uns jetzt!\u201c, Fritz Johann Langthaler, in: Ober\u00f6sterreichische Nachrichten, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.nachrichten.at\/meine-heimat\/geschichte\/70-jahre-zweiter-weltkrieg\/fragt-uns-jetzt;art173463,1765511\">https:\/\/www.nachrichten.at\/meine-heimat\/geschichte\/70-jahre-zweiter-weltkrieg\/fragt-uns-jetzt;art173463,1765511<\/a> (16. April 2020)<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Links und Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Erhard <em>Fritsch<\/em>, Walter <em>Greger<\/em>, Rudolf <em>Pavuza<\/em>, Heiner <em>Thaler<\/em>, Petra <em>Cech<\/em>, Der Rudolfstollen in Linz-Urfahr (\u00d6sterreich) und seine Umgebung. Eine naturwissenschaftlich-historische Bestandsaufnahme. In: Denisia 38 (Linz 2016), online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.zobodat.at\/pdf\/DENISIA_0038_0001-0099.pdf\">https:\/\/www.zobodat.at\/pdf\/DENISIA_0038_0001-0099.pdf<\/a> (16. April 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Josef <em>Goldberger<\/em>, Cornelia <em>Sulzbacher<\/em>, Der Luftkrieg, online unter:<br>Forum O\u00d6 Geschichte, Virtuelles Museum Ober\u00f6sterreich, <a href=\"https:\/\/www.ooegeschichte.at\/epochen\/nationalsozialismus\/ooe-1938-1945-eine-chronologie\/das-ende-des-krieges\/bombenangriffe\/\">https:\/\/www.ooegeschichte.at\/epochen\/nationalsozialismus\/ooe-1938-1945-eine-chronologie\/das-ende-des-krieges\/bombenangriffe\/<\/a> (16. April 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Bertrand <em>Perz<\/em>, Das Projekt \u201eQuarz\u201c. Der Bau einer   unterirdischen Fabrik durch H\u00e4ftlinge des KZ Melk f\u00fcr die Steyr-Daimler-Puch AG 1944\u20131945 (Innsbruck 2014)<\/p>\n\n\n\n<p>Thread \u201eLS-Stollen und Bunker in Linz\u201c, online unter:<br>Unterirdisch-Forum.de, <a href=\"https:\/\/unterirdisch-forum.de\/index.php?threads\/ls-stollen-und-bunker-in-linz.3922\/\">https:\/\/unterirdisch-forum.de\/index.php?threads\/ls-stollen-und-bunker-in-linz.3922\/<\/a> (16. April 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Artikel \u201eDer Tag, an dem in Linz die ersten Bomben fielen\u201c, in: Ober\u00f6sterreichische Nachrichten, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.nachrichten.at\/oberoesterreich\/linz\/Der-Tag-an-dem-in-Linz-die-ersten-Bomben-fielen;art66,1451170\">https:\/\/www.nachrichten.at\/oberoesterreich\/linz\/Der-Tag-an-dem-in-Linz-die-ersten-Bomben-fielen;art66,1451170<\/a> (16. April 2020)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\"><br><strong>Interner Link:<\/strong><br><br>Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343\">https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zeitraum zwischen 25. Juli 1944 und 25. April 1945 wurde Linz 22-mal aus der Luft angegriffen. Die Bilanz liest sich \u2013 wie in vielen anderen St\u00e4dten auch \u2013 traurig: Durch den Abwurf von 20.000 Bomben kamen 1.679 Menschen zu Tode, 602 Wohnh\u00e4user mit 2.940 Wohnungen wurden zerst\u00f6rt. 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