{"id":4121,"date":"2020-02-08T10:00:15","date_gmt":"2020-02-08T09:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=4121"},"modified":"2021-06-20T17:17:45","modified_gmt":"2021-06-20T15:17:45","slug":"1933-1939-hitler-und-der-herrgott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=4121","title":{"rendered":"1933\/1939 \u2013 Hitler und der Herrgott"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">So manche Worte im Dunkel findet man nicht erst im tiefen Keller oder in der untersten Sohle eines Bergwerks. Die schriftlichen Spuren der finsteren 1930er-Jahre begegnen uns manchmal auch bei Sonnenlicht mitten in der Stadt Wien. So wie etwa an der Fassade des Thury-Hofs, wo die K\u00fcnstlerin Maria Theresia Litschauer 2010 im Rahmen des Projekts [transkription] die Kontextualisierung einer 1939 angebrachten Terrakotta-Figur vorgenommen hat. Diese Statue in Gestalt eines schwerttragenden Kriegers \u201eirritiert als nationalsozialistisches Implantat im Bauk\u00f6rper sozialdemokratischer Identit\u00e4t\u201c*, denn der Thury-Hof ist ein Bauwerk des &#8222;Roten Wien&#8220;, errichtet 1925\/1926.<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcr diese Statue verantwortliche K\u00fcnstler ist Alfred Crepaz, der sich haupts\u00e4chlich \u201etraditionsgebundener christlicher Kunst\u201c<sup>1<\/sup> widmete. Wie Crepaz an den Auftrag gekommen ist, diese Statue zu erschaffen, ist nicht bekannt. Manche K\u00fcnstler dieser Zeit waren \u00fcberzeugte Nationalsozialisten und schufen derartige Werke mit Eifer, f\u00fcr andere wiederum waren solche Auftr\u00e4ge nur das t\u00e4glich Brot, das das \u00dcberleben sichern sollte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"797\" height=\"1200\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_1.jpg\" alt=\"Terrakotta-Figur in Gestalt eines schwerttragenden Kriegers an der Fassade des Thuryhofs \u2013 darunter ein Spruch von Adolf Hitler.\" class=\"wp-image-4123\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_1.jpg 797w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_1-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_1-768x1156.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 797px) 100vw, 797px\" \/><figcaption>Terrakotta-Figur in Gestalt eines schwerttragenden Kriegers an der Fassade des Thuryhofs \u2013 darunter ein Spruch von Adolf Hitler.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 4. M\u00e4rz 1933 hielt Adolf Hitler eine Rede in K\u00f6nigsberg (heute Kaliningrad\/Russland). Der Spruch, der unter der Statue zu lesen ist, stammt aus dieser Rede. Er lautet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eWir bitten Dich Herrgott, la\u00df uns niemals wankend werden und feige sein, la\u00df uns niemals die Pflicht vergessen, die wir \u00fcbernommen haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Realit\u00e4t des Nationalsozialismus war jedoch weder 1933 noch zu anderer Zeit dem lieben Herrgott zugetan. 1932 und 1933 erreichte der NS-Terror in \u00d6sterreich seinen H\u00f6hepunkt mit dem Bombenanschlag auf den Juwelier Futterweit in Wien und dem Granatenanschlag auf christliche Turner in Krems, die insgesamt drei Todesopfer forderten und das Verbot der NSDAP im Juni 1933 nach sich zogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember desselben Jahres verfassten die \u00f6sterreichischen Bisch\u00f6fe einen Hirtenbrief, in dem sie sich gegen die aggressive und gewaltt\u00e4tige NS-Ideologie aussprachen. Mit vier Argumenten bezogen sie eine klare Stellung gegen den Nationalsozialismus. Der erste Punkt des Briefes lautete:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eDie Menschheit ist eine einheitliche Familie, aufgebaut auf Gerechtigkeit und Liebe. Darum verurteilen wir den nationalsozialistischen Rassenwahn, der zum Rassenha\u00df und zu V\u00f6lkerkonflikten f\u00fchrt, ja f\u00fchren mu\u00df.\u201c<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"797\" height=\"1200\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_2-1.jpg\" alt=\"Ausschnitt einer Rede Adolf Hitlers vom 4. M\u00e4rz 1933. Der Name Hitlers wurde nach dem Krieg &quot;entfernt&quot;.\" class=\"wp-image-4125\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_2-1.jpg 797w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_2-1-199x300.jpg 199w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/18_Spruch_1939_2-1-768x1156.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 797px) 100vw, 797px\" \/><figcaption>Ausschnitt einer Rede Adolf Hitlers vom 4. M\u00e4rz 1933. Sein Name wurde nach dem Krieg &#8222;entfernt&#8220;.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem die katholische Kirche 1933 sowohl mit Deutschland als auch mit \u00d6sterreich Konkordate geschlossen hatte, die die Beziehungen zwischen Staat und Kirche regeln sollten, dauerte es nicht lange, bis die Nationalsozialisten in Deutschland die Kirche massiv bedr\u00e4ngten und versuchten ihre Rechte einzuschr\u00e4nken. Dies f\u00fchrte 1937 dazu, dass die \u00f6sterreichische Kirche mittels Hirtenbriefes ihre Sympathie f\u00fcr die deutsche Kirche bekundete, um selbiger den R\u00fccken zu st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem \u201eAnschluss\u201c \u00d6sterreichs an Deutschland am 13. M\u00e4rz 1938 war die katholische Kirche bem\u00fcht, die Beziehungen zum NS-Regime m\u00f6glichst friedlich zu gestalten, weshalb es am 15. M\u00e4rz zum Treffen zwischen Kardinal Theodor Innitzer und Adolf Hitler im Hotel Imperial kam. Innitzer versicherte Hitler, dass die Katholiken hinter der nationalsozialistischen F\u00fchrung stehen w\u00fcrden. Dieser versprach ihm daraufhin einen \u201ereligi\u00f6sen Fr\u00fchling\u201c f\u00fcr \u00d6sterreich, der allerdings tats\u00e4chlich kaum \u00fcber den Fr\u00fchling 1938 hinauskam.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor sich die neue Staatsf\u00fchrung offen antiklerikal bet\u00e4tigte, unterzeichnete Innitzer am 18. M\u00e4rz 1938 die sogenannte \u201eFeierliche Erkl\u00e4rung der Bisch\u00f6fe\u201c handschriftlich mit \u201eHeil Hitler!\u201c. In dieser Erkl\u00e4rung richteten die \u00f6sterreichischen Bisch\u00f6fe die Empfehlung an die Bev\u00f6lkerung, am 10. April bei der Volksabstimmung zur \u201eWiedervereinigung \u00d6sterreichs mit dem Deutschen Reich\u201c pro Anschluss abzustimmen. Diese Erkl\u00e4rung wurde von Papst Pius XI. mit den Worten beschrieben, \u201ees gebe in der Geschichte der Kirche keine besch\u00e4mendere Episode\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf zeigte sich bereits das nationalsozialistische Verst\u00e4ndnis f\u00fcr gegebene Versprechen: Die katholische Kirche wurde in \u00d6sterreich zu einem gro\u00dfen Teil entfernt. \u00dcber 200 Stifte und Kl\u00f6ster wurden aufgelassen, das Verm\u00f6gen der Kirche beschlagnahmt, s\u00e4mtliche katholische Vereine aufgel\u00f6st, ebenso katholische Schulen, Heime, Werke, Stiftungen und Bildungseinrichtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Folge wurden viele katholische Priester verhaftet, weil sie staatsgef\u00e4hrdende Predigten hielten, den Hitler-Gru\u00df verweigerten, Juden und Fl\u00fcchtlinge beherbergten, ausl\u00e4ndische Radiosendungen h\u00f6rten oder staatliche Verordnungen zu kirchlichen Befugnissen \u00fcberschritten.<br>Teilweise warteten diese Priester jahrelang ohne Anklage in ihren Zellen auf den Prozess und dachten sich eventuell dabei: \u201eWir bitten Dich Herrgott, la\u00df uns niemals wankend werden \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-black-color\">M\u00f6chtest Du Dich erkenntlich zeigen?<\/span> <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=6688\" data-type=\"page\" data-id=\"6688\">Hier hast Du die M\u00f6glichkeit dazu<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>1 Schrifttafel mit dem Text von Maria Theresia Litschauer vor der Statue am Thury-Hof.<\/p>\n\n\n\n<p>2 Leopold Kunschak, \u00d6sterreich 1918\u20131934 (Wien 1935), S. 204.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Links und Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Leopold <em>Kunschak<\/em>, \u00d6sterreich 1918\u20131934 (Wien 1935)<\/p>\n\n\n\n<p>Erika <em>Weinzierl<\/em>, Kirche und Nationalsozialismus, online unter:<br>Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstands, <a href=\"https:\/\/www.doew.at\/erkennen\/ausstellung\/1938\/kirche-und-nationalsozialismus#\">https:\/\/www.doew.at\/erkennen\/ausstellung\/1938\/kirche-und-nationalsozialismus#<\/a> (7. Februar 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Website von Maria Theresia Litschauer, Konzept zu [transkription], online unter:<br><a href=\"http:\/\/litschauer.sil.at\/htm\/thury_konzept.htm\">http:\/\/litschauer.sil.at\/htm\/thury_konzept.htm<\/a> (7. Februar 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>DasRoteWien.at, Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie, Thury-Hof, online unter:<br><a href=\"http:\/\/www.dasrotewien.at\/seite\/thury-hof\">http:\/\/www.dasrotewien.at\/seite\/thury-hof<\/a> (7. Februar 2020)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\"><br><strong>Interne Links:<\/strong><br><br>Mehr zu den Jahren von 1918 bis zum &#8222;Anschluss&#8220;:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=457\">https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=457<\/a><br><br>Mehr zu 1938 nach dem &#8222;Anschluss&#8220;:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=453\">https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=453<\/a><br><br>Mehr zum NS-Terror 1932 und 1933:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=457#terror\">https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=457#terror<\/a><br><br>Mehr zur Kirche im Nationalsozialismus:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=453#kirche\">https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=453#kirche<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So manche Worte im Dunkel findet man nicht erst im tiefen Keller oder in der untersten Sohle eines Bergwerks. 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