{"id":3851,"date":"2020-01-18T15:57:25","date_gmt":"2020-01-18T14:57:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=3851"},"modified":"2021-02-22T22:06:11","modified_gmt":"2021-02-22T21:06:11","slug":"1943-bis-1945-die-untertageverlagerung-zement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=3851","title":{"rendered":"1943 bis 1945 \u2013 Die Untertageverlagerung \u201eZement\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Als die Kriegsindustrie in \u00d6sterreich ab der zweiten Jahresh\u00e4lfte 1943 in die Reichweite der alliierten Bomberverb\u00e4nde geriet, machte man sich mit Hochdruck daran, die Produktion kriegswichtiger G\u00fcter an nicht gef\u00e4hrdete Orte zu verlagern. Exemplarisch seien die <a href=\"http:\/\/www.geheimprojekte.at\/firma_wnf_auslagerungen.html\">Wiener Neust\u00e4dter Flugzeugwerke<\/a> (WNF) erw\u00e4hnt, die am 13. August 1943 als erstes Ziel im Rahmen der strategischen Luftangriffe der Alliierten angegriffen worden waren. Die ersten Verlagerungen fanden in leerstehende Fabriken in mehr oder weniger nahem Umkreis um die jeweiligen Werksstandorte statt. Dieser Artikel besch\u00e4ftigt sich jedoch nicht mit den Verlagerungsstandorten der WNF, sondern mit einem der Steyr-Daimler-Puch-AG in Ebensee.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die oberirdischen Verlagerungen der R\u00fcstungsindustrie bald durch die alliierte Luftaufkl\u00e4rung ausgesp\u00e4ht waren, orientierten sich die deutschen Verantwortlichen bald in Richtung Untergrund.<br>In einer ersten Welle wurden \u00f6sterreichweit bestehende unterirdische Hohlr\u00e4ume wie etwa Brauereikeller, Stifts- und Klosterkeller, H\u00f6hlen, Bergwerke oder Stra\u00dfen- und Eisenbahntunnels auf ihre Tauglichkeit als Verlagerungsstandort sondiert und gegebenenfalls kriegswichtige Industrieunternehmen dorthin verlagert.<br>Anschlie\u00dfend wurden in einer zweiten Welle Stollenanlagen f\u00fcr die Kriegsproduktion neu errichtet. Auf \u00f6sterreichischem Gebiet gab es mehrere dieser Anlagen, von denen die drei gr\u00f6\u00dften in Roggendorf (Deckname \u201eQuarz\u201c), St. Georgen an der Gusen (Deckname \u201eBergkristall\u201c) und Ebensee (Deckname \u201eZement\u201c) entstanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stollen in Ebensee sollten der Forschung und Weiterentwicklung der A4-Rakete dienen, nachdem die Heeresversuchsanstalt Peenem\u00fcnde, wo sich die Raketenforschung zu diesem Zeitpunkt konzentriert hatte, Mitte August 1943 schwer bombardiert worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Stollen \u00fcberhaupt aus dem Fels schlagen zu k\u00f6nnen, war man auf die Arbeitskraft von KZ-H\u00e4ftlingen angewiesen, da die meisten einheimischen Arbeiter in diesen Kriegsjahren bereits zur Wehrmacht eingezogen worden waren. Nur die wenigsten erfreuten sich einer sogenannten Uk-Stellung \u2013 sie galten als <span style=\"text-decoration: underline;\">u<\/span>nab<span style=\"text-decoration: underline;\">k<\/span>\u00f6mmlich und wurden nicht eingezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im November 1943 kamen die ersten H\u00e4ftlinge aus dem Lager Redl-Zipf, wo ebenfalls ein Standort der Raketenforschung und -entwicklung eingerichtet wurde, nach Ebensee. Ihre erste Aufgabe bestand darin, dieses Au\u00dfenlager des Konzentrationslagers Mauthausen, das etwa 6.000 bis 7.000 H\u00e4ftlinge aufnehmen sollte, zu errichten.<br>Ab J\u00e4nner 1944 wurde das Lager belegt und die <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343#zwangsarbeit\">Zwangsarbeit<\/a> im Rahmen des Projekts \u201eZement\u201c setzte ein. So entstanden in Ebensee zwei unterirdische Verlagerungsstandorte \u2013 die Anlage A mit 12 Stollen, die durch Querstollen miteinander verbunden waren und etwas \u00fcber einen Kilometer davon entfernt die Anlage B mit 9 Stollen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p>Durch ver\u00e4nderte Planungen und unz\u00e4hlige Diskussionen sp\u00e4ter wurde das urspr\u00fcngliche Projekt, in dieser Stollenanlage das Forschungs- und Entwicklungszentrum der Raketenforschung einzurichten, im Herbst 1944 fallengelassen. Die unterirdischen R\u00e4ume wurden nun zu anderen Zwecken genutzt. Den gr\u00f6\u00dften Anteil an den Fl\u00e4chen der Anlage A nahm ab diesem Zeitpunkt die Verarbeitung von Erd\u00f6l ein. Im Rahmen des sogenannten Mineral\u00f6lsicherungsplans \u2013 nach dem Verantwortlichen f\u00fcr dieses Vorhaben Edmund Geilenberg auch \u201eGeilenberg-Programm\u201c genannt \u2013, war beabsichtigt, vier \u00f6lverarbeitende Fabriken hier unterzubringen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Schmier\u00f6lproduktion, Deckname \u201eDachs II\u201c<\/li><li>Benzin- und Dieselproduktion, Decknamen \u201eOfen XXIII\u201c bis \u201eOfen XXX\u201c<\/li><li>Auto- und Flugzeugbenzinproduktion, Deckname \u201eIltis\u201c<\/li><li>Crackanlage, Deckname \u201eTaube I\u201c<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Mit Ausnahme der \u201eOfen\u201c-Anlagen, die ab Februar 1945 die Herstellung von Treibstoff aufnahmen, lief die Produktion bis Kriegsende nicht mehr an.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Die in diesem Beitrag gezeigten Beschriftungen stammen jedoch aus Anlage B. Dort wurde im Stollen 5 eine Gedenkst\u00e4tte eingerichtet, die sich der Erinnerung an die \u00fcber 8.500 hier verstorbenen KZ-H\u00e4ftlinge widmet. Insgesamt wurden etwa 27.000 H\u00e4ftlinge in Ebensee zur Zwangsarbeit herangezogen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"797\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R.jpg\" alt=\"Abschlussmauer im Stollen 5 der Anlage B. Dahinter ist der Stollen nur grob aus dem Fels gebrochen.\" class=\"wp-image-3854\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Abschlussmauer im Stollen 5 der Anlage B<br>L. und R. bezeichneten die linke und die rechte Seite der Maschinenreihen. Hinter der Mauer war der Stollen noch nicht fertiggestellt und nur grob aus dem Fels gebrochen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem das Raketenprojekt in Ebensee zu den Akten gelegt worden war, bem\u00fchten sich andere kriegswichtige Unternehmen darum, die freigewordenen R\u00e4ume zugewiesen zu bekommen. Die Steyr-Daimler-Puch AG (SDP) war es schlie\u00dflich, die in den fertiggestellten Bereichen ihre Maschinen aufstellen konnte, wo sie Motorenteile f\u00fcr Flugzeuge, Panzer und Lastwagen produzierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"797\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R_48.jpg\" alt=\"Abschlussmauer und Seitenw\u00e4nde des Stollens 5 mit der Nummerierung\" class=\"wp-image-3853\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R_48.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R_48-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_L-R_48-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Die Beschriftungen L. und R. an der Abschlussmauer und die Nummerierungen an den W\u00e4nden des Stollens 5<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"797\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_45.jpg\" alt=\"Stollen 5 mit der segmentweisen Nummerierung\" class=\"wp-image-3852\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_45.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_45-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/15_Zement_Nummerierung_45-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Blick durch den Stollen 5 von der Abschlussmauer zum Eingang mit den links und rechts erkennbaren Nummerierungen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Nummerierungen an den W\u00e4nden und die Beschriftungen L. und R. an der Abschlussmauer des Stollens dienten der Bezeichnung der aufgestellten Maschinen, die die SDP hier montiert hat. So konnte man genau feststellen, welche Maschine defekt war oder gewartet werden musste. &#8222;L 47&#8220; war etwa die vorletzte Maschine auf der linken Seite, &#8222;R 1&#8220; die erste Maschine nach dem Eingang rechts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-black-color\">M\u00f6chtest Du Dich erkenntlich zeigen?<\/span> <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=6688\" data-type=\"page\" data-id=\"6688\">Hier hast Du die M\u00f6glichkeit dazu<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Links und Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Wolfgang <em>Quatember<\/em>, Der \u201eHatschek-Steinbruch\u201c in Ebensee. Das Verh\u00e4ltnis des Betriebes zur R\u00fcstungsbaustelle des \u201eSS-F\u00fchrungsstabes Kammler\u201c und zum KZ-Nebenlager Ebensee (1943\u20131945), In: betrifft WIDERSTAND 97, Juli 2010, S. 19\u201327.<\/p>\n\n\n\n<p>Andreas <em>Schmoller<\/em>, Kurzgeschichte KZ Ebensee. Raktenaufr\u00fcstung und das Projekt &#8222;Zement&#8220;, online unter: <a href=\"https:\/\/memorial-ebensee.at\/website\/index.php\/de\/geschichte\/19-konzentrationslager\/6-kz-ebensee\">https:\/\/memorial-ebensee.at\/website\/index.php\/de\/geschichte\/19-konzentrationslager\/6-kz-ebensee<\/a> (18. Januar 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Hans Walter <em>Wichert<\/em>, Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten des zweiten Weltkrieges (Marsberg 1999)<\/p>\n\n\n\n<p>Gedenkst\u00e4tte Ebensee:<br><a href=\"https:\/\/memorial-ebensee.at\/website\/index.php\/de\/\">https:\/\/memorial-ebensee.at\/website\/index.php\/de\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\"><br><strong>Interner Link:<\/strong><br><br>Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343\">https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die Kriegsindustrie in \u00d6sterreich ab der zweiten Jahresh\u00e4lfte 1943 in die Reichweite der alliierten Bomberverb\u00e4nde geriet, machte man sich mit Hochdruck daran, die Produktion kriegswichtiger G\u00fcter an nicht gef\u00e4hrdete Orte zu verlagern. 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