{"id":2779,"date":"2019-11-02T12:30:47","date_gmt":"2019-11-02T11:30:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=2779"},"modified":"2021-02-21T00:09:03","modified_gmt":"2021-02-20T23:09:03","slug":"1943-mutter-und-kind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=2779","title":{"rendered":"1943 bis 1945 \u2013 Mutter und Kind"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\">Dieser Artikel wurde am 18. Juni 2020 \u00fcberarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Zwischen Dezember 1942 und Oktober 1943 wurde das erste Flakturmpaar in Wien erbaut. Diese Bauwerke dienten nicht nur dem aktiven Luftschutz durch Fliegerabwehrkanonen (Flak), sondern auch dem passiven Luftschutz in Form von Luftschutzr\u00e4umen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Tausende Menschen dr\u00e4ngten sich an dem f\u00fcr sie vorgesehenen Eingang, w\u00e4hrend ein anderer Zugang Wehrmachtsoldaten in Uniform vorbehalten war. Insgesamt verf\u00fcgten die sechs Wiener Flakt\u00fcrme \u00fcber Schutzr\u00e4ume f\u00fcr etwa 40.000 Menschen, die jedoch immer \u00fcberbelegt waren, wie aus Zeitzeugenberichten hervorgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die oberen Stockwerke waren f\u00fcr das Milit\u00e4r, das Lager f\u00fcr die Flak-Munition und die Berechnungen der Flak-Ausrichtung reserviert. In diesen technischen R\u00e4umen wurden die Messergebnisse analysiert und an den Gesch\u00fctzturm weitergegeben, wo auf diesen Ergebnissen aufbauend die Gesch\u00fctze gegen die anfliegenden Bomberverb\u00e4nde gerichtet wurden. Das zweite bis f\u00fcnfte Gescho\u00df hingegen diente der Bev\u00f6lkerung als Schutzraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter den zwei bis zweieinhalb Meter dicken Mauern der T\u00fcrme befanden sich die Schutzsuchenden wohl mit Ausnahme der tiefen Luftschutzstollen an den sichersten Orten Wiens. Die Decken, die \u00fcber den Innenr\u00e4umen der T\u00fcrme Bombeneinschl\u00e4gen standhalten sollten, ma\u00dfen zwischen dreieinhalb und vier Metern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Flakt\u00fcrme waren als autarke moderne Burgen konzipiert, die \u00fcber eine eigene Strom- und Wasserversorgung verf\u00fcgten. Die Einrichtungen der Etagen erf\u00fcllten verschiedenste Funktionen, waren aber nicht in jedem Turm gleich. So gab es etwa f\u00fcr die technische Ausstattung Betriebsr\u00e4ume mit Generatoren, Trafos, Treibstofflagern, Heizungs- und L\u00fcftungsanlagen. In den Stockwerken unterhalb der milit\u00e4rischen Nutzung befanden sich Bereiche f\u00fcr die R\u00fcstungsindustrie (in den Gesch\u00fctzt\u00fcrmen), Kanzleien verschiedener Partei- und Verwaltungsstellen, Radiosender sowie die Luftschutzbereiche f\u00fcr die Zivilbev\u00f6lkerung. Ebenso waren hier Lazarette, Rettungsstellen bzw. Sanit\u00e4tsbereiche mit voll eingerichteten Operationsr\u00e4umen, Mutter-Kind-Bereiche, Sanit\u00e4r- und Ruher\u00e4ume eingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Zeitzeugenberichte<\/h3>\n\n\n\n<p><br>2003 brachte Marcello La Speranza das Buch \u201eBomben auf Wien. Zeitzeugen berichten\u201c heraus, in dem auch einige Erinnerungen an die Flakt\u00fcrme wiedergegeben werden. Die folgenden Schilderungen deuten teilweise die schlimmen Zust\u00e4nde an, die in den \u00fcberf\u00fcllten R\u00e4umen f\u00fcr alle Menschen, aber insbesondere f\u00fcr M\u00fctter und Kinder herrschten. Vor allem die Erinnerung an die Kinderw\u00e4gen scheinen sich viele Zeitzeugen bewahrt zu haben:<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Arenbergpark ohne Angabe des Turmes:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eBei Alarm liefen wir in den nahen Bunker im Arenbergpark. Der war meist mit Menschen, Kinderwagen und Koffern \u00fcberf\u00fcllt. Ich hatte Angst. Alle hatten Angst. Man sp\u00fcrte das Zittern und das dumpfe Grollen der Bomben. F\u00fcr die Erste Hilfe von Verwundeten waren ungelernte Rot-Kreuz-Schwestern und Krankenschwestern im Bunker \u2026\u201c<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eEinmal suchte ich im Flakturm des Arenbergparks Schutz vor den Bomben. Es waren viele Menschen angestellt. Im Bunker waren nur nackte W\u00e4nde und Tische. Es war \u00e4u\u00dferst unbequem. Die Kinderwagen mu\u00dften drau\u00dfen bleiben. Mit zwei kleinen Kindern war das eine langwierige Prozedur. Ich ging nicht wieder dorthin \u2026\u201c<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eAls die Bombenangriffe auf Wien zunahmen, suchten wir den Luftschutzkeller der Ballettschule neben dem Schlo\u00df Belvedere auf. Es war ein sehr gro\u00dfer Raum. Die Leute standen an der Mauer beim Eingang. Einige Bomben schlugen in der N\u00e4he ein. Denn das nahe gelegene Arsenal war ein wichtiges Kriegsziel der alliierten Fliegerverb\u00e4nde. Der Boden erzitterte. Ich hatte furchtbare Angst. Beim n\u00e4chsten Alarm liefen wir die Stra\u00dfe hinunter zum Flakturm im Arenbergpark. Gruppenweise wurden wir in die R\u00e4ume eingewiesen. Als wir nach einem Angriff in unser B\u00fcro zur\u00fcckkamen, setzte es einen R\u00fcffel, weil wir so lange weg gewesen waren \u2026\u201c<sup>3<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eW\u00e4hrend der Fliegerangriffe waren wir auch einige Male im Flakturm Arenbergpark in Wien-Landstra\u00dfe. Dort suchten viel zu viele Menschen Schutz vor den Bomben. Ich sa\u00df immer auf einem Kartoffelsack, das einzige, was wir mitschleppten. Es herrschte dort Sauerstoffmangel. Immer wieder starben dort kleine Kinder wie die Fliegen.[\u2026]\u201c<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Gesch\u00fctzturm Arenbergpark:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eIm Luftschutzbunker im Flakturm Arenbergpark gab es einfache Sitzgelegenheiten an den W\u00e4nden und elektrisches Licht. M\u00fctter mit Kleinkindern wurden in gesonderten R\u00e4umen untergebracht, wenn das irgendwie m\u00f6glich war. Alte M\u00e4nner und halbw\u00fcchsige Burschen versahen den Ordnungsdienst. Dennoch kam es meines Wissens nie zu Panik. Signalisierte der \u201aKuckuck\u2018 Gefahr aus der Luft, stellten sich die Leute beim Bunker an, um rechtzeitig eingelassen zu werden. Eintrittskarten wurden keine ausgegeben \u2026<br>Einmal wurde der Flakturm von schweren Bomben getroffen. Dabei wurde aber nur ein Teil der Br\u00fcstung, die rund um den Flakturm f\u00fchrte, zerst\u00f6rt. Der Flakturm selbst bestand aus runden, in sich verbundenen T\u00fcrmen. Auf jedem dieser T\u00fcrme stand eine 8,8-cm-Flak. Auf der Br\u00fcstung sollen sich in jeder Ecke Vierlings-Flak-Gesch\u00fctze befunden haben. Ich selbst habe sie nicht gesehen. Mein Vater hat es mir erz\u00e4hlt. Dagegen konnte man die 8,8-cm-Flak von der Stra\u00dfe aus erkennen.\u201c<sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Feuerleitturm Augarten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eUnser Luftschutzkeller bot nicht gen\u00fcgend Schutz. Also rannten alle in den ersten Bezirk in die Seitenstettengasse. Dort war f\u00fcr uns der n\u00e4chste Eingang zu den Katakomben, die teilweise zwei Stockwerke unter der Erde lagen \u2013 rohe Kellerr\u00e4ume ohne Sitzm\u00f6glichkeiten und teilweise auch ohne Licht. Nach der Bombardierung dieser Schutzkeller \u2013 die Leichen lagen noch am n\u00e4chsten Tag im Hof mit Papier zugedeckt \u2013 floh meine Familie in die T\u00fcrme des Augartens. Ich selbst war im kleinen Turm, der innen noch nicht fertiggestellt war. Die Stockwerke waren nur \u00fcber provisorische Holzstiegen zu erreichen. Es gab meistens kein Licht. Man stand Kopf an Kopf. Alles war hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllt \u2026\u201c<sup>6<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Gesch\u00fctzturm Stiftskaserne:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eIch war 1944 im Bunker der Stiftskaserne untergebracht. Einer von vielen R\u00e4umen diente der Betreuung von alten und kranken Menschen, werdenden M\u00fcttern und Kindern oder von Leuten, denen gerade \u00fcbel wurde. Der Raum war luftig, man bekam Wasser oder Baldriantropfen zur Beruhigung. Frauen bem\u00fchten sich, die vielen Menschen zu versorgen, was kaum gelang. Auf dem Dach dieses Bunkers war die Flak aufgestellt. Ihre Kanonen schossen aus allen Rohren. Es dr\u00f6hnte, die Leute schrien, doch wir wu\u00dften, da\u00df nichts passieren konnte bei diesen dicken Betonmauern. Damals lernte ich Menschen kennen. Jeder war sich selbst der N\u00e4chste. Ich schwor mir, nie wieder in den Bunker zu gehen \u2026\u201c<sup>7<\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"680\" src=\"http:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/5_Mutter-Kind_1943-1024x680.jpg\" alt=\"Wegweiser in einem Flakturm f\u00fcr Mutter und Kind\" class=\"wp-image-2780\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/5_Mutter-Kind_1943-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/5_Mutter-Kind_1943-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/5_Mutter-Kind_1943-768x510.jpg 768w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/5_Mutter-Kind_1943.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Dieser Wegweiser wies M\u00fcttern mit Kindern den Weg zu den Luftschutzr\u00e4umen, die f\u00fcr sie vorgesehen waren.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Um auch bei Lichtausfall die Orientierung zu erm\u00f6glichen, wurden die Wegweiser mit phosphoreszierender Farbe aufgetragen. Diese leuchteten lange Zeit nach und bestimmten gegebenenfalls die Gem\u00fctslage unter den Schutzsuchenden. Drau\u00dfen dr\u00f6hnten die Bomber und drinnen warteten die Menschen stundenlang auf Entwarnung \u2013 zusammengepfercht in stickigen R\u00e4umen im gr\u00fcn-fahlen Licht des phosphoreszierenden Leitsystems.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-black-color\">M\u00f6chtest Du Dich erkenntlich zeigen?<\/span> <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=6688\" data-type=\"page\" data-id=\"6688\">Hier hast Du die M\u00f6glichkeit dazu<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>1 Marcello <em>La Speranza<\/em>, Bomben auf Wien. Zeitzeugen berichten (Wien 2003),<br>Zeitzeugenbericht von Grete Svoboda, S. 100.<\/p>\n\n\n\n<p>2 La Speranza, Bomben auf Wien,<br>Zeitzeugenbericht von Martha Gaier, S. 115.<\/p>\n\n\n\n<p>3 La Speranza, Bomben auf Wien,<br>Zeitzeugenbericht von Charlotte K\u00f6nig, S. 117.<\/p>\n\n\n\n<p>4 La Speranza, Bomben auf Wien,<br>Zeitzeugenbericht von Gertraud Hubatsch, S. 214.<\/p>\n\n\n\n<p>5 La Speranza, Bomben auf Wien,<br>Zeitzeugenbericht von Walter Starik, S. 70.<\/p>\n\n\n\n<p>6 La Speranza, Bomben auf Wien,<br>Zeitzeugenbericht von Darma K\u00f6ck-Prezzi, S. 55f.<\/p>\n\n\n\n<p>7 La Speranza, Bomben auf Wien,<br>Zeitzeugenbericht von Gerda Ebert, S. 105.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Links und Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Gerold <em>Keusch<\/em>, Mahnmale des Bombenkrieges, online unter: Truppendienst. Magazin des \u00f6sterreichischen Bundesheeres, <a href=\"https:\/\/www.truppendienst.com\/themen\/beitraege\/artikel\/mahnmale-des-bombenkrieges\/#page-1\">https:\/\/www.truppendienst.com\/themen\/beitraege\/artikel\/mahnmale-des-bombenkrieges\/#page-1<\/a> (18. Juni 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Marcello <em>La Speranza<\/em>, Bomben auf Wien. Zeitzeugen berichten (Wien 2003)<\/p>\n\n\n\n<p>Marcello <em>La Speranza<\/em>, Flakturm-Arch\u00e4ologie. Ein Fundbuch zu den Wiener Festungsbauwerken (Berlin 2012)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\"><br><strong>Interne Links:<\/strong><br><br>Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:<br><a href=\"http:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343\">http:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel wurde am 18. Juni 2020 \u00fcberarbeitet. Zwischen Dezember 1942 und Oktober 1943 wurde das erste Flakturmpaar in Wien erbaut. 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