{"id":2004,"date":"2019-10-19T23:50:39","date_gmt":"2019-10-19T21:50:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=2004"},"modified":"2021-06-20T17:18:47","modified_gmt":"2021-06-20T15:18:47","slug":"1945-%d0%b7%d0%b0-%d1%80%d0%be%d0%b4%d0%b8%d0%bd%d1%83","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=2004","title":{"rendered":"1945 \u2013 \u0417\u0430 \u0420\u043e\u0434\u0438\u043d\u0443"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\">Dieser Artikel wurde am 16. Juni 2020 \u00fcberarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Parole \u201e\u0417\u0430 \u0420\u043e\u0434\u0438\u043d\u0443!\u201c (Za Rodinu!) bedeutet \u201eF\u00fcr die Heimat!\u201c und trat meist mit dem Zusatz \u201e\u0437\u0430 \u0421\u0442\u0430\u043b\u0438\u043d\u0430!\u201c (za Stalina) auf \u2013 \u201eF\u00fcr Stalin!\u201c. Sie begleitete die sowjetischen Truppen quasi allgegenw\u00e4rtig bei ihrem Kampf gegen das Deutsche Reich. Russische Soldaten beschrifteten ihre Z\u00fcge, Lastw\u00e4gen, Panzerrohre und \u2013 wie im Falle dieses Beitrages \u2013 auch Fassaden damit. Auf welchen historischen Ursprung der Schlachtruf zur\u00fcckgeht, beschreibt der Artikel anhand einer Beschriftung in Wien Floridsdorf, die mittlerweile im Zuge einer Fassadenrenovierung verlorengegangen ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Monate des Krieges befand sich die Rote Armee in der Defensive. Dennoch galt es f\u00fcr sie, ihre Heimat vor der Aggression des Dritten Reiches zu sch\u00fctzen. Ein f\u00fcrchterlich hoher Blutzoll \u2013 etwa 27.000.000 sowjetische Soldaten und Zivilisten verloren bis zum Ende der Kampfhandlungen ihr Leben \u2013 war die Folge.<\/p>\n\n\n\n<p>War es den Deutschen am 30. November 1941 fast gelungen, in Moskau einzumarschieren, so war es am Ende die Rote Armee, die im April 1945 den Kampf um Wien f\u00fcr sich entschied und kurz davorstand, dem Nationalsozialismus endg\u00fcltig den Garaus zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Schlacht in der Stadt war blutig. Nach russischen Angaben, die wahrscheinlich zu hoch angesetzt sind, starben 19.000 deutsche und 18.000 sowjetische Soldaten in dieser Schlacht, die von 6. bis 13. April 1945 tobte.<br>Drei Wochen nach Wien rangen die Alliierten auch Berlin nieder und damit das NS-Regime.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>F\u00fcr die Heimat<\/h3>\n\n\n\n<p><br>Nachdem Hitler am 22. Juni 1941 den Krieg gegen die Sowjetunion, das \u201eUnternehmen Barbarossa\u201c, entfacht hatte, wurden die russische Armee und die Bev\u00f6lkerung darauf eingestimmt, zu den Waffen zu greifen und Widerstand zu leisten. Schon am n\u00e4chsten Tag sprach Josef Stalin vom \u201eGro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg\u201c, der gegen den deutschen Faschismus gef\u00fchrt werden musste. Er w\u00e4hlte diesen Ausdruck aus dem Kalk\u00fcl heraus, den R\u00fcckhalt m\u00f6glichst vieler Sowjetb\u00fcrgerinnen und -b\u00fcrger zu erhalten, indem er damit an die kollektive nationale Leistung der Abwehr Napoleons 1812 erinnerte. Jener Krieg ging als \u201eVaterl\u00e4ndischer Krieg\u201c in die Geschichtsb\u00fccher ein.<\/p>\n\n\n\n<p>1812 sprach Alexander I. angesichts der einfallenden franz\u00f6sischen Truppen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eKrieger, ihr vertheidigt euren Glauben, euer Vaterland und eure Freiheit! Euer Kaiser f\u00fchrt euch, und der Gott der Gerechtigkeit ist gegen den, der den Frieden bricht.\u201c<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>1941 druckten die Zeitungen angesichts der einfallenden deutschen Truppen entsprechende Aufrufe, die sich direkt auf den Russlandfeldzug Napoleons beriefen \u2013 nur der Glaube wurde durch die Ehre ersetzt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eNicht zum ersten Mal hat unser Volk mit dem Angriff eines \u00fcberheblichen Feindes zu tun. Seinerzeit hat unser Volk auf den Russlandfeldzug Napoleons mit dem Vaterl\u00e4ndischen Krieg geantwortet und es kam zu Napoleons Niederlage und er erlebte den Zusammenbruch. Dasselbe wird der \u00fcberhebliche Hitler erleben, der erneut einen Feldzug gegen Russland erkl\u00e4rt hat. Die Rote Armee und das gesamte Volk werden wieder einen siegreichen Vaterl\u00e4ndischen Krieg f\u00fcr die Heimat, f\u00fcr die Ehre und f\u00fcr die Freiheit f\u00fchren.\u201c<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Der Mythos<\/h3>\n\n\n\n<p><br>Ob die Verwendung der Parole \u201e\u0417\u0430 \u0420\u043e\u0434\u0438\u043d\u0443\u201c tats\u00e4chlich allumfassend war, wird unterschiedlich beurteilt.<br>In Berichten von Kriegsteilnehmern werden teils heroische Schlachtenszenen geschildert, die in der wirkm\u00e4chtigen Parole ihren Anfang fanden. Exemplarisch zitiere ich aus der Erz\u00e4hlung von Alexej Iwanowitsch Kalabin aus dem Jahr 1943 (deutsche \u00dcbersetzung):<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eIn der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober erhielten wir den Befehl, die Deutschen in die Zange zu nehmen. Wir mussten den deutschen Br\u00fcckenkopf einnehmen und ihn halten, bis unsere anderen Streitkr\u00e4fte eintrafen. Uns standen 14 Boote zur Verf\u00fcgung, jeweils 7 [Mann?] pro Boot. Nachdem wir etwas vom Ufer entfernt waren, begannen unsere Boote eines nach dem anderen zu sinken: Sie wurden schwer versenkt. Soldaten schrien auf: \u201aHilfe!\u2018 Der Deutsche ist aufgewacht &#8211; feuerte auf uns mit Maschinengewehren, Artillerie, M\u00f6rsern.<br><br>Alle unsere M\u00e4nner, alle gemeinsam, begannen mit improvisierten Mitteln das Rudern zu beschleunigen. Bevor wir ein paar Meter vor dem Ziel waren, wurde unser Boot getroffen. Es blieb nichts anderes \u00fcbrig, als ans Ufer zu schwimmen. Ich hatte ein Telefonkabel hinter meinem G\u00fcrtel, um die Verbindung herzustellen. Wir sprangen an Land und gingen zum Angriff \u00fcber: \u201aHurra! F\u00fcr die Heimat! F\u00fcr Stalin!\u2018\u201c<sup>3<\/sup><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"http:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/3_Sa-Rodinu_1945-1024x681.jpg\" alt=\"Parole sowjetischer Truppen &quot;Sa Rodinu&quot; 1945\" class=\"wp-image-2005\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/3_Sa-Rodinu_1945-1024x681.jpg 1024w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/3_Sa-Rodinu_1945-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/3_Sa-Rodinu_1945-768x511.jpg 768w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/3_Sa-Rodinu_1945.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Die Parole \u201e\u0417\u0430 \u0420\u043e\u0434\u0438\u043d\u0443\u201c (F\u00fcr die Heimat) prangte bis vor kurzem an einer Fassade in Wien.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die russische Politikerin und Kinder\u00e4rztin Elena Bonner, die w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs als Krankenschwester in russischen Lazaretten arbeitete, vertrat in einem Interview mit der russischen Plattform snob.ru die gegenteilige Auffassung (deutsche \u00dcbersetzung):<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413;color:#ffffff\">\u201eIch war von Anfang bis Ende des Krieges in der Armee, und dann noch ein wenig danach, bis etwa Ende August 1945. Nicht im Hauptquartier, sondern unter den am meisten verwundeten Soldaten und Unteroffizieren der eigenen Armee. Und ich h\u00f6rte niemals von \u201aK\u00e4mpft f\u00fcr das Vaterland! K\u00e4mpft f\u00fcr Stalin!\u2018 Nicht ein einziges Mal! Ich schw\u00f6re bei meinen Kindern, Enkelkindern und Urenkelkindern. Nach dem Krieg empfand ich das als einen halben Witz, als sie uns die Verg\u00fcnstigungen entzogen.<br>[\u2026]<br>Auf der anderen Seite gab es einen Laternenpfahl. Und so kletterte der betrunkene Vanka auf die Stange und schrie: \u201aK\u00e4mpft f\u00fcr das Vaterland! K\u00e4mpft f\u00fcr Stalin!\u2018 Und von unten riefen ihm seine Freunde, ebenfalls betrunken, zu: \u201aK\u00e4mpft f\u00fcr das Vaterland! K\u00e4mpft f\u00fcr Stalin!\u2018 Und ich wei\u00df nicht, was diese zuf\u00e4llig \u00fcberlebenden Veteranen \u00fcberhaupt denken, warum sie nicht sagen: \u201aDas haben wir nicht gerufen! Wir riefen \u201aVerdammt!\u2018 Und die Verletzten schrieen \u201aMama!\u2018, wenn sie wie kleine Kinder erstarrt sind.\u2018<br>Sie k\u00e4mpften nicht f\u00fcr das Vaterland und nicht f\u00fcr Stalin, es gab einfach keinen Ausweg: Vorn sind die Deutschen, und hinten &#8211; der SMER\u0160.\u201c<sup>4<\/sup><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Die russischen Soldaten waren also laut Bonners Beobachtungen keineswegs so heimat- und stalinergeben, wie sie manchmal in der nationalen russischen Erinnerung dargestellt werden. Vielmehr verwendeten sie diesen Schlachtruf, weil sie keine andere Wahl hatten. Der SMER\u0160 war der Milit\u00e4rgeheimdienst der Sowjetunion, der sich nicht nur mit Spionageabwehr befasste, sondern auch die eigenen Soldaten unter die Lupe nahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich l\u00e4sst sich wohl sagen, dass es \u2013 ebenso wie auf deutscher Seite \u2013 fanatische Soldaten gab, die sich tats\u00e4chlich mit derlei Parolen in die Schlacht st\u00fcrzten, w\u00e4hrend andere auf Parolen und Schlachtrufe verzichteten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-black-color\">M\u00f6chtest Du Dich erkenntlich zeigen?<\/span> <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=6688\" data-type=\"page\" data-id=\"6688\">Hier hast Du die M\u00f6glichkeit dazu<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>1 o.V., Darstellung der denkw\u00fcrdigsten europ\u00e4ischen Weltereignisse vom Jahr 1789 bis auf unsere gegenw\u00e4rtigen Tage, Bd. 6 (Memmingen 1824), S. 125, online unter:<br><a href=\"https:\/\/books.google.at\/books?id=OfJlAAAAcAAJ&amp;hl=de&amp;pg=PA125#v=onepage&amp;q&amp;f=false\">https:\/\/books.google.at\/books?id=OfJlAAAAcAAJ&amp;hl=de&amp;pg=PA125#v=onepage&amp;q&amp;f=false<\/a> (16. Juni 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>2 Diese Meldung erschien am 23. Juni 1941, dem Tag nach der Kriegserkl\u00e4rung Deutschlands an die Sowjetunion in allen gro\u00dfen sowjetischen Zeitungen, zitiert nach: Philipp <em>B\u00fcrger<\/em>, Geschichte im Dienst f\u00fcr das Vaterland. Traditionen und Ziele der russl\u00e4ndischen Geschichtspolitik seit 2000 (Schnittstellen. Studien zum \u00f6stlichen und s\u00fcd\u00f6stlichen Europa 11, G\u00f6ttingen 2018), S. 81, online unter:<br><a href=\"https:\/\/books.google.at\/books?id=OOxfDwAAQBAJ&amp;lpg=PP1&amp;hl=de&amp;pg=PA81#v=onepage&amp;q&amp;f=false\">https:\/\/books.google.at\/books?id=OOxfDwAAQBAJ&amp;lpg=PP1&amp;hl=de&amp;pg=PA81#v=onepage&amp;q&amp;f=false<\/a> (16. Juni 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>3 \u0413\u0435\u0440\u043e\u0438 \u0441\u0442\u0440\u0430\u043d\u044b, \u041a\u0430\u043b\u0430\u0431\u0438\u043d&nbsp;\u0410\u043b\u0435\u043a\u0441\u0435\u0439 \u0418\u0432\u0430\u043d\u043e\u0432\u0438\u0447 (Helden des Landes, Alexej Iwanowitsch Kalabin), online unter (russisch):<br><a href=\"http:\/\/warheroes.ru\/hero\/hero.asp?Hero_id=2557\">http:\/\/warheroes.ru\/hero\/hero.asp?Hero_id=2557<\/a> (16. Juni 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>4 \u041f\u0435\u0440\u043c\u0441\u043a\u043e\u0435 \u043a\u0440\u0430\u0435\u0432\u043e\u0435 \u043e\u0442\u0434\u0435\u043b\u0435\u043d\u0438\u0435 \u043e\u0431\u0449\u0435\u0441\u0442\u0432\u0430 \u00ab\u041c\u0435\u043c\u043e\u0440\u0438\u0430\u043b\u00bb, \u0415\u043b\u0435\u043d\u0430 \u0411\u043e\u043d\u043d\u044d\u0440 \u043e \u0432\u043e\u0439\u043d\u0435 \u0438 \u043e \u0421\u0442\u0430\u043b\u0438\u043d\u0435 (Permer Regionalzweig der Gesellschaft &#8222;Memorial&#8220;, Elena Bonner \u00fcber den Krieg und Stalin), online unter (russisch):<br><a href=\"http:\/\/pmem.ru\/index.php?id=1578\">http:\/\/pmem.ru\/index.php?id=1578<\/a> (16. Juni 2020)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\"><br><strong>Interne Links:<\/strong><br><br>Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:<br><a href=\"http:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343\">http:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel wurde am 16. Juni 2020 \u00fcberarbeitet. Die Parole \u201e\u0417\u0430 \u0420\u043e\u0434\u0438\u043d\u0443!\u201c (Za Rodinu!) bedeutet \u201eF\u00fcr die Heimat!\u201c und trat meist mit dem Zusatz \u201e\u0437\u0430 \u0421\u0442\u0430\u043b\u0438\u043d\u0430!\u201c (za Stalina) auf \u2013 \u201eF\u00fcr Stalin!\u201c. Sie begleitete die sowjetischen Truppen quasi allgegenw\u00e4rtig bei ihrem Kampf gegen das Deutsche Reich. 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