{"id":12436,"date":"2021-01-18T17:40:11","date_gmt":"2021-01-18T16:40:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=12436"},"modified":"2021-02-20T20:42:44","modified_gmt":"2021-02-20T19:42:44","slug":"1943-bis-1945-im-tiefen-keller-sitze-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=12436","title":{"rendered":"1943 bis 1945 \u2013 Im tiefen Keller sitze ich"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Im heutigen Artikel geht es um eine sehr gut erhaltene Beschriftung im Luftschutzkeller des Sankt P\u00f6ltener Rathauses. Sie wurde zur Aufrechterhaltung der Motivation und Beruhigung der Menschen aufgetragen, die f\u00fcr die Dauer eines Luftangriffs hier unten Zuflucht fanden. Anhand dieses Vierzeilers zeige ich, auf welchen Ursprung der Reim zur\u00fcckgeht und welche Rolle das Singen im Nationalsozialismus spielte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Der Spruch und sein Ursprung<\/h3>\n\n\n\n<p><br>Vermutlich zwischen 1943 und 1945, als das heutige <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=490#name\">\u00d6sterreich<\/a> in die Reichweite der alliierten Bomber geriet, wurde an der Wand dieses Luftschutzkellers der unterhalb zitierte Reim aufgetragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eIm tiefen Keller sitze ich<br>und tue fr\u00f6hlich singen<br>denn alle Feinde k\u00f6nnen mich \u2026<br>nicht aus der Fassung bringen\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der offensichtliche Sinn des Spruches war es, die mentale St\u00e4rke und Moral der Menschen im Schutzraum w\u00e4hrend der Fliegerangriffe zu festigen. Dazu bediente man sich der ersten Zeile eines deutschen Volksliedes, die den Vers einleitete.<\/p>\n\n\n\n<p>1802 komponierte Ludwig Fischer (1745\u20131825) das Trinklied \u201eIm k\u00fchlen Keller sitz ich hier\u201c<sup>1<\/sup>. Den Text dazu dichtete Karl Friedrich M\u00fcchler (1763\u20131857). Im Laufe der Zeit wandelte sich der Text vom k\u00fchlen zum tiefen Keller:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eIm tiefen Keller sitz ich hier<br>bei einem Fass voll Reben<br>bin frohen Muts und lasse mir<br>vom allerbesten geben.<br>Der K\u00fcfer zieht den Heber vor<br>gehorsam meinem Winke<br>reicht mir das Glas, ich halt\u00b4s empor<br>und trinke, trinke, trinke\u201c<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gab es bereits 1939 eine Zeitungsmeldung, die den Menschen den richtigen urspr\u00fcnglichen Vers in Erinnerung rufen wollte. Im Neuen Wiener Tagblatt vom 17. Februar jenes Jahres hie\u00df es:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eDie guten Menschen, die singen, singen zum Beispiel: \u201aIm tiefen Keller sitz&#8216; ich hier\u2018, besonders wenn sie mit einem kellertiefen Ba\u00df begabt sind. In Wirklichkeit beginnt das bekannte Trinklied des sonst unbekannten Karl M\u00fcchler: \u201aIm k\u00fchlen Keller sitz&#8216; ich hier.\u2018\u201c<sup>3<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser ersten Zeile des Reims wurde also versucht, den Menschen das Gef\u00fchl eines unbeschwerten Moments unter Freunden zu vermitteln, indem sie die Erinnerung an einen geselligen Abend mit Wein und Gesang wachrief. Das Ziel dieser Zeile bestand zweifellos darin, den Menschen die Anspannung und Angst zu nehmen. Wie gut das in einem \u00fcberf\u00fcllten Luftschutzkeller zwischen schwitzenden, jammernden, panischen Menschen und angesichts der lebensbedrohlichen Umst\u00e4nde funktionierte, sei dahingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der zweiten Zeile \u2013 \u201eund tue fr\u00f6hlich singen\u201c \u2013 bezog sich der Verfasser bereits auf eine der wichtigsten sozialen St\u00fctzen des Nationalsozialismus, auf den Gesang als starkes bindendes und verbindendes Element der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Der Wert des Gesangs im Nationalsozialismus<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><br>Die Reichsmusikkammer<\/h4>\n\n\n\n<p><br>Am 22. September 1933 wurde in Berlin die Reichskulturkammer (RKK) gegr\u00fcndet, als deren Pr\u00e4sident Joseph Goebbels fungierte. Aufgabe der RKK war es,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201edurch Zusammenwirken der Angeh\u00f6rigen aller von ihr umfa\u00dften T\u00e4tigkeitszweige unter der F\u00fchrung des Reichsministers f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung und Propaganda die deutsche Kultur in Verantwortung f\u00fcr Volk und Reich zu f\u00f6rdern, die wirtschaftlichen und sozialen Angelegenheiten der Kulturberufe zu regeln und zwischen allen Bestrebungen der ihr angeh\u00f6renden Gruppen einen Ausgleich zu bewirken.\u201c<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Kammern, die f\u00fcr verschiedene Bereiche der Kunst und Kultur zust\u00e4ndig waren, wurden in der Folge gegr\u00fcndet:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Reichsschrifttumskammer<\/li><li>Reichspressekammer<\/li><li>Reichsrundfunkkammer<\/li><li>Reichstheaterkammer<\/li><li>Reichsmusikkammer<\/li><li>Reichskammer der bildenden K\u00fcnste<\/li><li>Die siebente Kammer war die Reichsfilmkammer. Zu ihrer Schaffung wurde die bereits bestehende provisorische Filmkammer in Reichsfilmkammer umbenannt und in die RKK eingegliedert.<sup>5<\/sup><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Jede und jeder Kunstschaffende, aber auch jene Menschen, die in verwandten Berufen arbeiteten, wie etwa Instrumentenbauer, Kunsth\u00e4ndler, Restauratoren und \u00e4hnliche, mussten in einer der sieben Kammern Mitglied werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eWer bei der Erzeugung, der Wiedergabe, der geistigen oder technischen Verarbeitung, der Verbreitung, der Erhaltung, dem Absatz oder der Vermittlung des Absatzes von Kulturgut mitwirkt, mu\u00df Mitglied der Einzelkammer sein, die f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit zust\u00e4ndig ist.\u201c<sup>6<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Da die Mitgliedschaft an einen Ariernachweis gebunden war, verloren j\u00fcdische Betroffene mit einem Schlag ihre Existenzgrundlage. Auch K\u00fcnstler, die Werke schufen, welche im Werteger\u00fcst der Nationalsozialisten als entartet galten, waren von der Mitgliedschaft ausgeschlossen. Davon waren s\u00e4mtliche Kunstschaffenden betroffen, die dem Expressionismus, Impressionismus, Dadaismus, Surrealismus, Kubismus, Fauvismus oder der Neuen Sachlichkeit angeh\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wortlaut der nationalsozialistischen Gesetzgebung las sich der entsprechende Paragraph so:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eDie Aufnahme in eine Einzelkammer kann abgelehnt oder ein Mitglied ausgeschlossen werden, wenn Tatsachen vorliegen, aus denen sich ergibt, da\u00df die in Frage kommende Person die f\u00fcr die Aus\u00fcbung ihrer T\u00e4tigkeit erforderliche Zuverl\u00e4ssigkeit und Eignung nicht besitzt.\u201c<sup>7<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte der sieben Kammern der RKK war die Reichsmusikkammer (RMK). Ihr stand der Pr\u00e4sident vor \u2013 von ihrer Gr\u00fcndung bis 1935 niemand geringerer als der bekannte Opernkomponist Richard Strauss. Sein Nachfolger war bis Kriegsende der Dirigent Peter Raabe. Dem Pr\u00e4sidenten der RMK unterstanden die Organisationen, \u00c4mter und Abteilungen, die f\u00fcr die verschiedenen Mitglieder zust\u00e4ndig waren. Das waren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Berufsstand der deutschen Komponisten<\/li><li>Reichsmusikerschaft<\/li><li>Amt f\u00fcr Konzertwesen<\/li><li>Amt f\u00fcr Chorwesen und Volksmusik<\/li><li>Deutscher Musikalien-Verleger-Verein<\/li><li>Arbeitsgemeinschaften f\u00fcr das Musikinstrumentengewerbe<\/li><li>Reichsverband der deutschen Musikalienh\u00e4ndler<sup>8<\/sup><\/li><\/ul>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"797\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_2_Im-tiefen-Keller.jpg\" alt=\"Blick in den Luftschutzraum des Rathauses\" class=\"wp-image-12438\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_2_Im-tiefen-Keller.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_2_Im-tiefen-Keller-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_2_Im-tiefen-Keller-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Blick in den Luftschutzraum des Rathauses \u2013 auch die anderen Beschriftungen neben dem Reim stammen aus der Zeit, als der Keller Luftschutzzwecken diente: Links ist ein schwarzer Pfeil mit Hinweis auf den Notausstieg zu erkennen.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><br>Musik im Nationalsozialismus<\/h4>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><br>Walzer, Jazz und Volksmusik<\/h5>\n\n\n\n<p><br>Die Reichsmusikkammer bestimmte nun \u2013 ab 11. Juni 1938 auch im <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=490#name\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=490#name\">Land \u00d6sterreich<\/a> \u2013 welche Musik geh\u00f6rt werden durfte und welche nicht. Ihre Aufgabe war es, sogenannte entartete Musik zu verbieten, worunter in erster Linie der aus den USA nach Europa schwappende Jazz und Swing sowie Musik j\u00fcdischer K\u00fcnstler und teilweise auch Unterhaltungsmusik verstanden wurde. Zust\u00e4ndig f\u00fcr die F\u00fchrung der entsprechenden Listen gem\u00e4\u00df der \u201eAnordnung \u00fcber unerw\u00fcnschte und sch\u00e4dliche Musik\u201c vom 18. Dezember 1937 war die eigens ins Leben gerufene Reichsmusikpr\u00fcfstelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gesellschaft f\u00fcr Musikwissenschaft brachte in die Diskussion, welche Musik gut und welche sch\u00e4dlich w\u00e4re, die Idee der NS-Rassenlehre ein. Der Stil jedes Volkes erg\u00e4be sich aus seinen Erbanlagen lautete zusammengefasst die pseudowissenschaftliche Theorie. Der Einfluss des Jazz in der deutschen Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde, so die Nationalsozialisten, den Niedergang der deutschen Rasse hervorrufen, der durch die Vermischung der fremden Einfl\u00fcsse mit den deutschen Genen entst\u00fcnde. Was heute als v\u00f6llig absurd erscheint, war die tats\u00e4chliche letztendlich von oben verordnete haneb\u00fcchene Realit\u00e4t einer ganzen Nation bis 1945.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Umkehrschluss galten nur jene Musikst\u00fccke als rassisch einwandfrei, deren Struktur und Inspiration auf den Volksliedern alter Zeiten aufbaute. Allzu Abstraktes, das mehr den Geist als das Tanzbein stimulierte, war verp\u00f6nt und wurde verboten \u2013 der Walzer hatte den Jazz zu ersetzen. Doch auch mit der Kirche und damit Glaubensfragen stand der Nationalsozialismus auf Kriegsfu\u00df. So wurden Lieder, deren Texte dem Geistlichen zuzuordnen waren, auf die Liste gesetzt \u2013 ab 1941 wurden in den Radios keine Weihnachtslieder mehr gespielt. \u00c4hnlich ging es den in Mundart verfassten Liedern und jenen mit sozialistischem Arbeiterhintergrund. Sie waren unerw\u00fcnscht und wurden durch neue hochdeutsch gesungene Lieder ausgetauscht, die im besten Fall mit den Motiven Kampf und germanische Glorie behaftet waren. Auf diese Weise wurde der Volksmusik ihre urspr\u00fcngliche harmlose Seele genommen und als Instrument der Propaganda missbraucht, das die geistige Gleichschaltung der Bev\u00f6lkerung vorantreiben sollte.<sup>9<\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"797\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_1_Im-tiefen-Keller.jpg\" alt=\"Markiger Spruch im Luftschutzraum\" class=\"wp-image-12437\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_1_Im-tiefen-Keller.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_1_Im-tiefen-Keller-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/62_1_Im-tiefen-Keller-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Wandbeschriftung im Luftschutzkeller<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><br>Gemeinschaft durch Gesang f\u00fcr den \u201eF\u00fchrer\u201c<\/h5>\n\n\n\n<p><br>Kinder und Jugendliche sind die gro\u00dfen Bev\u00f6lkerungsgruppen, die am leichtesten mit einfachen Mitteln zu beeinflussen sind. Das wussten auch die Nationalsozialisten und wandten das Mittel Gesang in allgegenw\u00e4rtiger Form zur politischen Erziehung und ideologischen \u00dcberzeugung der unter 18-J\u00e4hrigen an. Egal ob Jungvolk, Hitlerjugend, Bund deutscher M\u00e4del oder Reichsarbeitsdienst, es wurde st\u00e4ndig gesungen. Dadurch entstand eine Gemeinschaft, deren unkritischste Geister noch heute dieser Zeit nachtrauern, weil es so romantisch war, als man bei der Heuarbeit, am Lagerfeuer, beim Marschieren oder beim Verbrennen von B\u00fcchern gemeinsam Lieder sang.<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4dchen wurden im Zuge dieser \u201eGesangserziehung\u201c durch Kinder- und Wiegenlieder auf die ihnen zugedachte Rolle in der NS-Gesellschaft als M\u00fctter und treusorgende Ehefrauen vorbereitet. Buben hingegen wurden mit Marsch- und Kampfliedern auf die Schiene zum harten, f\u00fchrertreuen Soldaten gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ziel des omnipr\u00e4senten Dauersangs war die Huldigung und Verherrlichung Adolf Hitlers, der stets \u00fcber allem schwebte. 1935 erschien das Liederbuch \u201eSingkamerad\u201c zur Verwendung an Schulen. Darin fanden sich ganze 15 auf den \u201eF\u00fchrer\u201c zugeschnittene Lieder, mittels derer Hitler glorifiziert werden konnte. Am besten wirkte diese Form der Propaganda dann, wenn die ganze Klasse unter den Taktschw\u00fcngen des Lehrpersonals im Gleichklang vibrierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer tiefer drang die Propaganda des Nationalsozialismus in das deutsche Liedgut ein, sodass das Singen bald seinen Stellenwert als pers\u00f6nliche Freude und Zeitvertreib verlor und stattdessen den von obersten Beh\u00f6rden her installierten politischen Zweck der mehr oder weniger auff\u00e4lligen Beeinflussung einnahm. Die Reichsjugendf\u00fchrung konzipierte auf dieser Basis sogenannte Kern- und Pflichtlieder, die massenhaft in der Bev\u00f6lkerung verbreitet wurden, um sicherzustellen, dass alle die gleichen Lieder sangen. Sie bildeten den Kern deutscher Feierlieder, die nun entsprechend den zahlreichen feierlichen Anl\u00e4ssen angestimmt wurden.<sup>10<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang Stumme, der Leiter der Abteilung Musik im Kulturamt der Reichsjugendf\u00fchrung fasste 1936 sein Bestreben so zusammen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eUnser Volk soll bis zum letzten Mann mit uns die neuen Lieder des Volkes singen.\u201c<sup>11<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die nationalsozialistisch indoktrinierten Kinder und Jugendlichen sollten bei all ihren Aktivit\u00e4ten unter st\u00e4ndigem Gesang die Erwachsenen dazu animieren, mitzumachen und mitzusingen, um so eine gro\u00dfe in die gleiche Richtung fokussierte Gemeinschaft zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch die Erwachsenen sangen, vor allem in den Organisationen und Wehrformationen wie der SA oder SS. Der Offizier Friedrich von Rabenau textete 1934 sogar das weltweit beliebte Weihnachtslied \u201eStille Nacht, Heilige Nacht\u201c auf Hitler um:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eAlles schl\u00e4ft, einsam wacht<br>Adolf Hitler f\u00fcr Deutschlands Geschick,<br>F\u00fchrt uns zur Gr\u00f6\u00dfe, zum Ruhm und zum Gl\u00fcck,<br>Gibt uns Deutschen die Macht.\u201c<sup>12<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Von Rabenau erfuhr jedoch in den folgenden Jahren Erkenntnis und L\u00e4uterung. Er schloss sich dem Widerstand an, wurde verhaftet und kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Flossenb\u00fcrg ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Scherz, der 1938 in den Innsbrucker Nachrichten abgedruckt wurde, nahm in hellseherischer Weise die Entwicklung des Bombenkrieges und die Wandbeschriftung im Sankt P\u00f6ltener Rathaus vorweg:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eIm letzten Hofgartenkonzerte dirigierte Direktor K\u00f6hler ein Liederpotpourri. Als das alte Lied: \u201aIm tiefen Keller sitz&#8216; ich hier\u2018 aufklang, da summte ein Funktion\u00e4r des Luftschutzes halblaut mit: \u201aIm Luftschutzkeller sitz&#8216; ich hier \u2026\u2018\u201c<sup>13<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Sankt P\u00f6lten wurde 1944 und 1945 zehn Mal aus der Luft angegriffen, 591 Menschen starben.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Vielen Dank an Herrn Mag. Thomas L\u00f6sch vom Stadtarchiv Sankt P\u00f6lten f\u00fcr die Besichtigungsm\u00f6glichkeit!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-black-color\">M\u00f6chtest Du Dich erkenntlich zeigen?<\/span> <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=6688\" data-type=\"page\" data-id=\"6688\">Hier hast Du die M\u00f6glichkeit dazu<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>1 Lieder Archiv, Im k\u00fchlen Keller sitz ich hier, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.lieder-archiv.de\/im_kuehlen_keller_sitz_ich_hier-notenblatt_502280.html\">https:\/\/www.lieder-archiv.de\/im_kuehlen_keller_sitz_ich_hier-notenblatt_502280.html<\/a> (14. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>2 Volksliederarchiv, Im tiefen Keller sitz ich hier, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.volksliederarchiv.de\/im-tiefen-keller-sitz-ich-hier\/\">https:\/\/www.volksliederarchiv.de\/im-tiefen-keller-sitz-ich-hier\/<\/a> (14. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>3 Artikel \u201eWorte, denen Fl\u00fcgel wuchsen\u201c, in: Neues Wiener Tagblatt, 17. Februar 1939, S. 14, online unter:<br><a href=\"https:\/\/anno.onb.ac.at\/cgi-content\/anno?aid=nwg&amp;datum=19390217&amp;seite=14\">https:\/\/anno.onb.ac.at\/cgi-content\/anno?aid=nwg&amp;datum=19390217&amp;seite=14<\/a> (14. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>4 Erste Verordnung zur Durchf\u00fchrung des Reichskulturkammergesetzes, 1. November 1933, Paragraph 3, online unter:<br><a href=\"https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=dra&amp;datum=19330004&amp;seite=00000797\">https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=dra&amp;datum=19330004&amp;seite=00000797<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>5 Reichskulturkammergesetz, 22. September 1933, Paragraph 5, online unter:<br><a href=\"https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=dra&amp;datum=19330004&amp;seite=00000661\">https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=dra&amp;datum=19330004&amp;seite=00000661<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>6 Erste Verordnung zur Durchf\u00fchrung des Reichskulturkammergesetzes, 1. November 1933, Paragraph 4, online unter:<br><a href=\"https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=glo&amp;datum=1938&amp;page=631&amp;size=45\">https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=glo&amp;datum=1938&amp;page=631&amp;size=45<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>7 Erste Verordnung zur Durchf\u00fchrung des Reichskulturkammergesetzes, 1. November 1933, Paragraph 10, online unter:<br><a href=\"https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=glo&amp;datum=1938&amp;page=631&amp;size=45\">https:\/\/alex.onb.ac.at\/cgi-content\/alex?aid=glo&amp;datum=1938&amp;page=631&amp;size=45<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>8 Organigramm der Reichsmusikkammer, online unter:<br><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/75\/Reichsmusikkammer_Organigramm_1934.png\">https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/75\/Reichsmusikkammer_Organigramm_1934.png<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>9 Hellmuth <em>Vensky<\/em>, Herzilein, Du darfst ruhig traurig sein, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2011-03\/volkslieder-ns-zeit\">https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2011-03\/volkslieder-ns-zeit<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>10+11 Wolfgang <em>Stegemann<\/em>, Nationalsozialisten lie\u00dfen bei jedem Anlass singen \u2013 Lieder dienten der Indoktrination, der Verg\u00f6ttlichung des F\u00fchrers und f\u00f6rderten den Durchhaltewillen, online unter:<br><a href=\"http:\/\/www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de\/2012\/05\/28\/nationalsozialisten-liesen-bei-jedem-anlass-singen-lieder-dienten-der-indoktrination-der-vergottlichung-des-fuhrers-und-forderten-den-durchhaltewillen\/\">http:\/\/www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de\/2012\/05\/28\/nationalsozialisten-liesen-bei-jedem-anlass-singen-lieder-dienten-der-indoktrination-der-vergottlichung-des-fuhrers-und-forderten-den-durchhaltewillen\/<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>12 Florian <em>Oberhummer<\/em>, &#8222;Stille Nacht&#8220; politisch instrumentalisiert \u2013 auch von Adolf Hitler, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.sn.at\/salzburg\/kultur\/stille-nacht-politisch-instrumentalisiert-auch-von-adolf-hitler-61645711\">https:\/\/www.sn.at\/salzburg\/kultur\/stille-nacht-politisch-instrumentalisiert-auch-von-adolf-hitler-61645711<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>13 Rubrik \u201eScherze aus Innsbruck\u201c, in: Innsbrucker Nachrichten, 24. September 1938, S. 12, online unter:<br><a href=\"https:\/\/anno.onb.ac.at\/cgi-content\/anno?aid=ibn&amp;datum=19380924&amp;seite=12\">https:\/\/anno.onb.ac.at\/cgi-content\/anno?aid=ibn&amp;datum=19380924&amp;seite=12<\/a> (14. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Links und Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Gedenkst\u00e4tte Deutscher Widerstand, Friedrich von Rabenau, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.gdw-berlin.de\/vertiefung\/biografien\/personenverzeichnis\/biografie\/view-bio\/friedrich-von-rabenau\/\">https:\/\/www.gdw-berlin.de\/vertiefung\/biografien\/personenverzeichnis\/biografie\/view-bio\/friedrich-von-rabenau\/<\/a> (16. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Neue Deutsche Biographie, Bd. 5 (1961), Ludwig Johann Ignaz Fischer, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz16285.html\">https:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz16285.html<\/a> (14. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Neue Deutsche Biographie, Bd. 18 (1997), Karl Friedrich M\u00fcchler, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz65927.html\">https:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz65927.html<\/a> (14. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Kalliope-Verbund, Wolfgang Stumme, online unter:<br><a href=\"https:\/\/kalliope-verbund.info\/de\/eac?eac.id=134533860\">https:\/\/kalliope-verbund.info\/de\/eac?eac.id=134533860<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Christina <em>Hoor<\/em>, Die Reichskulturkammer, LeMO \u2013 Lebendiges Museum Online, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/kunst-und-kultur\/reichskulturkammer.html\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/kunst-und-kultur\/reichskulturkammer.html<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Axel <em>Jockwer<\/em>, Unterhaltungsmusik im Dritten Reich (Dissertation Konstanz 2004), S. 128, online unter:<br><a href=\"http:\/\/kops.uni-konstanz.de\/bitstream\/handle\/123456789\/3454\/Jockwer.pdf\">http:\/\/kops.uni-konstanz.de\/bitstream\/handle\/123456789\/3454\/Jockwer.pdf<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang <em>Stegemann<\/em>, Nationalsozialisten lie\u00dfen bei jedem Anlass singen \u2013 Lieder dienten der Indoktrination, der Verg\u00f6ttlichung des F\u00fchrers und f\u00f6rderten den Durchhaltewillen, online unter:<br><a href=\"http:\/\/www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de\/2012\/05\/28\/nationalsozialisten-liesen-bei-jedem-anlass-singen-lieder-dienten-der-indoktrination-der-vergottlichung-des-fuhrers-und-forderten-den-durchhaltewillen\/\">http:\/\/www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de\/2012\/05\/28\/nationalsozialisten-liesen-bei-jedem-anlass-singen-lieder-dienten-der-indoktrination-der-vergottlichung-des-fuhrers-und-forderten-den-durchhaltewillen\/<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p>Hellmuth <em>Vensky<\/em>, Herzilein, Du darfst ruhig traurig sein, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2011-03\/volkslieder-ns-zeit\">https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2011-03\/volkslieder-ns-zeit<\/a> (15. J\u00e4nner 2021)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#18a211\"><br><strong>Interne Links:<\/strong><br><br>Mehr zum Jahr 1938 nach dem \u201eAnschluss\u201c:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=453\" data-type=\"page\" data-id=\"453\">1938 nach dem \u201eAnschluss\u201c<\/a><br><br>Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=1343\" data-type=\"page\" data-id=\"1343\">1939 bis Kriegsende<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im heutigen Artikel geht es um eine sehr gut erhaltene Beschriftung im Luftschutzkeller des Sankt P\u00f6ltener Rathauses. Sie wurde zur Aufrechterhaltung der Motivation und Beruhigung der Menschen aufgetragen, die f\u00fcr die Dauer eines Luftangriffs hier unten Zuflucht fanden. Anhand dieses Vierzeilers zeige ich, auf welchen Ursprung der Reim zur\u00fcckgeht und welche Rolle das Singen im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":12437,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"image","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,13,18,48,323],"tags":[780,779,781,785,777,782,461,771,776,773,178,784,791,790,459,788,786,787,778,775,789,783,774],"class_list":["post-12436","post","type-post","status-publish","format-image","has-post-thumbnail","hentry","category-1938-1945","category-behoerden","category-luftschutz-zivil","category-parole","category-zweiter-weltkrieg","tag-bringen","tag-fassung","tag-feinde","tag-fischer","tag-froehlich","tag-gesang","tag-goebbels","tag-heilige","tag-ich","tag-im","tag-keller","tag-muechler","tag-musik","tag-nacht","tag-propaganda","tag-rabenau","tag-reichskulturkammer","tag-reichsmusikkammer","tag-singen","tag-sitze","tag-stille","tag-stumme","tag-tiefen","post_format-post-format-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12436","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12436"}],"version-history":[{"count":168,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12436\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13555,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12436\/revisions\/13555"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12437"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12436"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12436"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12436"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}