{"id":11127,"date":"2020-09-21T22:14:34","date_gmt":"2020-09-21T20:14:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=11127"},"modified":"2021-02-21T01:42:47","modified_gmt":"2021-02-21T00:42:47","slug":"1934-bis-1938-der-doppeladler-in-den-bergen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=11127","title":{"rendered":"1934 bis 1938 \u2013 Der Doppeladler in den Bergen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\">Dieser Artikel wurde am 20. Februar 2021 \u00fcberarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Am steilen Ende eines Osttiroler Tales steht die kleine wei\u00dfe Wallfahrtskirche Maria Schnee am Hang eines Berges. Im September 2019 besuchte ich die Gegend und die Eindr\u00fccke sind unvergessen: Die Luft war frisch und klar, eine Mischung aus schwindendem Sommer und nahendem Herbst. Die Berge sind hoch, die Wiesen saftig \u2013 und mitten drin h\u00e4ngt eine Tafel, die man als Wanderer oder Einkehrsuchender nicht unbedingt an dieser Stelle erwartet. Sie besteht aus drei Teilen: Links und rechts sind <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=1232\" data-type=\"post\" data-id=\"1232\">Kruckenkreuze<\/a> angeordnet, in der Mitte prangt der nimbierte Doppeladler des austrofaschistischen St\u00e4ndestaats. Welche Geschichte hinter diesem speziellen Adler steckt und was seine Heiligenscheine bedeuten, erkl\u00e4rt dieser Artikel.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Der Doppeladler des St\u00e4ndestaats<\/h3>\n\n\n\n<p><br>Im M\u00e4rz 1933 setzte Engelbert Dollfu\u00df die parlamentarische Demokratie au\u00dfer Kraft und regierte ab diesem Zeitpunkt autorit\u00e4r auf Grundlage des Kriegswirtschaftlichen Erm\u00e4chtigungsgesetzes von 1917. <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=3699\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=3699\">Wie schon an anderer Stelle beschrieben<\/a>, f\u00fchrte er die Errichtung eines st\u00e4ndisch geordneten Staates im Schilde, der auf der Enzyklika &#8222;Quadragesimo anno&#8220; von Papst Pius XI. beruhen sollte. Mit diesem Vorhaben war eine v\u00f6llige Neuordnung des Staates verbunden, was die Einf\u00fchrung eines eigenen Wappens bedingte.<\/p>\n\n\n\n<p>1934 kam es deshalb zur R\u00fcckbesinnung auf alte \u00f6sterreichische Werte, die Dollfu\u00df durch die Wiederverwendung des Doppeladlers als Wappentier des Kaisertums zum Ausdruck bringen wollte. In Artikel 3, Absatz 2 der 1934 eingesetzten Maiverfassung hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eDas Staatswappen \u00d6sterreichs besteht aus einem frei schwebenden, doppelk\u00f6pfigen, schwarzen, golden nimbierten und ebenso gewaffneten, rotbezungten Adler, dessen Brust mit einem roten, von einem silbernen Querbalken durchzogenen Schilde belegt ist.\u201c<sup>1<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Kontinuit\u00e4t des Adlers als Wappentier l\u00e4sst sich bis zu den R\u00f6mern zur\u00fcckverfolgen, wo Feldzeichen der r\u00f6mischen Legionen mit einem eink\u00f6pfigen Adler best\u00fcckt waren. Im Heiligen R\u00f6mischen Reich war es dann im 15. Jahrhundert Kaiser Sigismund, der den Doppeladler zum Wappentier des Reiches erkor. Da in der Folge die Habsburger \u00fcber Jahrhunderte hinweg die Kaiserw\u00fcrde innehatten, transformierte sich der Doppeladler als Wappentier des Reiches zu jenem des Geschlechts \u2013 der Doppeladler war (und ist) somit untrennbar mit den Habsburgern verbunden. Kaiser Franz I., der das Kaisertum \u00d6sterreich 1804 gegr\u00fcndet hatte und 1806 das Heilige R\u00f6mische Reich aufl\u00f6ste, setzte diese Tradition fort und bestimmte einen nimbierten \u2013 mit einem Heiligenschein versehenen \u2013 Doppeladler als Wappentier des Kaisertums \u00d6sterreich. Diese Nimbierung war Ausdruck der p\u00e4pstlichen Segnung und Kr\u00f6nung eines K\u00f6nigs zum Kaiser.<\/p>\n\n\n\n<p>Solch ein nimbierter Doppeladler musste es auch sein, der 130 Jahre nach Kaiser Franz I. den St\u00e4ndestaat von Dollfu\u00df repr\u00e4sentieren sollte. Die Nimbierung erf\u00fcllte f\u00fcr Dollfu\u00df den besonderen Zweck, damit auf die katholische Komponente seiner Politik hinzuweisen. Parallel zur Wiedereinsetzung der Heiligenscheine, die schon seit der Aufl\u00f6sung des Heiligen R\u00f6mischen Reiches 1806 nicht mehr zur Anwendung gekommen waren, wurden die Symbole der Stadtmauerkrone, der Sichel und des Hammers aus dem Wappen entfernt. Bedenkt man nun, dass Dollfu\u00df einen St\u00e4ndestaat errichten wollte, so verwundert es, dass er in seinem Eifer, ein neues Wappen zu kreieren, just jene Elemente daraus entfernte, die die St\u00e4nde symbolisierten: Die Stadtmauerkrone war f\u00fcr das B\u00fcrgertum, die Sichel f\u00fcr die Bauern und der Hammer f\u00fcr die Arbeiter gestanden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"797\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kirche.jpg\" alt=\"In der Idylle eines abgelegenen Tales haben sich Symbole und Zeichen des Austrofaschismus erhalten.\" class=\"wp-image-11128\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kirche.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kirche-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kirche-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>In der Idylle eines abgelegenen Tales haben sich Symbole und Zeichen des Austrofaschismus erhalten.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Doppeladler und Kruckenkreuz in der Idylle Osttirols<\/h3>\n\n\n\n<p><br>Einer der Doppeladler, die den austrofaschistischen St\u00e4ndestaat symbolisieren, ist an einem Haus des Gebets und der inneren Einkehr erhalten geblieben. Er h\u00e4ngt dort wie ein Dekorationselement unter Blumenschmuck. Der ausl\u00e4ndische \u2013 und wohl auch so mancher inl\u00e4ndische \u2013 Tourist, der die Symbole nicht kennt, erf\u00e4hrt nicht, ob diese Tafel als mahnendes Relikt hier h\u00e4ngt, das den Betrachter dazu auffordert, nie wieder Faschismus zuzulassen oder ob es sich um ein deplatziertes \u00dcberbleibsel ruhmloser \u00f6sterreichischer Geschichte handelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-background\" style=\"background-color:#404649\">Exkurs:<br>Die unter der Tafel angebrachte Information beschr\u00e4nkt sich auf zwei Abs\u00e4tze, die bei weitem nicht ausreichen, um die Vorg\u00e4nge, die zur Einsetzung dieser Symbole gef\u00fchrt haben und ihre Folgen f\u00fcr die \u00f6sterreichische Demokratie zu beschreiben, geschweige denn zu erkl\u00e4ren. Dieses Informationsdefizitsyndrom findet man \u00fcberwiegend bei baulichen oder anderen Resten der n\u00e4heren Zeitgeschichte. Ist die emotionale Distanz zum damaligen Geschehen noch nicht gro\u00df genug, so h\u00fcllen sich die Verantwortlichen gerne in Schweigen oder beliebig interpretierbare Aussagen. Das betrifft nicht nur Osttirol, sondern ganz \u00d6sterreich, wo etwa in Wien nicht einmal die gro\u00dfen weithin sichtbaren Flakt\u00fcrme mit erkl\u00e4renden Tafeln ausgestattet sind.<br>Exkurs Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Geschichte dieser Tafel mit dem Doppeladler und den beiden Kruckenkreuzen l\u00e4sst sich Folgendes herausfinden:<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1930er-Jahren war Vinzenz Schaller Ortsvorsteher in Kalkstein. Damit die Schulkinder vor allem im Winter nicht immer den beschwerlichen Weg hinunter nach Villgraten bew\u00e4ltigen mussten, richtete er damals einen Unterrichtsraum ein, den er dem Bundeskanzler widmete. So wurde diese kleine Notschule unter dem Namen Dollfu\u00df-Schule bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um seiner politischen \u00dcberzeugung Nachdruck zu verleihen, lie\u00df er zum Andenken an den ermordeten Bundeskanzler von den \u201eKrahkouflern\u201c \u2013 vermutlich der Familie Krahkofler \u2013 die unten gezeigte Tafel anfertigen und montierte sie an der Schulwand. Gleich nach dem Anschluss nahm er sie jedoch wieder ab und versteckte sie zuhause hinter einer Truhe. Erst im Juli 1945 brachte er sie wieder am alten Platz an.<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"797\" src=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kruckenkreuz.jpg\" alt=\"Der nimbierte Adler des St\u00e4ndestaats flankiert von den Kruckenkreuzen der Vaterl\u00e4ndischen Front\" class=\"wp-image-11129\" srcset=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kruckenkreuz.jpg 1200w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kruckenkreuz-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.worteimdunkel.at\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/51_Doppeladler_Kruckenkreuz-768x510.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><figcaption>Der nimbierte Adler des St\u00e4ndestaats flankiert von den Kruckenkreuzen der Vaterl\u00e4ndischen Front<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><br>Vinzenz Schaller \u2013 \u201eIch werde nicht demjenigen die Hand k\u00fcssen, der uns zu Bettlern gemacht hat.\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p><br>Am Beispiel des Vinzenz Schaller sieht man also, dass es in \u00d6sterreich gar nicht so leicht ist, schwarz oder wei\u00df zu denken. Denn einerseits hatte er gegen den autorit\u00e4r-faschistisch regierenden Kanzler Dollfu\u00df keine Einw\u00e4nde und sogar eine Schule nach ihm benannt. Doch andererseits hat er den Eid auf Hitler und somit dessen Nationalsozialismus verweigert. Die Dollfu\u00df-Diktatur war zwar tats\u00e4chlich um ein Vielfaches milder als jene von Hitler, dennoch war seine Regierungszeit eine nicht zu leugnende Form des Faschismus. F\u00fcr Teile der Bev\u00f6lkerung, die die Monarchie noch in ihrem Denken trugen, stellte das Dollfu\u00dfregime die Fortsetzung des alleinherrschenden Regenten dar, der \u00fcberdies dem katholischen Glauben zu in der Verfassung verankerter Kraft und Pr\u00e4senz verhalf. Die Zitate im folgenden Text stammen aus einem Bericht von Vinzenz Schaller.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eUnd auch, wie dann der Krieg ausgegangen ist \u2013 die Schmach, die ein Heer dann in Kauf nehmen mu\u00dfte, wo unsere Soldaten, die f\u00fcr Gott, Kaiser und Vaterland gek\u00e4mpft haben, von der Gosse dann angegriffen wurden und praktisch zur Sau gemacht wurden. Deshalb ist f\u00fcr uns Junge damals immer die Monarchie ein Begriff gewesen und der Kaiser eine Achtungsgestalt: eine Gestalt, die Achtung einfl\u00f6\u00dft, einer, der irgendwie mehr repr\u00e4sentiert wie heute ein Bundespr\u00e4sident.<br>[\u2026]<br>Und deshalb haben wir auch lange Zeit gehofft, da\u00df der Kaiser wiederkommt oder da\u00df sein Sohn irgendwie in \u00d6sterreich etwas zu sagen hat. Und unter Dollfu\u00df ist dann dieser Zeitpunkt gekommen gewesen \u2013 wo man in der fr\u00fcheren Zeit der Republik \u00fcberhaupt nichts mehr geredet hat vom Vaterland \u2013, da\u00df man uns wieder etwas vom Vaterland und von der ruhmreichen \u00f6sterreichischen Vergangenheit erz\u00e4hlt und gelehrt hat.\u201c<sup>3<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Vinzenz Schaller w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs zeugt von seiner aufrichtigen christlichen Gesinnung. \u00c4hnlich dem seliggesprochenen Widerstandsk\u00e4mpfer Franz J\u00e4gerst\u00e4tter verweigerte auch er den Dienst in der Wehrmacht, durchlief in der Folge aber ein anderes Schicksal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eMeine weltanschauliche \u00dcberzeugung habe ich damals nicht in den Vordergrund gestellt. Nicht so wie Pater [Franz] Reinisch und [Franz] J\u00e4gerst\u00e4tter; die haben beide das Religi\u00f6se in den Vordergrund gestellt.\u201c<sup>4<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Schon am 10. Oktober 1938 wurde er in Schutzhaft genommen, nach drei Wochen aber wieder entlassen. Nachdem er im Herbst 1939 gemustert wurde, erhielt er zu Weihnachten den Einberufungsbefehl. Aus ethischen Gr\u00fcnden wollte er jedoch keinen Eid auf Adolf Hitler ablegen. Diesen Entschluss teilte er dem Kompaniechef schriftlich mit, woraufhin er im J\u00e4nner 1940 verhaftet wurde. von Spittal an der Drau, wo er einger\u00fcckt war, \u00fcberstellte man ihn nach Salzburg, wo sich das Wehrmachts-Untersuchungsgef\u00e4ngnis befand. Im Zuge der Ermittlungen gegen Schaller tauchte in seinem Haus eine umgedichtete Version des \u201a<a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?p=11045\">Deutschland-Liedes<\/a>\u2018 auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eIch hab&#8216; immer gesagt: \u201aIch werde nicht demjenigen die Hand k\u00fcssen, der uns zu Bettlern gemacht hat \u2013 Adolf Hitler!\u2018 Durch den Wirtschaftsboykott, durch die 1000-Mark-Sperre und durch die ganze Unterst\u00fctzung der illegalen Front in \u00d6sterreich. Ich habe nie begriffen, wie man in \u00d6sterreich geschrien hat: \u201aHeim ins Reich!\u2018 Bitte, in \u00d6sterreich liegt die Krone des Reiches \u2013 und nicht in Berlin. Und \u00d6sterreich war der letzte Zipfel \u2013 legale Zipfel \u2013 des Reiches. Und \u00d6sterreichs christliche Politiker wu\u00dften sich verbunden mit diesem Gedanken.<br>Vielleicht nicht so sehr fr\u00fcher, wo er seine Streiche gespielt hat im Reiche, aber vom 30. J\u00e4nner 1933 an war Hitler eine Gefahr f\u00fcr Deutschland, f\u00fcr \u00d6sterreich.\u201c<sup>5<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Da s\u00e4mtliche Versuche, ihn zur Ableistung des Eides zu \u00fcberreden, fehlschlugen, wurde er schlie\u00dflich nach Berlin-Moabit \u00fcberstellt und in Einzelhaft arrestiert. Diese Behandlung zerm\u00fcrbte Schaller im Laufe der Zeit und nach zahlreichen Verh\u00f6ren stimmte er doch noch zu, den Eid abzulegen. Das Kriegsgericht verurteilte ihn daraufhin zu zweieinhalb Jahren Gef\u00e4ngnis, die nach dem Krieg zu verb\u00fc\u00dfen w\u00e4ren. Ende Juni 1940 wurde er entlassen und durfte nach Hause zur\u00fcckkehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eIch hab&#8216; [die Ableistung des Eids] abgelehnt, und daraufhin bin ich von Salzburg \u2013 ich war im Milit\u00e4runtersuchungsgef\u00e4ngnis \u2013 nach Berlin \u00fcberstellt und dort auch irgendwie in einem Raum von f\u00fcnf mal drei Metern in Haft gehalten [worden]. Leseverbot, Schreibverbot, Besuchsverbot, Arbeitsverbot. Ich war doch ein unerfahrener Mensch; man ist zusammengebrochen, ich bin jedenfalls zusammengebrochen. Ich war nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig stark, gesundheitlich, aber da\u00df man so zusammenbricht \u2013 das wei\u00df ich nicht, was gemacht wurde. Ich wu\u00dfte mir wirklich nicht mehr zu helfen, seelisch und leiblich. Ich bin ein Wrack gewesen und habe in diesem Zustand \u2013 in diesem Zustand hat man mir das Ja-Wort abgerungen: Ich schw\u00f6re [auf] Adolf Hitler. Das Gerichtsurteil hat dann trotz allem auf zweieinhalb Jahre und Frontbew\u00e4hrung gelautet.<br>[\u2026]<br>Ich bin, obwohl ich heimgeschickt wurde, nicht direkt von Berlin heimgefahren, hierher gefahren, sondern ich bin von Berlin \u00fcber Wien heimgefahren. Mein einziges Verlangen war, Dollfu\u00df&#8216; Grab zu sehen und zu sterben. [\u2026] Und von diesem Zeitpunkt an ist mein Gesundheitszustand besser geworden. Denn ich hab&#8216; das Vertrauen gehabt, da\u00df dieser als M\u00e4rtyrer f\u00fcr \u00d6sterreich gestorbene Mann mir noch zur Gesundheit verhelfen kann.\u201c<sup>6<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Mitte Juli wurde Schaller in Villach vereidigt und kurz darauf in eine Strafkompanie an der franz\u00f6sischen \u00c4rmelkanalk\u00fcste gesteckt, die als Sto\u00dftrupp beim Angriff auf England h\u00e4tte dienen sollen. Da die Durchf\u00fchrung dieser milit\u00e4rischen Operation abgesagt wurde, kam er zur\u00fcck nach Leoben, wo er dank der sch\u00fctzenden Hand eines Majors, der seinen Onkel Michael Schaller vom Ersten Weltkrieg kannte, keinen weiteren Verfolgungen ausgesetzt war. Ab Herbst 1941 galt Schaller als nicht mehr \u201akriegsdienstverwendungsf\u00e4hig\u2018 und wurde als einziger Sohn der Familie jedes Jahr mehrere Monate unabk\u00f6mmlich (u.k.) gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Ende 1943 wendete sich das Gl\u00fcck. Eine unbedachte Wette zur Kriegsdauer brachte ihm eine Anzeige ein, die von der Gestapo bearbeitet wurde. Am 8. Dezember wurde er verhaftet und \u00fcber die Zwischenstationen Lienz und Klagenfurt ins Konzentrationslager Dachau \u00fcberstellt, wo er um die Jahreswende eintraf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eIch hab&#8216; bei der letzten Verhaftung am 8. Dezember 1943 nur gefragt: \u201aWas hab&#8216; ich jetzt wieder verbrochen?\u2018 Der Gestapobeamte hat mir geantwortet: \u201aAuf Sie wurde Obacht gegeben!\u2018 Das ist das Ganze gewesen, was ich von dem Tage an, wo ich verhaftet wurde, bis zur Entlassung in Dachau geh\u00f6rt habe. Kein Urteil mehr, keine Rechtfertigung, nichts mehr. Meinen Verwandten hat man nur gesagt: \u201aSchaller wird die Freiheit nicht mehr sehen.\u2018\u201c<sup>7<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Schaller musste leidvolle Wochen im Quarant\u00e4neblock 15 zubringen, ehe er verlegt und dem Kommando f\u00fcr den Fahrzeugpark der SS zugeteilt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color has-background\" style=\"background-color:#134413\">\u201eEs gab Menschen \u2013 von den Autofahrern, wo ich besch\u00e4ftigt war \u2013, Menschen, die wahrscheinlich gezwungene SS-M\u00e4nner waren, die uns hie und da einen Sack Kartoffeln zukommen lie\u00dfen. Wenn wir eine gebratene Kartoffel zus\u00e4tzlich hatten, dann waren wir gl\u00fcckliche Menschen. Von daheim konnten wir vielleicht alle Monat ein Paket empfangen; wenn man jeden Tag zwei W\u00fcrfel Zucker zus\u00e4tzlich nehmen hat k\u00f6nnen, dann war man irgendwie \u2026 Dann wu\u00dfte man, wie nahrhaft schon Zucker alleine sein kann.\u201c<sup>8<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Als das Kriegsende n\u00e4herkam, zog sich die SS mit den arbeitsf\u00e4higen H\u00e4ftlingen in weit entfernte Lager zur\u00fcck, die noch nicht in Reichweite der alliierten Truppen lagen. Am 26. April 1945 befand sich auch Schaller in einer solchen Marschkolonne. Nach zwei Tagen ergriff er mit einem Leidensgenossen aus Innsbruck die Flucht und erreichte ersch\u00f6pft K\u00f6nigsbrunn, wo die beiden von Schulschwestern gepflegt wurden. Zwei Monate blieben sie dort, bevor sie Ende Juni zu Fu\u00df nach Hause gingen, wo Schaller in der ersten Julih\u00e4lfte ankam.<sup>9<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Welchem Zweck dient nun also die Tafel? Ist es die Erinnerung an Dollfu\u00df, die hier aufrechterhalten werden soll oder gilt das Gedenken mehr dem Vinzenz Schaller, der durch sein Verhalten im Nationalsozialismus als K\u00e4mpfer des katholischen Widerstands gilt? Um das ordentlich zu kl\u00e4ren, sollten dort ausf\u00fchrliche Infotafeln montiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-white-background-color has-background\"><span class=\"has-inline-color has-black-color\">M\u00f6chtest Du Dich erkenntlich zeigen?<\/span> <a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=6688\" data-type=\"page\" data-id=\"6688\">Hier hast Du die M\u00f6glichkeit dazu<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>1 Zitiert nach: Peter <em>Diem<\/em>, Wappen und Flagge der Republik \u00d6sterreich \u2013 eine wechselvolle Geschichte, S. 7, online unter:<br><a href=\"http:\/\/peter-diem.at\/Symbole.pdf\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/peter-diem.at\/Symbole.pdf\">http:\/\/peter-diem.at\/Symbole.pdf<\/a> (21. September 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>2 Anton <em>Draxl<\/em>, \u00dcber den J\u00f6chern. Natur und Kultur in Gsies und Villgraten (2001), S. 125, online unter:<br><a href=\"https:\/\/digital.tessmann.it\/tessmannDigital\/Medium\/Seite\/22570\/129\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/digital.tessmann.it\/tessmannDigital\/Medium\/Seite\/22570\/129\">https:\/\/digital.tessmann.it\/tessmannDigital\/Medium\/Seite\/22570\/129<\/a> (21. September 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>3 Dokumentationsarchiv des \u00f6sterreichischen Widerstandes (Hg.), Erz\u00e4hlte Geschichte. Berichte von M\u00e4nnern und Frauen in Widerstand wie Verfolgung, Bd. 2: Katholiken, Konservative, Legitimisten (Wien 1992), S. 66.<\/p>\n\n\n\n<p>4 D\u00d6W, Erz\u00e4hlte Geschichte, Bd. 2, S. 189.<\/p>\n\n\n\n<p>5 D\u00d6W, Erz\u00e4hlte Geschichte, Bd. 2, S. 67.<\/p>\n\n\n\n<p>6 D\u00d6W, Erz\u00e4hlte Geschichte, Bd. 2, S. 189f.<\/p>\n\n\n\n<p>7 D\u00d6W, Erz\u00e4hlte Geschichte, Bd. 2, S. 190.<\/p>\n\n\n\n<p>8 D\u00d6W, Erz\u00e4hlte Geschichte, Bd. 2, S. 191.<\/p>\n\n\n\n<p>9 Johannes E. <em>Trojer<\/em>, Hitlerzeit im Villgratental. Verfolgung und Widerstand in Osttirol (2016), online unter:<br><a href=\"https:\/\/books.google.at\/books?id=ejp3DwAAQBAJ&amp;pg=PT29#v=onepage&amp;q&amp;f=false\">https:\/\/books.google.at\/books?id=ejp3DwAAQBAJ&amp;pg=PT29#v=onepage&amp;q&amp;f=false<\/a> (21. September 2020)<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Links und Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><br>Peter <em>Diem<\/em>, Die Entwicklung der Wappen der \u00d6sterreichisch-Ungarischen Monarchie, online unter:<br><a href=\"http:\/\/www.peter-diem.at\/History_2\/his2.htm\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.peter-diem.at\/History_2\/his2.htm\">http:\/\/www.peter-diem.at\/History_2\/his2.htm<\/a> (21. September 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Peter <em>Diem<\/em>, Die Entwicklung des \u00f6sterreichischen Bundeswappens, online unter:<br><a href=\"https:\/\/austria-forum.org\/af\/Wissenssammlungen\/Symbole\/Bundeswappen_%C3%9Cbersicht_1919_bis_heute\">https:\/\/austria-forum.org\/af\/Wissenssammlungen\/Symbole\/Bundeswappen_%C3%9Cbersicht_1919_bis_heute<\/a> (21. September 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Peter <em>Diem<\/em>, Die Entwicklung des \u00f6sterreichischen Doppeladlers, online unter:<br><a href=\"https:\/\/austria-forum.org\/af\/Wissenssammlungen\/Symbole\/Doppeladler\">https:\/\/austria-forum.org\/af\/Wissenssammlungen\/Symbole\/Doppeladler<\/a> (21. September 2020)<\/p>\n\n\n\n<p>Martin <em>Mutschlechner<\/em>, Der Doppeladler: Habsburgs allgegenw\u00e4rtiges Zeichen, online unter:<br><a href=\"https:\/\/www.habsburger.net\/de\/kapitel\/der-doppeladler-habsburgs-allgegenwaertiges-zeichen\">https:\/\/www.habsburger.net\/de\/kapitel\/der-doppeladler-habsburgs-allgegenwaertiges-zeichen<\/a> (21. September 2020)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-small-font-size\" style=\"color:#18a211\"><br><strong>Interner Link:<\/strong><br><br>Mehr zu den Jahren von 1918 bis zum \u201eAnschluss\u201c:<br><a href=\"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/?page_id=457\" data-type=\"page\" data-id=\"457\">1918 bis zum \u201eAnschluss\u201c<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel wurde am 20. Februar 2021 \u00fcberarbeitet. Am steilen Ende eines Osttiroler Tales steht die kleine wei\u00dfe Wallfahrtskirche Maria Schnee am Hang eines Berges. Im September 2019 besuchte ich die Gegend und die Eindr\u00fccke sind unvergessen: Die Luft war frisch und klar, eine Mischung aus schwindendem Sommer und nahendem Herbst. Die Berge sind hoch, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11129,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"image","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,322,136,15,23],"tags":[691,693,694,21,692,690,689],"class_list":["post-11127","post","type-post","status-publish","format-image","has-post-thumbnail","hentry","category-1932-1938","category-austrofaschismus","category-malerei-zeichnung","category-staendestaat","category-symbol","tag-doppeladler","tag-heiligenschein","tag-kalkstein","tag-kruckenkreuz","tag-nimbiert","tag-schaller","tag-vinzenz","post_format-post-format-image"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=11127"}],"version-history":[{"count":111,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13686,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/11127\/revisions\/13686"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=11127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=11127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.worteimdunkel.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=11127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}