1944/1945 – Das Luftschutzraumnetz Innere Stadt

Dieser Artikel wurde am 25. Juli 2020 überarbeitet.

In diesem Artikel beschäftige ich mich mit einem der größten unterirdischen Bauprojekte, die in der Wiener Innenstadt wohl jemals stattgefunden haben, dem sogenannten „Luftschutzraumnetz Innere Stadt“. Dank dieses Systems sollten die tiefen alten Keller, die bis dahin als Material- oder Weinlager und Vorratsräume dienten, aber auch Grüfte und Hohlräume, die in längst vergangenen Festungsbauwerken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Kasematten und Minengängen schlummerten, in einem zusammenhängenden Wegenetz vereint werden. Auf diese Weise war es möglich, aufrechten Hauptes über Kilometer hinweg die Innenstadt zu unterqueren und mehr oder weniger bombensichere Keller aufzusuchen.


Die Anfänge


1943 wurde der erste unterirdische Gang von Hausangestellten der Zentralsparkasse auf privater Initiative angelegt. Dieser sollte eine bombensichere Möglichkeit bieten, vom Alten Rathaus in der Wipplingerstraße, in dem sich die Zentralsparkasse befand, zu den Kellern des gegenüberliegenden Hauses zu kommen, in dem sich heute der Verwaltungsgerichtshof befindet.

Der Gauleiter von Wien, Baldur von Schirach, erkannte die Sinnhaftigkeit dieser Handlung, da die Bautätigkeit, die sich im Rahmen des Führer-Sofortprogramms zur Errichtung flächendeckender Schutzbauten für die Zivilbevölkerung entfaltet hatte, bei weitem nicht ausreichend war. Er veranlasste deshalb den Bau des Luftschutzraumnetzes, das einer einheitlichen Struktur folgen sollte. Die Hauptabteilung Bauwesen der Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien war für Planung und Durchführung zuständig.

„Aus den Plänen der Gesamtanlage und als Resultat einer Teilbegehung, die Freitag den 3. März l.J. [1944] stattgefunden hat, ergibt sich, daß es sich um ein außerordentlich kompliziertes System von Räumen handelt, die in verschiedenen Stockwerken liegen und in manigfacher (sic!) Weise untereinander verbunden sind. In jedem Haus besteht eine Verbindung mit der Außenwelt, an einer weiteren Anzahl von Stellen sind solche Kommunikationen eigens geschaffen worden.“[1]

Obwohl die grundsätzlichen Überlegungen zur Anlage eines umfassenden Schutzkonzepts für die Wiener Zivilbevölkerung bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs aufgenommen wurden, dauerte es also bis zum tatsächlichen Start der baulichen Maßnahmen bis 1944. Der Grund: Die strategischen Luftangriffe erfassten nun nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten auch Österreich, da die amerikanischen Flieger nun in Foggia abheben konnten. Die Tage „Österreichs“ als „Reichsluftschutzkeller“ waren ab dem Luftangriff auf Wiener Neustadt Mitte August 1943 gezählt, womit die Schaffung ausreichender Schutzmöglichkeiten dringend durchzuführen war.


Die technischen Hürden


So wurde der Gedanke ersonnen, die tiefen Keller der Wiener Innenstadt zu einem verzweigten Netz zu verbinden, um so hunderttausenden Menschen bei Bombenalarm eine Schutzmöglichkeit zu bieten. Das Vorhaben war riesig und überforderte die technischen Möglichkeiten.

Um ein derart weit gespanntes Wege- und Schutzraumsystem vor schädlichen Außenwirkungen, die im Zuge eines Luftangriffs zu erwarten waren, wie etwa nicht atembare, heiße, rußdurchsetzte Luft oder gasförmige Kampfstoffe, zu schützen, wäre die völlige Abdichtung nötig gewesen. Dies wiederum hätte die Notwendigkeit nach sich gezogen, das abgeschottete System künstlich über mehrere Stunden belüften zu müssen. Beides – sowohl das hunderprozentige Abdichten als auch das vollständige künstliche Belüften – war nach behördlicher Einschätzung nicht möglich.

Gasförmige Kampfstoffe kamen letztendlich in den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs nicht zur Anwendung. Da die kriegführenden Parteien aber über entsprechende Waffen verfügten, die sie theoretisch jederzeit hätten einsetzen können, mussten alle Schutzraumplanungen auch auf Gassicherheit abgestimmt werden.

In einem Aktenvermerk zur Besprechung über die Sicherung bzw. Entlüftung des Luftschutzkeller- und Fluchtwegsystems im ersten Bezirk am 10. März 1944 durch die damit beauftragte Kommission wurde festgehalten:

„Als ungünstigster Fall mit dem gerechnet werden muß, wird übereinstimmend der vollkommene Abschluß des gesamten Systems angesehen. Die Möglichkeit das System vollkommen abzuschließen muß gefordert werden, im Hinblick auf ein mögliches einsaugen nicht atembarer Luft.“[2]

Es waren also im Falle von oberirdischen Bränden zwei Szenarien denkbar:
Bei optimalen natürlichen Lüftungsverhältnissen bliebe die Nachlieferung atembarer Luft von außen aufrecht.
Bei nicht optimalen Verhältnissen hingegen musste man mit dem Eindringen von Rauchgasen und dem Entzug atembarer Luft aus den Schutzkellern rechnen.

Das Volumen der zusammenhängenden Kellerräume ergab Berechnungen zufolge etwa 600.000 bis 700.000 Kubikmeter, in denen sich bei nächtlichem Alarmfall etwa 40.000 Menschen für maximal 15 Stunden und bei Tagalarm etwa 200.000 Menschen für drei Stunden aufhalten konnten, wenn man pro Person einen Kubikmeter Atemluft pro Stunde berechnet.

„Angesichts dieser Verhältnisse erscheint eine künstliche Belüftung bei einer Benützungsdauer von länger als 3 Stunden notwendig.
Allerdings ist nach übereinstimmender Ansicht aussichtslos die entsprechenden Apparate aufzutreiben und einzubauen. Hinsichtlich der natürlichen Belüftung ist angesichts der Kompliziertheit des Systems und unbekannter Außenbedingungen von vornherein nicht abzusehen, ob erwünschte oder unerwünschte Verhältnisse eintreten würden.“[3]

Auch die Feuerschutzpolizei äußerte im Februar 1945 noch Bedenken:

„Sollten jedoch in Zukunft auf die Innenstadt so genannte kombinierte Angriffe geflogen werden, das heisst nach Sprengbomben auch eine grössere Anzahl von Brandbomben zum Abwurf kommen, ist mit dem Ausbruch von grossen Bränden, die sich auf Grund der dichten Verbauung sehr leicht zu Flächenbränden ausdehnen könnten, zu rechnen. Hierbei sind besonders die in den verschiedenen Straßen der Innenstadt gelegten Zugänge zu diesen Schutzräumen gefährdet, da bei dem Ausbruch von Totalbränden die über diesen Zugängen liegenden Häuser wahrscheinlich bis zum ersten Keller in Brand geraten werden. Bei dieser Lage besteht durchaus die Möglichkeit, dass sich entwickelnde strahlende Hitze und bei nicht vollständiger Verbrennung in den unteren Stockwerken entstehenden Kohlenoxydgase in die unter diesen brennenden Häuser liegenden Katakomben eindringen und die dort schutzsuchenden Personen gefährden können.“[4]

Wegweiser des Luftschutzraumnetzes Innere Stadt
Wegweiser eines Hauptfluchtweges 1. Ordnung des Luftschutzraumnetzes Innere Stadt.


Die Gänge und Bauwerke


Die Wege, die durch dieses unterirdische Raumlabyrinth führten, waren in drei Kategorien eingeteilt: Es gab Hauptfluchtwege 1. Ordnung und 2. Ordnung sowie Nebenfluchtwege. Sie führten hauptsächlich durch jene tiefen Keller, die unterhalb des ersten Kellerstockwerks lagen. Um Verbindungen zwischen auseinanderliegenden Kellergewölben herzustellen oder nicht unterkellerte Bereiche zu überbrücken, wurden viele Tunnel unter Straßen angelegt oder Gänge unter öffentlichen Plätzen geführt.
Die verbunkerten Ausstiegsbauwerke aus dem Wegesystem befanden sich auf Plätzen oder in Parks, die als trümmersicher eingeschätzt wurden. So war gewährleistet, dass die Menschen nach der Entwarnung das Luftschutzraumnetz verlassen konnten, ohne Gefahr zu laufen, hinter verlegten Ausgängen eingesperrt zu werden. Solche Bauwerke waren im Stadtpark, am Morzinplatz, am Rudolfsplatz, im Volksgarten, am Hof, bei der Mölker Bastei oder im Burggarten projektiert, jedoch wurden bis Kriegsende nicht alle gebaut.

Beispielhaft berichtet der Zeitzeuge Ernst Ungrad:

„Im Jahr 1944 wurde eine Verbindung zwischen den benachbarten Häusern gegraben, etwa zum Wohnhaus Wollzeile 9–11, in dem sich eine jüdische Organisation befand. Der Aushub wurde im Keller gelagert und mit Bohlen abgesichert. Von hier aus verlief mein ständiger Weg durch den Wiener Untergrund bis in den Stiftskeller des Heiligenkreuzerhofes […]“[5]

Der in diesem Zitat geschilderte Weg beträgt in etwa 200 Meter Luftlinie, die der damals 14-Jährige unterirdisch zurücklegen musste, um als Melder vermutlich im nächstgelegenen Befehlsraum Bericht zu erstatten.

Die oben im Bild erkennbaren Wegweiser zum Kohlmarkt und Morzinplatz entsprechen einer Luftlinie von etwa 600 Metern. Dabei handelte es sich jedoch nur um einen Abschnitt eines Teilstranges im System. Die nächstgelegenen Ausstiegsbauwerke befanden sich am Morzinplatz und im Burg- oder Volksgarten, womit schon dieser Strang allein eine Länge von etwa einem Kilometer erreichte.


Nach dem Krieg


Nachdem das Luftschutzraumnetz Innere Stadt nach dem Krieg keinen sinnvollen Zweck mehr erfüllte, wurden die Gänge, die sich unter der ganzen Stadt dahinzogen, abgemauert. Heute gibt es nur noch wenige schriftliche Spuren wie den oben gezeigten Wegweiser. Viele tiefe Kelleretagen wurden mit Kriegsschutt aufgefüllt und zugemauert, wobei vermutlich viele Beschriftungen entweder zerstört oder im Gegenteil für zukünftige Museen und historische Führungen konserviert wurden, sofern sie eines Tages wieder zugänglich gemacht werden. Andere Keller wiederum wurden im Laufe der Zeit renoviert, der alte Verputz mit den Beschriftungen entfernt und durch einen frischen ersetzt.


Fußnoten:


[1] Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik, Oberbergamt für die Ostmark Wien, Grundsetzliche (sic!) Bemerkung zur Inbetriebnahme des Keller- und Fluchtwegsystems für Luftschutzzwecke im 1. Bezirk, Signatur 35/1944, Gz 11694.

[2] + [3] ÖStA, AdR, Oberbergamt für die Ostmark Wien, Besprechung über die Sicherung, bzw. Entlüftung des Luftschutzkeller und Fluchtwegsystem im 1. Bezirk, Signatur 35/1944, Gz 11694.

[4] Zitiert nach: Wien Geschichte Wiki, Luftschutz-Raum-Netz Innere Stadt, online unter:
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Luftschutz-Raum-Netz_Innere_Stadt (25. Juli 2020)

[5] Marcello La Speranza, Bomben auf Wien. Zeitzeugen berichten (Wien 2003) S. 168.


Links und Literatur:


Marcello La Speranza, Der zivile Luftschutz in Österreich 1919–1945. In: Republik Österreich, Bundesminister für Landesverteidigung (Hg.), Kuckucksruf und Luftschutzgemeinschaft. Der Luftschutz der Zwischenkriegszeit – Avantgarde der modernen ABC-Abwehr und des zivilen Luftschutzes (Schriftenreihe ABC-Abwehrzentrum 8, Korneuburg 2019) S. 116–121.

Marcello La Speranza, Erforscht. NS- und Kriegsspuren in Wien, Expeditionen, Hinterlassenschaften und Zeitzeugen, Bd. 2 (Wien 2016) S. 81–120.


Interne Links:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=1343

Mehr zum Luftschutz:
https://www.worteimdunkel.at/?page_id=490#luftschutz

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