1944/1945 – Eine Zeitkapsel unter Wien

Heute, liebe Leserinnen und Leser, nehme ich euch zu einer extrem spannenden Erkundung mit, die uns tief unter Wien in die Mitte einer Zeitkapsel führt. Hier ist die Situation so stehengeblieben, wie sie zu Kriegsende respektive kurz danach zugeschüttet wurde. Aus diesem Grund möchte ich euch bitten, zuerst das Video anzusehen, damit ihr seht, in welcher wilden Umgebung die Zeitkapsel völlig unvermittelt aufgetaucht ist. An diesem Ort warteten einige Worte im Dunkel auf das Licht meiner Taschenlampe, die ich im Artikel näher erläutere.

Um die Stimmung des Kellers besser nachempfinden zu können, solltet ihr den knapp viertelstündigen Film, in dem ich ständig kommentiere, in völliger Dunkelheit und Stille ansehen:

Die Erforschung der Zeitkapsel

Mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit haben Soldaten der Wehrmacht gegen Kriegsende in diesem Keller ihre Wehrmachtausrüstung entsorgt. In dem kleinen Raum liegen Gasmasken, Gasmaskenbehälter (im Video fälschlich als Tornister bezeichnet), Reste eines Gürtels mit Schnalle, ein Waffen- und Ausrüstungsgurt bzw. Tragegestell mit verschiedenen Taschen, ein zerfallender vermodernder Mantel und ebensolche Handschuhe. An Papierresten gab es den „Kleinen Wehrmachtsfahrschein“ für die Eisenbahn und die Fahrscheine für die Wiener Verkehrsbetriebe zu entdecken sowie ein nicht ausgefülltes Formular einer Fernsprecheinrichtung.
Am Treppenabsatz zum vermauerten Durchgang in den Keller des Nebenhauses lag weiters eine Erkennungsmarke und ein kleines Buch mit Liedern und Gebeten.

Sehen wir uns nun an, was die verschiedenen schriftlichen Hinterlassenschaften bedeuteten:


Gürtelschnalle mit dem Spruch „Gott mit uns“


Die Berufung eines Herrschergeschlechts auf seine göttliche Herkunft diente in früheren Zeiten als Abgrenzung und Erhöhung gegen das Volk. Schon ab 1701 war „Gott mit uns“ der Wahlspruch Preußens und ab 1871 des deutschen Kaiserreichs bis die deutschen Soldaten zwischen 1914 und 1918 mit diesem Spruch an der Gürtelschnalle in den Krieg zogen. Diese pseudochristliche Tradition setzte sich anschließend in der Reichswehr fort und mündete nahtlos in die Gürtelschnallen der Wehrmacht mit Ausnahme der Luftwaffe.

Betrachten wir uns das gespaltene Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Kirche, so erscheint die Instrumentalisierung Gottes für die Zwecke des deutschen Angriffskrieges auf den ersten Blick wie Hohn. Doch die deutsche Führung wusste natürlich, dass ein großer Teil der eingezogenen Soldaten gläubig war und suggerierte den Männern auf diese Weise Gottes Einverständnis mit dem Krieg. Sie führten sozusagen die göttliche Legitimation für den Krieg in der Gürtelschnalle mit sich.

Gürtelschnalle
Gürtelschnalle


Evangelisches Feldgesangbuch


Am Treppenabsatz zur abgemauerten ehemaligen Öffnung in den Nachbarkeller lag ein Büchlein mit Liedern und Gedichten aus dem Verlag E. S. Mittler und Sohn in Berlin. Dieser Verlag wurde 1789 gegründet und existiert noch heute, wobei sich der Sitz des Verlages nach Eingliederung in die Tamm Media Holding nach Hamburg verlagert hat. Die Recherche ergab, dass es sich bei dem gefundenen Büchlein um ein „Evangelisches Feldgesangbuch“ handelt, das klein genug war, um in den Taschen der Uniform Platz zu finden. Das Buch war folgendermaßen eingeteilt:

  • Deutsches Soldatentum
  • Gebete
  • Choräle
  • Lieder
  • Kernsprüche
Ein Lieder- und Gebetsbuch für Soldaten
Das evangelische Feldgesangbuch in der Zeitkapsel

Unter den Chorälen befindet sich das bekannte „Großer Gott, wir loben dich“, das jedoch mit zwei neuen Strophen ausgestattet wurde, die dem Soldaten stets vor Augen führen sollten, wofür er zu singen und zu beten hatte:

„Alle Lande, Herr, sind dein, dein, o Gott, sind alle Meere. Dir soll drum befohlen sein, unser Leben, unsre Ehre, strecke segnend deine Hand über unser Vaterland.“

Um den Status Adolf Hitlers nicht womöglich hinter jenem Gottes verblassen zu lassen, wurde jene neue Strophe geschaffen, die auch am Bild links oben zu lesen ist:

„Dort wo unsre Fahnen wehn, seis zu Lande, seis zu Meere, laß die Treue Schildwach stehn, sei uns selber Waff’n und Wehre! Losungswort sei allzugleich: „Treu zu Führer, Volk und Reich.“

Aufgeschlagene Seite des Liederbuches
Aufgeschlagene Seite des Feldgesangbuches

Der Inhalt des Feldgesangbuchs entspricht im Wesentlichen dem evangelischen Kirchengesangbuch, allerdings wurden hebräische Begriffe entfernt oder umgetextet. So wurde aus der Strophe

„Heilig, Herr Gott Zebaoth! Heilig, Herr der Himmelsheere!
Starker Helfer in der Not! Himmel, Erde, Luft und Meere
sind erfüllt von deinem Ruhm, alles ist dein Eigentum.“

dieser Reim geschmiedet:

„Heilig, Herr allmächt’ger Gott, heilig, Herr der Kriegesheere,
starker Helfer in der Not, Himmel, Erde, Luft und Meere
sind erfüllt von deinem Ruhm, alles ist dein Eigentum.“


Die Erkennungsmarke der Artillerie-Ersatz-Abteilung 109


Die Erkennungsmarke eines der Soldaten ist unbeschädigt und lag neben dem linken Treppenabsatz unterhalb eines kleinen leeren Ledertäschchens, das mit einem dicken Faden verschnürt war. Die eingeprägten Daten lauten:

49 A STAMMB SAEA 109

Unter der Zahl 49 fand man in der Ausgabeliste die persönlichen Daten des Soldaten.
Die Angabe A bezieht sich auf seine Blutgruppe.
STAMMB SAEA 109 bedeutet Stammbataillon der schweren Artillerie-Ersatz-Abteilung 109.

Erkennungsmarke
Erkennungsmarke

Die Gründung der Artillerie-Ersatz-Abteilung 109 geht zurück auf das Jahr 1939. Am 26. August wurde sie in Wien als schwere motorisierte Abteilung aufgestellt und der Division 177 unterstellt. Mit Oktober 1942 wurde sie in eine Ersatz- und eine Ausbildungs-Abteilung aufgeteilt. Diese Trennung wurde am 10. April 1943 aufgehoben und die Einheit als Artillerie-Ersatz-und-Ausbildungs-Abteilung 109 wiedervereinigt.[1]

Letztere spielte im militärischen Widerstand eine große Rolle. Gemäß den Angaben verschiedener Autoren entstand Ende 1943, nach Angaben des Unteroffiziers Georg Krasser bereits 1942, eine Widerstandsgruppe innerhalb der Artillerie-Ersatz-Abteilung 109 am Standort Brünn, die sich dann nach Amstetten und Wels verlagerte. Krassers Cousin Oberleutnant Hans Janauschek war der Adjutant des Abteilungskommandeurs, der Kraft seines Amtes wichtige Posten im Stab mit antinazistisch und proösterreichischen Männern besetzte: Krasser wurde der Sachbearbeiter für Unteroffiziere und Mannschaften, Franz Derndorfer war für die Offiziere zuständig. Die beiden schickten nun hauptsächlich „Altreichsdeutsche“ und überzeugte Nationalsozialisten an die Front zu den Kampftruppen, während proösterreichische Soldaten in der Ersatzabteilung blieben. Alle drei gehörten der katholischen Studentenverbindung Norica an, woher sie sich schon vor dem Krieg kannten.

Janauschek war einer der wichtigsten Männer in diesem Umfeld des militärischen Widerstands. Er nahm im Laufe des Krieges Verbindung mit Major Carl Szokoll auf, der in Wien versuchte, die möglichst kampflose Übergabe der Stadt an die Rote Armee vorzubereiten.

Im April 1943 kam Hugo Pepper zu der Gruppe, der die proösterreichischen Aktivitäten unterstützte. Er organisierte zudem Waffen und Munition und kontaktierte eine tschechische Widerstandsgruppe. Nach etwa einem Jahr wurde er einer ungesicherten Überlieferung zufolge von Abteilungskommandant Viktor Estermann auf seine Tätigkeiten angesprochen und in die Widerstandsgruppe integriert.

„Beginnend mit Februar 1942 bildete sich ausgehend vom Stab der Abteilung eine kleine Widerstandsgruppe, die im Laufe der Zeit circa 150 – heimattreue österreichische – Soldaten vom Fronteinsatz zurückhalten konnte. Auf diese Weise wurden das Offizierskorps und vor allem die Schreibstuben der einzelnen Abteilungsbatterien sukzessive mit verlässlichen Personen besetzt. Zum Zeitpunkt der von Major Szokoll bewerkstelligten Verlegung der Abteilung von Brünn nach Amstetten im Dezember 1944 bestand also etwa ein gutes Fünftel der Abteilung aus österreichisch gesinnten Personen.“[2]

Szokoll versuchte Ende 1944 hauptsächlich proösterreichische Einheiten auf ehemals österreichischem Boden zu stationieren, was teilweise auch gelang. Im Dezember ließ er das Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsregiment 44 von Brünn nach Wels versetzen. Diesem unterstanden drei Einheiten, darunter die Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 109, die allerdings nicht in Wels, sondern in Amstetten stationiert wurde.

Um die Abteilung aus den Angriffsbereichen der Roten Armee, die bei ihrem Durchmarsch Richtung deutschem „Altreich“ angenommen werden konnte und dem Einflussbereich des Gauleiters von Oberdonau, August Eigruber, zu entziehen, wurde sie Anfang 1945 unter dem Vorwand, einen Ausbildungsposten zu errichten, nach Hollenstein 50 Kilometer südlich von Amstetten verlegt. Sämtliche Arbeiten, die offiziell der Vorbereitung des Kampfes gegen die Rote Armee dienen sollten, zielten in Wirklichkeit darauf ab, sich in Hollenstein einzurichten, um dort das Kriegsende abzuwarten. Von den Soldaten der Abteilung waren nun etwa 130 bis 150 in Hollenstein und 300 bis 400 in Amstetten stationiert.

Der Widerstand der Abteilung 109 war jedoch nicht nur in Hollenstein mit der Einrichtung des Stützpunkts beschäftigt. In Amstetten wurde der Aufbau der Verteidigung gegen die Rote Armee sowie diverse Telefonleitungen sabotiert und der Volkssturm wurde mit Munition versorgt, die nicht zu dessen Waffen passten.

Am 6. Mai wurde die Abteilung aktiv, um die Lage in Hollenstein beim Einmarsch der Roten Armee unter Kontrolle zu haben. Sie entwaffnete die Soldaten des Reichsarbeitsdienstes sowie die Gendarmerie und verhaftete Parteifunktionäre, die Gendarmen und den Bürgermeister. Eine Anekdote erzählt von der angeblichen kurzzeitigen Gefangennahme von Generaloberst Lothar Rendulic, dem Befehlshaber über die Heeresgruppe Ostmark, durch Krasser im Zuge einer zufälligen Begegnung.

„Estermann und Janauschek sind im Empfangsraum gesessen. Ich hab ihnen in kurzen Worten gesagt, was geschehen ist, und hab die Koppel mit der Pistole vom Rendulic dem Estermann auf den Tisch hingelegt. Wie Estermann den Rendulic sieht, ist er strammgestanden und hat gesagt: ‚Krasser, das geht so nicht. Der Krieg ist zu Ende, das sieht ja jeder, aber das muss man freundlicher machen. Krasser, gib her.‘ Und dann hat er dem Rendulic wieder die Waffe gegeben und ihn mit der Bitte sich nicht gegenseitig zu behindern rausgelassen.“[3]

Ob es sich tatsächlich um Rendulic handelte, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei feststellen.

Nach diesem kurzzeitigen aktiven Widerstand mussten die Abteilungsangehörigen jedoch in die Berge fliehen, nachdem sie von in Richtung Westen flüchtenden SS-Einheiten und den befreiten RAD-Soldaten angegriffen worden waren. Im Zuge dieser Schusswechsel starben drei bis fünf Soldaten der Artillerie-Ersatz-Abteilung 109.

Im Anschluss setzten sich einige Soldaten der Abteilung über die Enns ab, um sich den Amerikanern zu ergeben, andere schlugen sich von den Bergen in ihre Heimatorte durch und andere wiederum, die in Hollenstein auf die Sowjetarmee warteten, gingen trotz ihrer Mitgliedschaft im Widerstand in Gefangenschaft, aus der die letzten erst 1949 zurückkehrten.

Die Eigenbezeichnung dieser militärischen Widerstandsgruppe lautete „2. Österreichische Befreiungsbrigade“.[4]

Ob der Träger der im Keller gefundenen Erkennungsmarke selbst Angehöriger des militärischen Widerstands war, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Anfrage bei der Abteilung für personenbezogene Auskünfte im Bundesarchiv Berlin läuft noch.


Kleiner Wehrmachtfahrschein, Fahrschein der Wiener Verkehrsbetriebe, Fernsprechschein und die Feldpostnummer 38257

Fahrscheine, eventuell die Urlaubsunterlagen des Soldaten, der hier seine Ausrüstung entsorgte
Fahrscheine, eventuell die Urlaubsunterlagen des Soldaten, der hier seine Ausrüstung entsorgte

Konnte ein Soldat seinen Urlaub antreten oder wurde er zu einer Einheit an einem anderen Ort versetzt, so stattete ihn sein vorgesetzter Offizier mit einem „Kleinen Wehrmachtfahrschein“ aus. Dieser bestand aus Teil 1 und im Falle einer Rückfahrt aus Teil 2. Der erste Teil wurde bei Antritt der Eisenbahnfahrt dem Zugpersonal übergeben, während der zweite Teil beim Reisenden verblieb und erst am Ende der (Retour-)Fahrt abgegeben wurde.

Ein blauer diagonal über den Wehrmachtfahrschein verlaufender Balken bedeutete, dass die Wehrmacht die Kosten übernahm und die Fahrt über eine Distanz von mehr als 200 Kilometern reichte. Ein roter Balken kennzeichnete Fahrten unter 200 Kilometern. Trug ein Schein keinen Diagonalbalken, so musste die Fahrt vom Reisenden selbst bezahlt werden.

Zusätzlich zum kleinen gab es auch den großen Wehrmachtfahrschein. Während der kleine für Fahrten einzelner Personen oder von Diensthunden ausgestellt wurde, galt der große als Fahrschein für Gruppen.

Wehrmachtfahrschein vom 5. Februar 1945
Wehrmachtfahrschein vom 5. Februar 1945, Vorderseite Teil 1

Auf der Vorderseite des kleinen Wehrmachtfahrscheins war vermerkt, ob der Soldat zweiter oder dritter Klasse reiste oder ob es sich um einen Diensthund handelte, weiters das mitgeführte Gepäck. Die Zeilen darunter enthielten die Informationen des Start- und Zielbahnhofs sowie der vorgegebenen Route. Rundreisen und Zickzackfahrten zwischen Start und Ziel waren nicht erlaubt. Die Vorderseite des Scheins endete mit dem Datum der Ausfertigung, Name und Dienstgrad des ausstellenden Offiziers, der Feldpostnummer und dem Dienststempel.

Rückseite des Wehrmachtfahrscheins
Rückseite des Wehrmachtfahrscheins, Rückseite Teil 2

Auf der Rückseite waren die Transportbedingungen sowie die Daten des gebuchten Zuges und des Reisenden einzutragen.


Die Feldpostnummer 38257

Anhand der am kleinen Wehrmachtfahrschein vermerkten Feldpostnummer (FPN) konnte ich feststellen, dass mindestens ein zweiter Soldat an der Entsorgung der hier gefundenen Dinge beteiligt gewesen sein musste. Eine FPN war sozusagen das militärische Äquivalent zu einer Postleitzahl. Jede militärische Einheit verfügte über eine eigene FPN, sodass jegliche Post, die an einen Soldaten mit bekannter FPN verschickt wurde auch ihr Ziel erreichte, sofern die betroffene Einheit nicht durch Kriegshandlungen aufgelöst, versprengt, gefangengenommen oder auf andere Weise unerreichbar geworden war. Die hier im Keller entdeckte Feldpostnummer 38257 stand für die vierte Kompanie der Eisenbahn-Nachrichten-Abteilung 303. Der Soldat, der seine Papiere hier verlor, ablegte oder entsorgte, gehörte also dieser Abteilung an.

Die Eisenbahn-Nachrichten-Abteilung 303 wurde am 1. Februar 1941 im Wehrkreis II (Stettin) aufgestellt und trug zu diesem Zeitpunkt noch die Bezeichnung Nachrichten-Abteilung 303. Die Umbennennung unter Hinzufügung des Wortes „Eisenbahn“ erfolgte ein Jahr später am 5. Februar 1942. Diese Abteilung war dem Chef des Transportwesens unterstellt und somit nicht primär an Kampfhandlungen beteiligt, sondern für die Nachrichtenübermittlung im militärischen und kriegswirtschaftlichen Eisenbahntransportwesen zuständig.

Straßenbahnfahrschein im Wert von 25 Reichspfennig
Fahrschein der Wiener Verkehrsbetriebe im Wert von 25 Reichspfennig


Die Jahreszahl 1944 und rote Wegweiser

Mit roter Farbe wurde in diesem Abschnitt des Schutzraumnetzes die Jahreszahl 1944 als Jahr der Errichtung vermerkt.
Mit roter Farbe wurde in diesem Abschnitt des Schutzraumnetzes die Jahreszahl 1944 als Jahr der Errichtung vermerkt.

Kurz nach Ende des verschütteten Bereiches ist die Zahl 1944 in verronnener roter Farbe an der Kellerwand zu entdecken. Ich vermute, dass die ausführenden Personen hier das Jahr der Adaptierung des Kellers für Zwecke des „Schutzraumnetzes Innere Stadt“ vermerkten.

1944 wurde dieser Abschnitt des Schutzraumnetzes angelegt
1944 wurde dieser Abschnitt angelegt

Außerdem gibt es zwei Wegweiser zu entdecken, nämlich die in roter Farbe freihändig mit einem Pinsel aufgemalten Buchstaben B und K, jeweils mit einem roten Pfeil versehen. Über dem roten Pfeil neben dem B ist zusätzlich ein größerer weißer Pfeil aufgemalt, der in die gleiche Richtung zeigt, aber aufgrund des weißen Untergrundes nur schwer zu erkennen ist.

Ein vermauerter Durchgang in den Keller des Nebenhauses, wo sich das Schutzraumnetz fortsetzte
Ein vermauerter Durchgang in den Keller des Nebenhauses, wo sich das Schutzraumnetz fortsetzte

Für die Deutung dieser Wegweiser gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Als das Schutzraumnetz angelegt wurde, mussten manche Hinweise und Informationen provisorisch aufgetragen werden. Möglicherweise dienten diese roten Buchstabenmarkierungen also schon ab 1944 den schutzsuchenden Personen in den Kellern zur Orientierung in den kilometerlangen unterirdischen Wegen.
  2. Die zweite Deutungsmöglichkeit ist im Jahr 1945 angesiedelt. Wie aus Zeitzeugenberichten hervorgeht, entdeckte die Rote Armee schon während des Kampfes um Wien dieses unterirdische Wegenetz. Eventuell stammen die Wegweiser also von Soldaten der Roten Armee oder später hinzukommenden westalliierten Besatzungssoldaten, die sich mit diesen einfachen Hinweisen die Orientierung erleichterten bis die Verbindungsgänge und -öffnungen schlussendlich an den Grundstücksgrenzen zugemauert wurden.
Die Öffnung ins Nachbarhaus versinkt fast im Ziegelschutt des Zweiten Weltkriegs
Die zugemauerte Öffnung ins Nachbarhaus versinkt fast im Ziegelschutt des Zweiten Weltkriegs


Fußnoten:


[1] Lexikon der Wehrmacht, Artillerie-Ersatz-Abteilung 109, online unter:
http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/ArtErsAbt/ArtErsAbt109-R.htm (14. Oktober 2020)

[2] Stephan Roth, Widerstand in der Wehrmacht am Beispiel der Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 109, S. 71, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2009, Schwerpunkt Bewaffneter Widerstand, Widerstand im Militär (Wien 2009), online unter:
https://www.doew.at/cms/download/drnc5/jahrbuch_09_web.pdf (14. Oktober 2020)

[3] Interview mit Georg Krasser durch Stephan Roth, zitiert nach: Roth, Widerstand, S. 82.

[4] Text zur Artillerie-Ersatz-Abteilung 109 beruht auf Stephan Roth, Widerstand in der Wehrmacht am Beispiel der Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 109, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Jahrbuch 2009, Schwerpunkt Bewaffneter Widerstand, Widerstand im Militär (Wien 2009), online unter:
https://www.doew.at/cms/download/drnc5/jahrbuch_09_web.pdf (14. Oktober 2020)


Links und Literatur:


Zu „Gott mit uns“:

Lukas Mihr, Gott mit uns: Unternehmen Barbarossa, online unter:
https://hpd.de/node/11713 (14. Oktober 2020)

Horst Dieter Schlosser, Die Macht der Worte. Ideologien und Sprache im 19. Jahrhundert, S. 55, online unter:
https://books.google.at/books?id=3YbpDAAAQBAJ&lpg=PP1&hl=de&pg=PA55#v=onepage&q&f=false (14. Oktober 2020)


Zum evangelischen Feldgesangbuch:

Dietrich Kuessner, Mit Chorälen in den Zweiten Weltkrieg, online unter:
http://bs.cyty.com/kirche-von-unten/archiv/kvu040/choraelen.htm (15. Oktober 2020)

museum digital, Museum Wolmirstedt, Evangelisches Feldgesangbuch, online unter:
https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=76853 (19. Oktober 2020)


Zum „Kleinen Wehrmachtfahrschein“:

Axis History, Kleiner Wehrmachtfahrschein, online unter:
https://www.axishistory.com/books/360-germany-unsorted/militaria/9029-kleiner-wehrmachtfahrschein (19. Oktober 2020)

Military Intelligence Division, War Department, The Exploitation of German Documents, online unter:
https://books.google.at/books?id=_m1NAQAAMAAJ&pg=PA25#v=onepage&q&f=false (19. Oktober 2020)


Zur Feldpostnummer 38257:

Feldpostnummern der Eisenbahn-Nachrichten-Abteilung 303, online unter:
http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/EisenbahnNachrAbt/EisenbahnNachrAbt303-R.htm (20. Oktober 2020)

Informationen zur Eisenbahn-Nachrichten-Abteilung 303, online unter:
http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Gliederungen/NachrichtenEinheitenEisenbahn/ENA303.htm (20. Oktober 2020)


Interner Link:

Mehr zu den Jahren von 1939 bis Kriegsende:
1939 bis Kriegsende

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